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Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Die USA nach dem Attentat von Arizona Wendepunkt JOACHIM ROGGE, WASHINGTON

Bielefeld (ots) - Für einen Moment hat Amerika nach dem Schock der Schüsse von Tucson tatsächlich innegehalten. Und wie so oft nach nationalen Tragödien in der Vergangenheit hat sich die schockierte Nation hinter ihrem Präsidenten gesammelt. Den hohen Erwartungen ist Barack Obama mit seiner bewegenden Rede gerecht geworden. Als Tröster der Nation und nicht als Ankläger trat Obama, mehr Pastor als Politiker, vor seine trauernden Landsleute. Dass er kein Wort verlor über Amerikas laxe Waffengesetze, die geradezu absurde Vernarrtheit in Pistolen und Gewehre, mag aus europäischer Sicht ein Versäumnis darstellen. Doch in Amerika lässt sich mit solchen Hinweisen nichts gewinnen. Obama weiß das. Dass heißt indes nicht, dass Amerika schon in Kürze, wenn die Schockwellen verebbt sind, wieder zur Tagesordnung übergehen wird. Die politische Aufarbeitung, welche politische Folgen aus den Schüssen von Tucson zu ziehen sind, wird kommen. Und Obamas Wort wird dabei besonderes Gewicht haben, gerade weil er sich bei der Frage nach Schuld und Verantwortung bislang so weit zurückgenommen hat. Schon jetzt lässt sich freilich sagen: Die Schüsse von Tucson werden Amerika verändern, und dies auch, obwohl zwischen den Motiven des jungen Schützen und dem aufgeheizten politischen Klima nach bisherigem Erkenntnisstand tatsächlich kein Zusammenhang besteht. So wie es aussieht, waren die raschen Schuldzuweisungen an die Adresse der rechten Aufwiegler im Land überzogen und voreilig. Nichts belegt, dass sich Jared Loughner von der martialischen Gewehr-Rhetorik einer Sarah Palin, eines Glenn Beck oder Rush Limbaugh tatsächlich beeinflussen ließ. Sein Hass ist, wie es aussieht, wahnhafter Natur. Und doch ist das Blutbad von Arizona nicht zu trennen von dem politischen Klima, in dem sich die Tat ereignete. Amerika hat dies ähnlich empfunden. Das Land hat sich selbst im Spiegel gesehen. Und der Anblick war tatsächlich alles andere als schön. Amerikas Wutbürger, die sich in der rechtsrebellischen Tea Party sammeln, und ihre demagogischen Sprachrohre in Radio und Fernsehen werden nach dem nationalen Entsetzen über die Schüsse von Tucson zwangsläufig einen Gang zurückschalten müssen. Alles andere würde zu Recht als geschmacklos empfunden werden. Das Blutbad von Tucson kann nun, so ist zumindest zu hoffen, einen Wendepunkt in dieser Entwicklung darstellen. Gewiss: Die politischen Lager werden sich auch weiterhin hart beharken. Und überdies wirft die nächste Präsidentschaftswahl schon jetzt ihre Schatten voraus. Eine raue, durchaus hemdsärmelige Gangart gehört seit je zum Stil amerikanischer Innenpolitik. Und doch wird ein neuer, ein Stück weit gedämpfterer Ton in die politische Auseinandersetzung einziehen. Zivile Umgangsformen sind auch eine Frage des gegenseitigen Respekts. In seiner Trauerrede hat Obama an diese Selbstverständlichkeit erinnert. Der Beifall, der ihm entgegenschlug, war geradezu orkanartig.

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