Axel Springer wird 80: Werte, Wandel und Lust auf Zukunft
Wie Transformationswille und Technologiebegeisterung eine deutsche Erfolgsgeschichte schrieben
Berlin (ots)
Auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen: Warum die interessanten Geschichten und Berichte, die im Radio gesendet wurden und dann - in einer Welt ohne Internet-Gedächtnis - einfach verschwanden, nicht dokumentieren und einer breiteren Leserschaft zugänglich machen? Die "Nordwestdeutschen Hefte" waren gedrucktes Radioprogramm und der erste große Erfolg des 1946 gegründeten Verlags Axel Springer. Noch im selben die Programmzeitschrift "Hör zu!", die nur knapp drei Jahre später erstmals eine Millionenauflage erreichte. In beiden Zeitschriften kristallisierte sich schon in den ersten Jahren die DNA des Hauses heraus: zukunftsgewandt und kreativ Veränderung gestalten, die Zukunft schneller prägen als die Mitbewerber.
Was in einem Schafstall als ersten "Verlagssitz" in der Lüneburger Heide begann, ist heute ein transatlantisches Unternehmen mit Unternehmenszentralen in Berlin und New York, "Publishing"- und "Commerce"-Marken in Kontinentaleuropa, den USA und - seit dem gerade abgeschlossenen Erwerb der "Telegraph Media Group" - auch im Vereinigten Königreich.
Gedruckte Antwort auf das Fernsehen
Der Weg dorthin war und ist vom Geist des Verlagsgründers Axel Springer geprägt. Seine Neugier auf technische Innovationen, seine Kreativität und sein Gespür für die Bedürfnisse der Leser veränderten nach dem Krieg die deutsche Medienlandschaft. Mit BILD erfand er 1952 eine "gedruckte Antwort auf das Fernsehen", mit dem "Hamburger Abendblatt" 1948 unter dem Slogan "Seid nett zueinander!" eine Zeitung, die nach der Nazi-Barbarei für Menschlichkeit und Werte stand. Die Druckmaschinen von Axel Springer waren stets die modernsten, die Zeitungen des Verlags druckten in Farbe, als die Welt der Konkurrenten noch schwarz-weiß war.
Häufig war Axel Springer seiner Zeit voraus. 1975 brachte das Haus Fußballspiele, Comics, Filme und Ratgeber unter dem Motto "Sei Dein eigener Programmdirektor" auf Bildplatten, einen Vorläufer der DVD, heraus - zu früh. Auch als Anbieter im Bildschirmtext war Axel Springer Vorreiter, doch träge Leitungen und lustlose Unterstützung der Deutschen Post ließen den Internet-Vorgänger scheitern. Das "Verleger-Fernsehen" wurde von der Politik verhindert. 20 Jahre nach Axel Springers Tod versagten das Kartellamt und die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) dem Verlag die Genehmigung für den Kauf der ProSiebenSat.1-Gruppe. Im Nachhinein vielleicht ein Glücksfall: Gelder und Kapazitäten wurden für die beiden großen Zukunftsthemen von Axel Springer frei - Digitalisierung und Internationalisierung.
"Erstens Internet, zweitens Internet, drittens Internet"
Das Unternehmen war kurz vor dem Tod des Verlegers 1985 an die Börse gegangen; es folgten unruhige Zeiten mit Machtkämpfen unter den Aktionären und häufigen Wechseln an der Spitze des Unternehmens. 2002 wurde Mathias Döpfner Vorstandsvorsitzender, ordnete gemeinsam mit Friede Springer das Unternehmen neu und setzte voll auf Zukunftstechnologie.
Bereits Anfang 2000 konstatierte er nach der Teilnahme am Weltwirtschaftsgipfel in Davos in einem WELT-Kommentar: Es habe nur drei Themen gegeben: 1. Internet, 2. Internet, 3. Internet. Mathias Döpfner bezeichnete die digitale Revolution als "die gravierendste und schnellste Veränderung in der Wirtschaftsgeschichte" und formulierte als wichtigstes Gesetz der "New Economy": "Der Schnellere frisst den Größeren." Damals wurde er dafür von einigen ausgelacht.
