Landeszeitung Lüneburg

Landeszeitung Lüneburg: Hunger nach Bildung und Lebensfreude
Die Wahl in Afghanistan kann laut "FAZ"-Asien-Redakteurin Friederike Böge eine Wende zum Guten einleiten

Lüneburg (ots) - Ihr letzter Auftrag führte die deutsche Foto-Journalistin Anja Niedringhaus in die afghanische Unruheprovinz Khost, wo sie Wahlvorbereitungen begleitete. Dank ihr und anderen mutigen Reportern wird der Schrecken ferner Kriege auch bei uns fassbar. Friederike Böge, Asien-Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", sprach mit unserer Zeitung über ihren gefährlichen Beruf, die Bedeutung der Wahl und die Folgen des bevorstehenden Abzugs der ISAF-Truppen.

Der Tod der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus macht erneut die Risiken deutlich, die Journalisten in einigen Regionen der Welt auf sich nehmen. Wie lebt es sich mit der Angst, ständig angreifbar zu sein? 

Friederike Böge: Es ist nicht so, dass man in Afghanistan permanent daran denkt, dass man angegriffen werden könnte. Es gibt dort viel mehr Normalität, als gemeinhin angenommen wird. Und nach wie vor sind solche Angriffe wie der auf Anja Niedringhaus Einzelfälle. In den vergangenen Wochen war die Stimmung unter ausländischen Journalisten aufgrund einiger gezielter Angriffe auf Ausländer allerdings angespannter als sonst. Nach der Stichwahl könnte sich die Lage aber etwas entspannen.

"Wenn ich nicht fotografiere, wird es nicht bekannt", sagte Niedringhaus. Rechtfertigen My Lai und Kundus jedes Risiko? 

Böge: Es scheint mir nicht angemessen, My Lai und Kundus in einem Atemzug zu nennen. Ich glaube auch nicht, dass Anja Niedringhaus sich mit ihrer Aussage darauf bezog. Es geht vielmehr darum, dass jeder Journalist in einer Krisenregion jeden Tag aufs Neue abwägen muss, welche Risiken er für welche Geschichte einzugehen bereit ist. Anja Niedringhaus hat die Wahlvorbereitungen in Khost begleitet, während viele andere Journalisten sich dafür sicherere Gebiete wie Kabul und Mazar-i-Sharif ausgesucht haben. Entsprechend einseitig war das Bild, das wir bislang von diesen Wahlen erhalten haben. In ländlichen Gebieten, etwa in Khost, sah es ganz anders aus als in den Städten, wo sich lange Schlangen vor den Wahllokalen bildeten. In jedem Fall hat Anja Niedringhaus mit ihrer mutigen Arbeit einen sehr wichtigen Beitrag zum Verständnis der Menschen und Krisen geleistet, die sie fotografiert hat.

Es war der dritte Angriff auf für westliche Medien arbeitende Journalisten innerhalb weniger Wochen. Fällt die Sicherheitslage hinter die Standards zurück, die durch die Intervention erreicht wurden?

Böge: Man muss unterscheiden, FÜR WEN sich die Sicherheitslage verschlechtert hat. In vielen Teilen des Landes ist die Sicherheit für die lokale Bevölkerung seit Jahren prekär. In den vergangenen Wochen gab es eine auffällige Häufung von Angriffen auf Ausländer. Für die meisten Afghanen hat sich damit nichts verändert.

Sind ausländische Journalisten das neue Ziel der radikalislamischen Taliban?

Böge: Bislang ist noch unklar, ob die Journalisten wegen ihres Berufs angegriffen wurden oder weil sie Ausländer waren. Auch wer die Angriffe jeweils verübt hat, ist noch offen. Im Fall von Anja Niedringhaus zum Beispiel könnte es sich um einen Einzeltäter ohne Verbindungen zu den Taliban handeln, der im Affekt gehandelt hat. Auch über die Hintergründe des Mordes an dem schwedischen Journalisten Nils Horner ist bislang kaum etwas bekannt.

Sie haben über den Wählerenthusiasmus berichtet. Den Drohungen der Taliban zum Trotz gaben Millionen Männer und Frauen ihre Stimme ab. Was bedeutet die Wahl für die Afghanen?

Böge: Diese Wahlen sind sehr entscheidend für die weitere Entwicklung des Landes. Wenn daraus ein Präsident hervorgeht, der tatsächlich von einer Mehrheit der Afghanen akzeptiert wird, dann kann das eine Wende zum Guten einleiten. Allzu oft wird vergessen, dass der Konflikt mit den Taliban auch durch die politische Krise im Land angeheizt wird. Die Aufständischen können nur deshalb in vielen Teilen des Landes frei agieren, weil die Bevölkerung kein Vertrauen in die Regierung hat. Und in vielen Fällen nutzen die Taliban lokale Konflikte, die durch Machtmissbrauch der Regierung angeheizt werden. Das könnte sich mit einem neuen Präsidenten ändern.

Und für die Taliban?

Böge: Auf den ersten Blick erscheinen die hohe Wahlbeteiligung und die Tatsache, dass es keine spektakulären Anschläge am Wahltag gab als Niederlage für die Taliban und als Zeichen ihrer Schwäche. Ob sich das bestätigt, muss man abwarten. Die Taliban hatten zwar angekündigt, die Wahlen durch Gewalt verhindern zu wollen. Es gab aber keinen größeren Angriff auf eine Wahlkampfveranstaltung, obwohl dies leichte Ziele gewesen wären. Möglicherweise fürchteten die Taliban, sich durch solche Angriffe auf die Zivilbevölkerung noch unbeliebter zu machen als sie schon sind.

