Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Loveparade - Tragödie in jeder Hinsicht

Bielefeld (ots) - Aus dem »Fest der Liebe« ist eine Tragödie geworden: die Duisburger Loveparade als Tanz in den Tod. Was ein weiterer Höhepunkt im Rahmen des Kulturfestivals »Ruhr 2010« werden sollte, geriet zur Katastrophe. Eine Woche nach dem begeisternden Still-Leben auf der A 40 mit mehr als drei Millionen Besuchern und tollen Bildern blickt die Welt wieder auf Nordrhein-Westfalen - und ist fassungslos. 19 Tote, hunderte Verletzte sowie unzählige traumatisierte Besucher und Einsatzkräfte sind die immer noch vorläufige und doch unendlich traurige Bilanz. Und so sehr man sich vor voreiligen Schlüssen hüten muss, so sehr drängt sich der Verdacht auf, dass es im Vorfeld der Veranstaltung zu entscheidenden Fehlern kam. Offensichtlich hat der Ehrgeiz über die Vernunft gesiegt. Sicherheitsbedenken gab es, doch sie blieben weitgehend ungehört. Ob es dabei mehr um Reputation oder um Profit ging, ist unerheblich. Jedenfalls barg ein eingezäuntes Gelände zwischen Bahngleisen und Autobahn per se Gefahren. Auch ist zweifelhaft, ob Duisburg überhaupt der richtige Ort für eine Veranstaltung dieser Größenordnung sein konnte. Nicht ohne Grund hatte Bochum die Parade 2009 abgesagt. Und vor allem: Wie konnte man glauben, dass ein einziger Zugang, der noch dazu durch einen 300 Meter langen Tunnel führt, kein wesentliches Problem darstellt? Eine Frage, die auch nach der gestrigen Pressekonferenz bleibt. Sicher muss allen Beteiligten - dem Veranstalter wie den Verantwortlichen von Stadt und Polizei - zugestanden werden, dass auch sie unter den grauenvollen Eindrücken des Vorabends standen. Trotzdem entwickelte sich ihr Auftritt zur zweiten Katastrophe. Alle Beteiligten versuchten gleichermaßen hilflos, die Verantwortung weiterzuschieben. Dazu gehörte auch der Versuch, die Besucherzahl kleinzurechnen. Das alles mag menschlich und juristisch plausibel sein. Für die Betroffenen muss es unerträglich gewirkt haben, wie die zahlreichen Beiträge in sozialen Netzwerken und Internetforen belegen. Kein Wunder, wenn da aus Trauer blanke Wut wird. Auf die Staatsanwaltschaft wartet nun viel Arbeit. Sie hat die Aufgabe, Licht ins Dunkel zu bringen. Das wird sie tun, weil es ihr Job ist und nicht etwa, weil Politiker eine »rückhaltlose Aufklärung« fordern - ohnehin eine schwer erträgliche Formulierung. Überhaupt wünscht man sich mehr Innehalten, mehr Stille. Niemanden kann es wundern, dass Politiker gleich welcher Partei und gleich welchen Amtes im Moment der Tragödie genauso bestürzt, aber auch genauso ahnungslos wie die allermeisten sind. Dann aber sollten sie das auch sagen oder schweigen. Und wir Medien sollten ihnen dabei helfen, indem wir unsere Fragen nicht an die Falschen richten. Wo Trauer Raum braucht, tut Mäßigung gut. Mäßigung, die zuerst den 19 Menschen geschuldet ist, die ihr Leben verloren haben. Was immer sich im Laufe der Ermittlungen herausstellt, es bringt sie nicht zurück und nimmt ihren Familien, Freunden und Bekannten nichts von ihrer Trauer.

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