WELT, BILD und B.Z. gehörten zu den ersten Anbietern von digitalem Journalismus. Döpfner trieb diese Entwicklungen rasch und beherzt voran. Als die Anzeigenmärkte aus dem Printgeschäft mehr und mehr ins Internet abwanderten, reagierte Axel Springer schnell und investierte in Digitalunternehmen wie Stepstone oder das Vergleichsportal Idealo - der Einstieg in das Classifieds-Geschäft. Das Motto in dieser Zeit: "Keine Angst vor Selbstkannibalisierung".
Die erste Phase der Internationalisierung begann 1986 mit Lizenzen für die neue Auto- BILD, 1988/89 mit der Beteiligung an einem spanischen Verlag und Joint Venture in Ungarn. Es folgten in den 1990ern die Schweiz und weitere osteuropäische Länder. Besonders erfolgreich war das Engagement in Polen, wo 2003 mit FAKT aus dem Stand die größte Zeitung des Landes entwickelt wurde sowie mit Onet eines der bis heute marktführenden Digitalportale. Seit 1994 wird das Geschäft dort als Joint Venture mit dem Schweizer Verlag Ringier betrieben. Doch nicht alles gelang: Von der russischen Expansion, die Lizenzausgaben von Forbes und Newsweek verlegte, trennte sich Axel Springer 2015, weil es nicht mehr möglich gewesen wäre, dort unabhängigen Journalismus zu betreiben - denn diesen kann es nur in vollständiger publizistischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit geben.
Die Essentials - "Grenzpfähle eines toleranten Weltbildes"
Axel Springer ist und war immer ein politischer Verlag. Ein Verlag mit Haltung - und das ganz transparent. Schon 1967 hatte Axel Springer die erste Version der Essentials, der Unternehmensgrundsätze des Hauses, formuliert. Im geteilten Deutschland war dies vor allem das Eintreten für eine friedliche Wiedervereinigung - eine Vision, wegen der der Verleger als "Brandenburger Tor" verspottet wurde und die vier Jahre nach seinem Tod Wirklichkeit wurde. Ebenso wichtig war Axel Springer die Aussöhnung der Deutschen mit Israel und das Existenzrecht des Staates. Dieses Essential hat bis heute Bestand und ist zentraler Teil des Wertegerüsts des Verlags. Oft wurden die Essentials als Einschränkung journalistischer Freiheit missverstanden und angegriffen. Dabei sind sie das Gegenteil und unterliegen weder Tages- noch Parteipolitik.
Axel Springer nannte die Essentials die "Grenzpfähle eines toleranten Weltbildes".
Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Grundsätze ergänzt und angepasst, so 2001 um das Bekenntnis zur Solidarität mit den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September und 2015 um das Eintreten gegen jede Art von Extremismus nach den islamistischen Anschlägen von Paris.
Der Verleger, sein Verlag und die Mitarbeiter wurden immer wieder Opfer von Angriffen politischer Gegner. Protestierende Studenten griffen 1968 das Berliner Verlagsgebäude an, 1972 gab es einen Bombenanschlag auf die Hamburger Zentrale mit 37 Verletzten, und 1975 wurde Axel Springers Schweizer Ferienhaus durch Brandstiftung zerstört. Die Auseinandersetzung mit der 68er-Generation und die teilweise überzogene Berichterstattung der Medien des Hauses in dieser Zeit wurden vom Verlag 2009 einer kritischen Aufarbeitung unterzogen und in einem Archiv (www.medienarchiv68.de) dokumentiert.