Eine Umfrage unter Frauen, die am Mikrokredit-Projekt "Jamila" in Kabul teilnehmen, zeigt, dass sie durch Radio oder Fernsehen sehr gut über die Präsidentenwahl informiert waren. Welche Rolle spielen heute die Medien?

Böge: Der Aufbau der Medien in den vergangenen zwölf Jahren ist eine Erfolgsgeschichte. Es gibt eine große Vielfalt an Fernseh- und Radiosendern und Zeitungen. Journalisten gehören zu den wichtigsten Reformkräften des Landes. Sie haben einen gesellschaftlichen Wandel eingeleitet; mit Bollywood-Serien, Call-in-Sendungen, Talkshows, aber auch mit Musik, die ja unter den Taliban verboten war. Allerdings gibt es auch einige Schattenseiten des Mediensektors. Viele Fernsehsender gehören Machthabern, die ihre jeweilige ethnische und religiöse Klientel bedienen und so zu Spannungen im Land beitragen.

Als Chefredakteurin von "Afghanistan Today" haben Sie einheimische Journalisten ausgebildet. Worum ging es bei diesem Projekt? Sehen Sie konkrete Erfolge, die den Abzug der westlichen Truppen überdauern?

Böge: Das Projekt, das es ja immer noch gibt, hat zwei Ziele: Zum einen sollen damit Journalisten "on the job" ausgebildet werden. Dass die Ausbildung so praxisnah wie möglich ist, war mir immer wichtig; weil ich früher viele Journalistenseminare in Afghanistan gegeben habe und immer wieder festgestellt habe, dass sie nur dann etwas bringen, wenn sie mit dem Berufsalltag verzahnt sind. Das zweite Ziel ist die Vermittlung eines differenzierten Afghanistanbildes, das über Warlords, Burkas und Opium hinausgeht.

Der Kampfeinsatz der Internationalen Schutztruppe Isaf läuft zum Jahresende aus. Ein kleiner Nato-Folgeeinsatz ist noch nicht beschlossen. Wie sehr beunruhigt dies die Afghanen, für die Krieg immer noch allgegenwärtig ist?

Böge: Die Unsicherheit darüber, ob es einen Folgeeinsatz gibt, hat in den vergangenen Monaten sehr konkrete, vor allem wirtschaftliche Folgen gehabt. Die Immobilienpreise, der Wert der afghanischen Währung und der Neuwagenmarkt sind eingebrochen. Viele reichere Afghanen haben ihr Geld außer Landes geschafft, es fehlt an Vertrauen in die Zukunft. Bei der Angst vor dem Abzug geht es nicht nur um militärische Fragen, sondern auch um das Geld, das mit abzieht und um die vielen, vielen Arbeitsplätze, die die ausländische Militärpräsenz geschaffen hat. In der Logistikbranche, in der Baubranche, bei privaten Sicherheitsunternehmen.

Peter Scholl-Latour sieht das Konzept des "Nation-buildings" als gescheitert, die Vorstellung, der afghanischen Armee die Sicherheitsverantwortung in die Hand zu legen als "völlig illusorisch". Teilen Sie seine Meinung?

Böge: Ich wüsste nicht, was die Alternative zu einem Aufbau der Armee und Polizei gewesen wäre. Hätte man die alten Milizen walten lassen sollen, die das Land schon einmal in Schutt und Asche gelegt haben? Nach meinem Eindruck wächst das Vertrauen vieler Afghanen in ihre Sicherheitskräfte, auch wenn sie bei Luftunterstützung, Aufklärung und Logistik noch einige Jahre auf internationale Unterstützung angewiesen sein werden. Wichtig ist vor allem, dass sich die internationale Gemeinschaft langfristig dazu verpflichtet, die Sicherheitskräfte zu finanzieren. Andernfalls könnten sie sich innerhalb kürzester Zeit in marodierende Banden verwandeln.

Viele Kinder werden zwangsverheiratet, häusliche Gewalt ist weit verbreitet. Hat sich die Gesellschaft in der Ära Karzai wirklich modernisiert?

Böge: Ja, das hat sie. Allerdings lässt sich eine Gesellschaft nicht über Nacht verändern. Es gibt auch große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Neu ist auch, dass jetzt in den Medien über häusliche Gewalt berichtet wird und dass Frauen sich trauen, die Täter anzuzeigen. Aber es gibt auch starke konservative Kräfte, denen diese Entwicklung ein Dorn im Auge ist, und die versuchen, sie zurückzudrehen.

14 000 Schulen, dennoch 70 Prozent aller Afghanen sind Analphabeten. Hat die Kulturfeindlichkeit der Taliban noch die Oberhand?

Böge: Nein, in vielen Teilen des Landes, vor allem natürlich in den Städten, ist ein großer Bildungshunger und ein Hunger nach Musik und Fernsehserien zu spüren. Natürlich gibt es immer noch viele Eltern, die ihre Töchter nicht zur Schule schicken. Und es gibt auch Regionen, in denen aus Sicherheitsgründen die Schulen geschlossen sind. Es fehlt nach wie vor an ausgebildeten Lehrern. Statistiken sind in Afghanistan aber mit Vorsicht zu genießen, weil niemand weiß, wie viele Einwohner Afghanistan überhaupt hat. Insgesamt darf man nicht vergessen, dass Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt ist, dass drei Jahrzehnte Krieg hinter sich hat.

Das Interview führte Fanny Pigliapoco

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