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WAZ: Sigmar Gabriel - wer sonst? - Kommentar von Andreas Tyrock zur Lage der SPD

Essen (ots) - Die Bundestagswahl 2017 ist noch weit entfernt, dennoch werden jetzt die ersten Weichen gestellt. Die beiden wichtigen Fragen lauten: Wer wird Kanzlerkandidat der SPD? Und die andere, letztlich entscheidende Frage betrifft Angela Merkel: Tritt sie noch einmal an? Wenn sie antritt, wovon derzeit auszugehen ist, bleibt sie Kanzlerin. Sie ist in ihrem Amt unangreifbar. Das weiß auch die SPD. Die Frage nach dem Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten ist seit gestern beantwortet, trotz vereinzelter Dementis und fehlender Bestätigung: Sigmar Gabriel wird es machen. Wer auch sonst? Weit und breit ist niemand zu sehen, der in Frage käme.

Als Gabriel 2009 den SPD-Vorsitz übernahm, lag die Partei am Boden. Er hat sie aufgerichtet, intern stabilisiert, hat sie nach links gerückt. Es waren starke Jahre des Mannes aus Niedersachsen, der von Typ und Stil in der Tradition Gerhard Schröders steht und sich eher als Wirtschaftsmann denn als Linker sieht. Und Gabriel weiß, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Schröder hat es vorgemacht. Deshalb arbeitet Gabriel an einer erneuten Kurskorrektur, mit der er aber immer wieder den linken Flügel verprellt. Ohnehin läuft es derzeit nicht gut: Die SPD verharrt im Umfragetief, der Schatten der Kanzlerin ist zu groß, die Koalition schwächelt, was auch auf Gabriel zurückfällt. Das Freihandelsabkommen TTIP belastet die SPD und ihn als Wirtschaftsminister, ebenso der Konflikt um den Mindestlohn oder die Vorratsdatenspeicherung. Gleiches gilt natürlich für den Kohle-Streit mit NRW.

Und dann schwelt da auch noch die Diskussion um die SPD-Kanzlerkandidatur. Je länger sie dauert, desto größer wird die Gefahr für Gabriel, geschwächt daraus hervorzugehen. Damit sollte jetzt Schluss sein. Gabriel mag Wahlkampf. Er nutzt sein großes rhetorisches Talent, sein Gefühl für Situationen und Menschen, seine Spontaneität. Gabriel ist eine "Rampensau" im besten Sinne. Diese Stärke war aber stets auch seine Schwäche. Immer mal wieder agiert er sprunghaft, schroff, impulsiv, wirkt dann unseriös. Anders als die Deutschen sich Kanzlerin oder Kanzler vorstellen. Das bleibt seine offene Flanke.

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