Heute ein familiengeführtes Medienunternehmen
Im ersten Quartal 2013 profitierte Axel Springer von einem deutlichen Umsatz- und Ergebniswachstum der Digitalen Medien. Mit einem Umsatzplus von 20,9 Prozent baute das Segment seine Stellung als größter Geschäftsbereich des Konzerns weiter aus. Das EBITDA der Digitalen Medien legte um 33,9 Prozent auf EUR 62,8 Mio. zu und lieferte damit den höchsten Ergebnisbeitrag aller Segmente. 2019 bildete das Unternehmen eine strategische Partnerschaft mit der Private-Equity-Gesellschaft KKR und dem kanadischen Pensionsfonds CPPIB. Ziel: der Weggang von der Börse, der 2020 vollzogen wurde. Dies ermöglichte große Investitionen. Mit POLITICO, BUSINESS INSIDER, MORNING BREW und eMarketer wurde in den USA ein umsatzstarkes und erfolgreiches Portfolio aufgebaut.
2025 war erneut ein Jahr der Veränderung. Nach der geplanten Trennung von den Investoren und der Aufteilung wurde aus Axel Springer wieder ein Familienunternehmen mit einer klaren Eigentümerstruktur aus Friede Springer und Mathias Döpfner, denen rund 95 Prozent gehören. Der dritte Eigentümer ist Axel Sven Springer, Enkel des Gründers. Das Haus Axel Springer tritt somit nach den Phasen des Unternehmens in Privatbesitz (1946 bis 1985), der Zeit an der Börse (1985 bis 2020) und der Partnerschaft mit Private Equity (2019 bis 2025) in die nächste Entwicklungsstufe als familiengeführtes Medienunternehmen ein. Dies ist sind hervorragende Voraussetzungen für mehr Schnelligkeit und die konsequente Umsetzung der Unternehmensziele. Journalismus war und bleibt dabei immer der Schwerpunkt, der Kern und die Seele von Axel Springer.
Künstliche Intelligenz als Treiber für weiteres Wachstum
Heute hat das Unternehmen mehr als 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in über 25 Ländern. 2025 lag der Pro-forma-Umsatz mit 2,2 Milliarden Euro leicht über dem Vorjahr und das bereinigte EBIT stieg von 186,5 auf 241,4 Millionen Euro (+ 29,4%). Auch das Finanzjahr 2026 hat stark begonnen. So erhöhte sich der Pro-forma-Umsatz des Unternehmens im ersten Quartal um 2,6 Prozent, währungsbereinigt um mehr als fünf Prozent. Das bereinigte EBIT betrug 54,1 Millionen Euro und stieg damit um 29,9 Millionen Euro, was einem Plus von 123,3 Prozent entspricht.
Zu den bekanntesten Marken gehören BILD, WELT, POLITICO, BUSINESS INSIDER und seit Juni 2026 die britische "Telegraph Media Group", eine Investition, mit der ein weiterer Meilenstein für transatlantische journalistische Zusammenarbeit gesetzt wurde. Zum "Commerce"-Bereich gehören die Unternehmen Idealo, Awin und Bonial. Außerdem hält Axel Springer rund zehn Prozent an den renditestarken Classifieds-Unternehmen, die im Zuge der Aufteilung an KKR übergegangen waren.
Die DNA des Unternehmens ist dabei sichtbarer denn je. Bereits 2023 sagte Mathias Döpfner über die neuen KI-Modelle: "Wenn wir es richtig machen, wird Journalismus wie ein Phönix aus der Asche steigen. Wenn wir alte Strukturen verteidigen, bleibt bald nur Asche. Wenn wir es richtig machen, werden die Maschinen den Menschen dienen. Nicht die Menschen den Maschinen."
Als eines der ersten deutschen Medienunternehmen setzte Axel Springer konsequent auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz - nicht, um Journalismus zu automatisieren, sondern um Kapazitäten freizulegen, die für exzellente Recherchen, Reportagen vor Ort und die Entwicklung neuer Formate genutzt werden können. Gemäß der Ambition von Axel Springer, der führende Anbieter von digitalem und KI-gestütztem Journalismus in der freien Welt zu werden. Immer unter dem Prinzip, dass der Mensch die Verantwortung trägt.
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Peter Huth
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