Deutscher Philologenverband

Gymnasien stellen sich der Aufgabe der Inklusion

Berlin (ots) - Meidinger fordert Länder zu größeren finanziellen Anstrengungen auf, warnt aber vor einer Instrumentalisierung der Inklusionsdebatte für bildungsideologische Ziele

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Aufnahme von Kindern mit geistigen Behinderungen auf Gymnasien hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, betont, dass sich die Gymnasien selbstverständlich den Herausforderungen der Inklusion stellten. An fast allen Gymnasien gebe es inzwischen einen wachsenden Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen, die trotz vielfach unzureichender personeller und finanzieller Zuweisungen mit viel Engagement von Gymnasiallehrkräften intensiv betreut und unterrichtet würden. Voraussetzung sei allerdings in aller Regel, dass sie das Bildungsziel des Gymnasiums, das Abitur, erreichen könnten.

"Allein aber bei dieser Riesenaufgabe der Inklusion von Kindern mit körperlichen Behinderungen gibt es noch ein enormes Pensum an Hausaufgaben durch die Landesregierungen zu erledigen. So verfügt nach wie vor die große Mehrheit aller deutschen Gymnasien über keine behindertengerechten Aufzüge, ganz abgesehen von den häufig fehlenden, zusätzlich erforderlichen personellen Ressourcen für eine erfolgreiche Inklusion!", betonte der DPhV-Vorsitzende. Die Anzahl der Inklusionsschüler mit körperlichen Behinderungen könne bei besserer Ausstattung der Gymnasien mit Sicherheit noch deutlich gesteigert werden, so der Verbandschef. Er gab aber auch zu bedenken, dass mit Sicherheit niemals jedes Gymnasium auf die Bedürfnisse aller Arten von körperlicher Behinderung in gleicher Weise vorbereitet sein könne wie eine darauf spezialisierte Schule. So erforderten die wünschenswerten Zusatzausstattungen und Umbauten allein für sehbehinderte Schüler pro Gymnasium Beträge im sechsstelligen Bereich.

Inklusion nicht als Sparmodell missbrauchen!

Meidinger warnte zudem vor einem falschen vordergründigen Verständnis von Inklusion, das den Erfolg bei der Umsetzung der UN-Konvention an formal erreichten Quoten messe. Wörtlich sagte er: "Manches Bundesland, das sich im innerdeutschen Vergleich mit hohen Inklusionsquoten brüstet, hat zwar Förderzentren geschlossen, aber wenig bis nichts dafür getan, dass die Qualität der Beschulung behinderter Kinder in den Regelschulen erhalten oder gesteigert wird. Im Gegenteil: Die Standards wurden vielfach abgesenkt, so dass nicht wenige Eltern behinderter Kinder schwer enttäuscht sind. So ist es kein Ausnahmefall, dass sich Kinder mit Behinderungen nun an Regelschulen in Lerngruppen befinden, die dreimal so groß sind wie ihre bisherigen. Man muss es ganz klar sagen: Quoten sind nicht gleichbedeutend mit Qualität und die Erfahrung lehrt: Inklusion kann auch als Sparmodell missbraucht werden!"

Plädoyer für mehr Kooperationsmodelle

Ziel der UN-Konvention zu den Rechten behinderter Menschen sei, so Meidinger, die weitestgehende Inklusion von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft, d. h. diesen Menschen zu ermöglichen, gleichberechtigt und selbstständig am gesellschaftlichen, politischen und sozialen Leben teilzunehmen. Wenn es etwa darum gehe, geistig behinderten Kindern an Schulen in intensiver Betreuung die notwendigsten Dinge für eine selbstständige Lebensführung beizubringen, sei das Gymnasium in der Regel nicht der geeignete Ort und Weg, um Inklusion als Ziel zu verwirklichen. "Das hat nichts mit einer Abschiebementalität zu tun, sondern mit Verantwortungsbewusstsein und realistischer Einschätzung der eigenen Möglichkeiten! Nicht wenigen, die das Gymnasium zur Aufnahme aller Schüler zwingen wollen, egal, ob diese das Bildungsziel Abitur erreichen könnten oder nicht, geht es letztendlich um die Abschaffung dieser Schulart, die in ihrer Attraktivität Gesamtschulbefürwortern schon immer ein Dorn im Auge war!", bekräftigte der Verbandschef.

Unter Bezug auf angebliche Inklusionsmusterländer verwies Meidinger darauf, dass selbst in Finnland von den Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine nicht geringe Anzahl (8 Prozent der Gesamtschülerzahl) in eigenen Klassen und eigenen Schulen (3 Prozent) beschult werden müsse.

Der Verbandsvorsitzende plädierte dafür, die Kooperationsmodelle zwischen Gymnasien und Förderschulen mit geistig Behinderten auszubauen. "Anstatt einer wenig zielführenden Totalinklusion geht es dabei darum, in geeigneten Fächern wie Kunst, Musik, Sport oder Theater gemeinsame Projekte durchzuführen, die beiden Seiten Gewinn bringen, z. B. auch den Gymnasiasten einen Zuwachs an Sozialkompetenz!", so Meidinger.

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