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WAZ: Wegducken ist keine Politik - Kommentar von Frank Preuß zur Flüchtlingskrise

Essen (ots) - Die Bilder der Menschenschlangen an den deutschen Grenzen sind zwei Jahre alt. Fotos von überfüllten Turnhallen und ebenso überfüllten Kleiderkammern folgten ihnen. Kein Tag, an dem die Flüchtlingskrise nicht im Zentrum der Berichterstattung stand. Griechische Finanztragödien und russisch-ukrainisches Kriegsgetümmel schienen zweit- und drittrangig. Angela Merkels "Wir schaffen das" schließlich, ihre historische Reaktion auf das Massensterben im Mittelmeer, stürzte sie selbst in ihre größte politische Krise und ließ einen Riss in der Gesellschaft plötzlich sichtbar werden. Gab es überhaupt noch ein anderes Thema?

Zwei Jahre später mag das manchem ganz lang her und ganz weit weg vorkommen. Ein Spuk sozusagen. Integrations-Probleme sind auf deutschem Boden zwar immer noch sicht- und spürbar, aber die öffentliche Debatte hat längst an Schärfe verloren. Weil man sich dem Gefühl hingibt, das Land habe die Kontrolle über seine Grenzen zurückerobert. Das hat es mehr oder weniger gewiss, aber deswegen ist die Flüchtlingskrise keineswegs beendet. Wir haben sie nur ausgelagert. Es sind die alten, furchtbaren Verdrängungsmechanismen, die nun wieder greifen: Hauptsache nicht hier.

So wie das Flüchtlingsdrama aber 2015 nicht auf Griechenland beschränkt blieb, wird es das 2017 nicht auf Italien bleiben. Rom braucht dringend die Hilfe eines Europas, das indes heillos zerstritten ist. Die Flüchtlinge müssten fair verteilt werden, die Erfahrung lehrt, dass es kaum klappen wird: Die Haltung ist ablehnender denn je. Und Afrika benötigt milliardenschwere Hilfe vor Ort. Sonst ist die derzeitige Wanderungsbewegung Richtung Europa nicht mehr als ein Vorspiel.

Martin Schulz mag auf der verzweifelten Suche nach einem Wahlkampfthema sein. In der Sache aber liegt der SPD-Chef richtig: Wegducken ist nicht richtig.

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