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Landeszeitung Lüneburg: ,,Bessere Kontrollen und Sanktionen nötig": Der WWF-Experte Volker Homes fordert von der Bonner Weltnaturschutzkonferenz Maßnahmen für einen besseren Artenschutz.

    Lüneburg (ots) - Die biologische Vielfalt der Erde ist bedroht. Urwaldrodungen, Energiehunger, steigernder Flächenverbrauch und der vom Menschen verursachte Klimawandel lassen immer mehr Arten aussterben. Der Verlust der Artenvielfalt bedroht auch die Spezies Mensch. Die Weltnaturschutzkonferenz in Bonn berät derzeit über mögliche Schritte, um der bedrohliche Entwicklung Einhalt gebieten zu können. Doch das Ziel, den Artenschwund bis 2010 stoppen zu können, ,,ist nicht realistisch", sagt der WWF-Experte, der Biologe Volker Homes, im Gespräch mit unserer Zeitung.

    Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat zum Auftakt der Weltnaturschutzkonferenz die Staatengemeinschaft zum Handeln gegen die Zerstörung des biologischen Reichtums der Erde aufgefordert. Dabei haben vor 16 Jahren in Rio de Janeiro 150 Staaten eine Konvention unterzeichnet, in der das weltweite Artensterben bis 2010 deutlich gebremst werden soll. Ist dieses Ziel noch realistisch? Volker Homes: Ich glaube nicht, dass es realistisch ist. Selbst der Bundesumweltminister hat schon zugegeben, dass es fast unmöglich ist, dieses Ziel zu erreichen. Die Europäische Union hat 2002 beschlossen, dass sie das Artensterben im Gebiet der EU sogar stoppen will. Weltweit soll der Artenschwund deutlich reduziert werden. Doch selbst das ist so ambitioniert, dass niemand ernsthaft daran glaubt. Es war zwar gut, dass sich die Staatengemeinschaft bis 2010 ein solches Ziel gesetzt hatte. Wenn die Anstrengungen aber auf diesem bisher manchmal sehr kläglichen Niveau weitergehen, wird es nicht klappen. Die Roten Listen werden länger, die Arten sterben weiter aus.

    Rund 16000 von 40000 untersuchten Arten sind vom Aussterben bedroht. Derzeit sind rund zwei Millionen Arten bekannt, Schätzungen zufolge gibt es aber 10 bis sogar 100 Millionen Arten. Verführt diese hohe Zahl nicht zur Gelassenheit? Homes: Das ist genau das Problem: die meisten Arten sterben ,,still", oft genug gibt es nicht einmal ein Foto oder ein Belegexemplar von einer ausgestorbene Art. Es scheint im ersten Moment nicht weh zu tun, wenn eine Art ausstirbt. Vor allem wenn es sich um eine kleinere Tierart wie ein Insekt handelt. Doch alle Arten bauen ein ökologische Netz miteinander auf. Dieses ist für uns Menschen das einzige, was wir haben auf der Welt. Wenn wir die Arten verlieren, verlieren wir auch unsere Existenzgrundlage.

    Das Artensterben bedroht also nicht nur ganze Ökosysteme, sondern auch die Spezies Mensch? Homes: Wir sind Teil des Ökosystems. Und wir haben noch nichts erfunden, dass uns unabhängig von den Arten machen könnte: seien es die Insektenarten zur Blütenbestäubung, funktionierende Ökosysteme, die uns sauberes Wasser bescheren, uns Brennholz liefern oder uns vor Krankheiten schützen.

    In welchen Lebensräumen richten die Menschen denn die verheerendsten Schäden an? Homes: Vor allem in den so genannten Hot-Spots, also in Gebieten, wo besonders viele Arten vorkommen. Das sind in erster Linie Tropenregionen. Dort gibt es viele Endemiten, also Arten, die nur in bestimmten Regionen der Erde vorkommen. Südostasien ist ein solcher Hot-Spot. Hier gibt es viele Inseln mit Arten, die nur dort leben. Auch der südostasiatischen Regenwaldgürtel in Ländern wie Myanmar, Vietnam, Thailand und auch Indonesien ist ein Hot-Spot. Andere gefährdete Gebiete sind die Tropenwaldgebiete in Zentralafrika im Bereich Kongo und angrenzenden Ländern und in Süd- und Mittelamerika, wo in Brasilien und den Nachbarstaaten die größten Regenwälder der Welt stehen.

    Brasilien gehörte damals zu den engagiertesten Nationen beim Artenschutz. Doch heute wird der Amazonas-Regenwald im Rekordtempo zerstört. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dieses Desasters? Homes: Die Ursachen sind nach wie vor vielfältig. Letztlich geht es aber immer um menschlichen Konsum. Viele Regenwaldgebiete müssen der Landwirtschaft weichen. Dort wird dann zum Beispiel Soja angebaut oder es entstehen Plantagen zur Produktion von Palmöl, um Biosprit herstellen zu können.

