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Mittelbayerische Zeitung: Reden über Fukushima Leitartikel zur Atomkraft

Regensburg (ots) - Wir werden noch sehr lange reden müssen über Fukushima. Nicht alleine aufgrund der Tatsache, dass noch sehr, sehr lange sehr, sehr wenige Wahrheiten gleich bekannt wurden. So, wie sich die radioaktive Brühe langsam durch den Boden der Reaktorbehälter frisst, so wird sich auch die Realität erst langsam einen Weg durch das beredte Schweigen der japanischen Regierung bahnen müssen. Und durch die Halbwahrheiten des Atomkonzerns Tepco, denen eine ebenso kurze Halbwertzeit beschert ist, wie den verglühenden Brennelementen in den zertrümmerten Reaktorgebäuden. Wir werden noch lange über das reden, was am 11. März geschah, weil es ein Ende darstellt: Das Ende des Atomzeitalters. Das Ende der Erzählung vom Fortschritt. Die moderne, westliche Zivilisation basiert seit der Aufklärung auf dem Glauben an eine Entwicklung hin zum Besseren. Sie fußt auf der Vorstellung, dass der Mensch dank seines Verstandes der Natur überlegen ist, sie sich nutzbar machen kann und darf. Bis heute ist das der Grundglaube der Fortschrittsgesellschaften. Zwar ist der eingebremst worden durch die Feststellung, dass eine Ausbeutung der Natur eben jenen Fortschritt in dem Moment behindert, wenn sie die Lebensgrundlage der Menschen bedroht. Und dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - hat die Atomkraft dieser grundlegenden Erzählung vom Fortschritt in den vergangenen 60 Jahren einen neuen Antrieb gegeben. Auf einmal war es möglich, ohne Dreck, ohne Lärm, ohne Staub und Ruß ungeahnte Energie in schier unerschöpflicher Menge zu produzieren. Und mit dieser Energie schien es plötzlich möglich, alles technisch denkbare umzusetzen. Städte konnten wachsen, Industrien neu entstehen, Kriege konnten auf eine neue Art geführt - oder verhindert - werden. Dieser Glaube ist grundlegend erschüttert worden. Zwar nicht erst durch Fukushima. Aber im Todeskampf des Kraftwerks offenbart sich in vielleicht einmaliger Weise, wie machtlos selbst hoch technisierte Gesellschaften gegenüber der Katastrophe sind. Tschernobyl war für Europa die vielleicht prägendste Krise der vergangenen 40 Jahre. Aber dahinter stand die Vorstellung, das so etwas nur "im Osten", hinter der Mauer, quasi in einer anderen Welt so hat geschehen können. Japan beweist gerade, dass es anderswo nicht besser ist, sondern dass dort nur besser und länger gelogen wird. Welche Folgen Fukushima hat, lässt sich schon jetzt in Deutschland erkennen, und zwar aus einem sehr speziell deutschen Grund. Die Bundesrepublik hat drei große Erzählungen, die sie geprägt haben: Da ist zum einen der Krieg, der aus Deutschland kam und aus dessen Trümmern zwei Teile Deutschland entstanden. Es ist diese Gewissheit, die von der Idee der Bundeswehr bis hin zu den Auslandseinsätzen unsere Gesellschaft prägt. Sie hat sie zu einer pazifistischen gemacht. Dann gibt es die Erzählung der 68er, die eng mit dem Krieg verbunden ist, weil sie unsere Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht hat, dass der Nationalsozialismus kein Betriebsunfall war. Und dann gibt es noch die Erzählung der Anti-Atomkraftbewegung in Deutschland. Mit der Erfahrung der Atombombe und der Angst vor ihr in Zeiten des Kalten Krieges hat sich in Deutschland eine Skepsis gegenüber der Atomkraft verbreitet, die sich in den Protesten in der Asse oder gegen die WAA Luft machte. Diese Grundhaltung ist nie verschwunden. Sie war lange Zeit sehr leise geworden. Mit dem Atomkonsens, der unter Rot-Grün geschlossen wurde, und der die größten Gegner und die größten Befürworter befriedete, war das Aufbegehren unnötig geworden. Man kann das rot-grüne Gerede vom "gesellschaftlichen Großkonflikt", der wieder aufgebrochen sei, als Schwarz-Gelb den Atomkonsens aufschnürte, für überzogen halten: Ganz falsch ist es nicht. Denn wenn sich nun, nach Fukushima, zeigt, dass sogar die FDP sagt, sie habe verstanden, warum die Wähler Grün wählten, wenn sogar die CSU ihren Markenkern plötzlich in einer atom-kritischen Haltung sieht: Dann ist klar, wie groß der Konflikt ist, der nun wieder aufgebrochen ist. Nicht nur, weil sich die Grünen endgültig als dritte große Volkspartei etablieren, nicht nur, weil wir einen gesellschaftlichen Linksruck erleben, nicht nur, weil wir uns darauf einstellen müssen, dass Strom teurer, Landschaften im Zuge des Ökostromausbaus verändert werden, sondern weil am 11. März sich die Welt vor allem für Deutschland verändert hat, werden wir noch lange über Fukushima reden.

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