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BLOGPOST Politik-Fotografie: Nähe schaffen trotz Zurückhaltung

In vier Wochen sind Bundestagswahlen. Das heißt: Es ist Hochzeit für Pressefotografen. Einer, der seit vielen Jahren die ganz Großen der politischen Landschaft ablichtet, ist Kay Nietfeld. Der dpa-Fotograf ist für seine Fotos von Politikern bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Zuletzt gewann er den ersten Preis bei den dpa-Bildern des Jahres in der Kategorie Politik. In TREIBSTOFF erzählt er, wie das prämierte Foto von Horst Seehofer und Angela Merkel entstanden ist und was die besonderen Herausforderungen bei Politik-Fotografie sind.

TREIBSTOFF: Wie ist Ihr dpa-Bild des Jahres entstanden?

NIETFELD: Das Foto habe ich bei dem Vortreffen zum Koalitionsgipfel aufgenommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer besprechen sich vor dem eigentlichen Parteigipfel von CDU/CSU, der SPD und mehreren Bundesministern. Die Schwierigkeit bei diesen Treffen besteht darin, dass es in der Regel keine Pressekonferenz und damit auch keinen Bildtermin gibt. Wir fotografieren also das Aussteigen der Parteichefs aus ihren Limousinen vor dem Kanzleramt. Oder, wie bei meinem Foto, wir beobachten aus erheblicher Distanz, circa 150 Meter, das Büro der Kanzlerin mit einem langen Teleobjektiv und hoffen auf unser Glück. Auf diesem Foto will sich Horst Seehofer gerade hinsetzen, was einer Verbeugung ähnelt. Das war irgendwie passend und unpassend zugleich bei der damaligen Diskussion um eine Flüchtlingsobergrenze.

TREIBSTOFF: Was war dabei die größte Herausforderung?

NIETFELD: Besonders schwierig war es, bei der großen Distanz zum Kanzleramt trotz der spiegelnden Scheiben ein brauchbares Foto hinzukommen, auf dem die Parteichefs gut zu erkennen sind.

TREIBSTOFF: Sie sind als dpa-Fotograf oft ganz nah dran an Politikern. Was müssen Sie bei solchen Ereignissen besonders beachten?

NIETFELD: Bei der Kanzlerin und den Bundesministern ist vor allem erstmal eine gewisse Zurückhaltung gefragt. Gerade die Kanzlerin reagiert schon auf das Auslösegeräusch der Fotokamera und empfindet das mitunter als störend. Darüber hinaus ist natürlich gutes Benehmen sehr angebracht. Trotzdem ist es bei allem Anstand selbstverständlich die wichtigste Aufgabe der Fotojournalisten, relevante Themen und Protagonisten ins rechte Licht zu rücken. Und dabei muss man auch mal jemandem sehr nahe kommen.

TREIBSTOFF: Welcher Auftrag Ihrer dpa-Laufbahn ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

NIETFELD: Da gibt es viele - Olympische Spiele sind eine tolle Teamerfahrung für dpa-Fotografen, oder die Trauer nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. mit den hunderttausenden trauernden Pilgern. Auch die Reisen mit Politikern in interessante Länder oder Krisenregionen sind sehr spannend. Aber rückblickend war das ICE-Unglück in Eschede 1998 einer meiner bewegendsten Einsätze.

TREIBSTOFF: Inwiefern?

NIETFELD: Die Bergung der zahlreichen Toten, diese enorme Zerstörung war schon sehr bewegend und intensiv.

TREIBSTOFF: In Zeiten von Instagram und Co. wird jeder zum Fotograf. Inwiefern müssen professionelle Fotografen ihre Alleinstellungsmerkmale gegenüber potenziellen Auftraggebern hervorheben? Oder provokativ gefragt: Braucht es überhaupt noch professionelle Fotografen?

NIETFELD: Dank der Smartphones wird die Welt mit Fotos überflutet. Täglich werden weltweit auf Instagram rund 95.000.000 und auf Facebook rund 300.000.000 Fotos gepostet. Jeder kann also fotografieren und ja, immer mehr Zeitungsredaktionen lassen ihre schreibenden Redakteure die Geschichten oder Termine auch fotografieren. Das kommt auch mal bei den Nachrichtenagenturen vor. Insgesamt aber erwarten unsere Kunden Top-Fotos, die schnell und zuverlässig verfügbar sind. Sie müssen die Situation wahrheitsgemäß widerspiegeln. Für die Sport- und Politik-Fotografie oder die Gesellschaftsfotografie am roten Teppich mit Stars und Sternchen benötigt der Fotograf viel Erfahrung und entsprechendes Fotoequipment.

Trotzdem bleibt es nicht aus, dass wir im Notfall zu Breaking-News-Lagen Fotos aus den sozialen Netzwerken anfragen, wenn wir der Meinung sind, dass wir genau dieses Foto brauchen und es den Agenturansprüchen an Objektivität und Authentizität entspricht. Umgekehrt lassen sich auch unsere Fotografen von bestimmten Stilrichtungen aus den sozialen Netzwerken beeinflussen. Immerhin hat zum Beispiel die sogenannte Street Photography durch Instagram eine wahre Renaissance erlebt.

TREIBSTOFF: Wann ist für Sie ein Pressebild ein herausragendes Pressebild?

NIETFELD: Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt ganz einfache Fotos, die unabhängig von einem Termin oder am Rande eines solchen entstehen und beeindrucken. Es gibt aber auch ikonographische Fotos, besonders aus Krisenregionen, die so eindringlich sind, dass so ein Foto im besten Fall ein Umdenken der Handelnden bewirkt - etwa das tote syrische Flüchtlingskind am Strand in der Türkei im Jahr 2015.

TREIBSTOFF: Welche Trends sehen Sie aktuell in der Pressefotografie?

NIETFELD: Immer wichtiger ist die Geschwindigkeit, mit der Nachrichtenfotos für die Redaktionen verfügbar sind. Wir müssen praktisch live unsere Fotos verbreiten können und dabei eine hohe Bildqualität garantieren. Darüberhinaus wird das kurze, schnell verfügbare Nachrichtenvideo immer wichtiger.

Dieser Beitrag ist ein Original-Blogpost aus TREIBSTOFF:

http://treibstoff.newsaktuell.de/politik-fotografie/

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