    Die USA haben gerade Eisbären unter Schutz gestellt. Doch im gleichen Atemzug wird im Lebensraum der Eisbären nach Öl gebohrt. Ersetzt hier wieder einmal Symbolpolitik umweltbewusstes Handeln? Homes: Ich glaube Ja. Es ist ein Zielkonflikt, wenn man Eisbären schützen will und daraus viele Schritte folgen müssten, zugleich aber in seinem Lebensraum nach Öl bohrt. Allerdings wäre es unrealistisch, einen Verzicht auf Ölförderung zu fordern. Auch der WWF würde das nicht fordern. Aber wenn man Öl fördert, sollte man es nicht in hochsensiblen Regionen tun oder aber für extrem hohe Sicherheitsmaßnahmen sorgen. Denn wenn sich in Regionen wie der Arktis ein Ölunfall ereignet, hätte das verheerende Folgen.

    Schon jetzt richtet die Zerstörung der Natur Schäden von rund zwei Billionen Euro pro Jahr an. Glauben Sie, dass sich irgendwann die Erkenntnis durchsetzt, dass Artenschutz auch ökonomisch zwingend geboten ist? Homes: Ich hoffe Ja. Der WWF unterstütz Initiativen, den ökonomischen Wert von Arten zu ermitteln. Geht zum Beispiel eine Medizinal-Pflanzenart verloren, hätte dies Folgekosten: Zum Beispiel durch den Aufwand, der betrieben werden muss, einen Wirkstoff-Ersatz zu finden und zu produzieren. Welchen Wert haben Arten, die uns helfen, Wasser zu reinigen? All das versuchen wir gerade zu ermitteln. Die Europäische Union möchte noch auf der Konferenz erstmals einen Bericht vorlegen, der den ökonomischen Wert der Arten darstellt. Würde das bedeuten, dass zum Beispiel der Leopard weniger wert ist als Einzeller, Hauptbestandteile des Krills? Homes: Das ist eine gute Frage. Greift es zu kurz, alles nur ökonomisch bemessen zu wollen? Ich glaube, es wäre ein erheblicher Verlust, wenn Teile der Schöpfung verloren gehen. Ich fände es zum Beispiel schade, wenn ich meinen Kindern nicht mehr zeigen kann, wo und wie Tiger in freier Wildbahn lebt. Es gibt neben dem ökonomischen einen ethischen Wert, den wir Arten beimessen müssen. Ich glaube, beides zusammen kann den Wert einer Art gut beschreiben.

    Sind die Politiker weltweit bei der Abschätzung drohender Folgen des Artensterbens und der Naturzerstörung schlichtweg überfordert oder sind die Interessen der internationalen Wirtschaft einfach immer noch zu groß? Homes: Es kommt nicht nur auf den Willen der Politiker, sondern auf den Willen der gesamten Bevölkerung an. Aber leider mangelt es häufig immer noch an der Erkenntnis, wie wichtig die Artenvielfalt ist. Ich hoffe aber, dass es eine ähnliche Entwicklung geben wird wie beim Thema Klimawandel, wo heute wohl auch der letzte begriffen hat, was das Klima für uns bedeutet und welche Gefahren bei einem drastischen Klimawandel drohen. Der Wert der Biodiversität ist sehr gut vergleichbar mit dem Wert, den das Klima für uns hat. Diese Erkenntnis muss sich in den Köpfen der Bevölkerung und der Politiker festsetzen und es müssen Taten folgen.

    Auch deshalb, weil sich der Klimawandel direkt auf die Biodiversität auswirkt? Homes: Richtig, beides ist miteinander verkettet. Aber die Erkenntnis, dass Arten uns Dienste erweisen, die wir sonst teuer erkaufen müssten, hat sich noch nicht durchgesetzt.

    Was sollte, was muss in Bonn beschlossen werden, um dem Artensterben zumindest Einhalt gebieten zu können? Homes: Generell müssen alle Aussagen oder Zusagen, die dort getroffen werden, wesentlich besser überprüft werden können. Die Biodiversitätskonvention CBD (Konvention von Rio) ist eine sehr weiche Konvention, die dahingehend weiterentwickelt werden muss, dass Zusagen auch iengehalten werden müssen Aber schon jetzt hat die Konvention verschiedene vielversprechende Instrumente, kann zum Beispiel über Finanzierungsmechanismen erreichen, dass Biodiversität oder ein Schutzgebietsnetzwerk eingerichtet wird und erhalten bleibt. Es geht nun darum, dass man alles, was man verspricht, auch einhält und tatsächlich umsetzt. Das muss überprüfbar und sanktionierbar sein.

    Also im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll, das von fast allen Staaten ratifiziert worden ist, deren Ziele aber bei weitem verfehlt werden dürften? Homes: Ja. Wenn man sich die ganze Zeit etwas verspricht, es aber nie gehalten und überprüft wird und schon gar nicht sanktioniert wird, ist das ganze so butterweich, das man damit nicht zufrieden sein kann. Wenn wir 2010 feststellen, dass wir das Ziel des Artenschutzes weit verfehlt haben, hat man falsch gehandelt.

    Können Sie sich ähnlich dem Emissionshandel ein Sys"tem vorstellen, wo Länder, die es versäumt haben, ein Tierart zu retten, in irgendeiner Form für Ausgleich sorgen müssen? Homes: Ja, natürlich. Dabei sollte es aber eine Kombination aus Anreiz- und Sanktionsmaßnahmen sein. So sollten die ärmeren Ländern in den Tropen, die eine hohe Biodiversität und damit eine hohe Verantwortung haben, Unterstützung erhalten. Wird dann nicht richtig gehandelt, muss es Sanktionsmöglichkeiten geben.

    Das Interview führte Werner Kolbe

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