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Neue Westfälische (Bielefeld): Deutsch-türkisches Verhältnis Trauriger Tag Sigrun Müller-Gerbes

Bielefeld (ots) - Der erste Reflex auf die verschärfte Tonlage der Türkei gegenüber ist emotional: Endlich, möchte man rufen, endlich fällt die Bundesregierung dem Despoten aus Ankara in den Arm, setzt seinem Größenwahn Grenzen. Lange genug ist er uns auf der Nase herumgetanzt; hat unsere Politiker als Nazis beschimpft, weil sie ihm Propagandaauftritte hierzulande verwehrten; hat Abgeordneten den Besuch bei deutschen Soldaten in der Türkei verwehrt; hat einen deutschen Staatsbürger nach dem anderen unter immer abenteuerlicheren Vorwürfen inhaftiert. Schluss damit! Für Genugtuung aber gibt die Eskalation leider keinen Anlass. Eigentlich ist der gestrige Tag ein trauriger Tag. Er macht deutlich, dass auch Berlin diese Türkei, der man sich über so viele Jahre angenähert hat, nun als Partner verloren gibt. Eine Alternative dazu gibt es nicht mehr. Lange war hinter den Kulissen versucht worden, mit Recep Tayyip Erdogan zu verhandeln, auf leisem, diplomatischem Weg die Probleme aus der Welt zu schaffen. Die Reaktion aus Ankara: Gepolter und weitere Willkür. Seit mehr als 150 Tagen sitzt der Journalist Deniz Yücel inzwischen in Haft, nun ereilt den Menschenrechtler Peter Steudtner das gleiche Schicksal. Dass im politischen Berlin unter der Hand kolportiert wird, Erdogan habe Yücel gegen Generäle austauschen wollen, die bei uns nach dem Putschversuch als Asylbewerber Schutz suchen, spricht Bände: Diplomatie prallt ab an jemandem, der sein eigenes Machtstreben an die Stelle von Recht setzt. Nun also auf die harte Tour: Schärfere Warnungen an deutsche Türkei-Touristen, Drohung mit dem Entzug von Wirtschaftsförderung, eine "grundsätzliche Neuausrichtung" der Türkeipolitik. Ob das alles dazu führen wird, Yücel, Steudtner und ihre Leidensgenossen rascher nach Hause zu bringen? Das steht in den Sternen. Die ersten Reaktionen aus Ankara sind beleidigt wie stets. Aber: Wirtschaftszusammenarbeit und Tourismus sind die einzigen wirklichen Hebel, die dem Westen bleiben - die Türkei ist wirtschaftlich bereits angeschlagen, ein ernsthafter Einbruch könnte Erdogans Beliebtheit im Lande schaden. Also besteht ein Fünkchen Hoffnung auf ein Einlenken. Doch selbst wenn: Das deutsch-türkische Verhältnis liegt in Scherben. Es wieder zu kitten, liegt derzeit nicht in der Hand der Bundesregierung.

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