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WAZ: Volksentscheid kippt Schulreform - Die Angst der Mittelschicht. Leitartikel von Christopher Onkelbach

Essen (ots) - Die Schulreform in Hamburg ist vom Tisch. Doch was die Reformgegner nun gewonnen haben, ist von außen kaum zu erkennen. Dass Kinder bis mindestens zur sechsten Klasse gemeinsam lernen, ist in allen anderen europäischen Ländern bis auf Österreich längst normal. Und dass durch die Primarschule das Gymnasium schleichend abgeschafft würde, ist keinesfalls ausgemacht.

So hatten die Gegner der Schulreform in Hamburg nicht viele sachliche Argumente auf ihrer Seite. Doch hatten sie ein Motiv für ihren Widerstand, das Argumenten gemeinhin kaum zugänglich ist: Angst. In dem Ab-stimmungsergebnis lässt sich die Furcht der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg ihrer Kinder ablesen. Sie lehnten mit ihrem Votum nicht nur das längere gemeinsame Lernen ab, sondern zugleich die soziale Durchmischung der unteren Schulklassen. Kurz: Sie stimmten für den Fortbestand der seit Pisa allgemein beklagten sozialen Selektion im Bildungswesen.

Die Eltern aus den besseren Vierteln trieb offenbar die Vorstellung an die Wahlurnen, schlecht erzogene, lernschwache und gewaltbereite Kinder aus sozial schwächeren Familien könnten die bislang geschützte Bildungsatmosphäre zerstören. So wuchs die Panik, der Mittelschicht könne durch die Schulreform das Gymnasium als Refugium zivilisierter Erziehung verloren gehen. Das klingt schon im Namen der Initiative an: "Wir wollen lernen" - als wollten andere das nicht.

Ob das Hamburger Ergebnis tatsächlich bundespolitische Signalwirkung hat, ob sich die neue Landesregierung in NRW davon schockiert zeigen sollte, ist die Frage. NRW hat in der Schulpolitik andere Pläne. Doch auch hier muss man sich mit der Beobachtung befassen, dass die soziale Angstmacherei verfangen hat. Das Bild einer Hartz-IV-Unterschicht, die nicht nur bildungsfern, sondern geradezu bildungsresistent ist, hat sich in vielen Köpfen verfestigt. Dies verstärkt die Isolation der Armen und erinnert an Zeiten, da vor allem die Herkunft galt, nicht die Leistung. Genau dies aber kann sich das Land nicht mehr leisten, gebraucht wird jedes Talent, egal aus welcher Familie.

Das Ergebnis des Volksentscheids zeigt zudem sehr deutlich, wie nötig eine breitere Bildungsbeteiligung wäre: Während in den Nobelvierteln mehr als jeder Zweite abstimmte, war es in den Problemvierteln Hamburgs gerade einmal jeder Fünfte. Hier wird der wahre Auftrag für Pädagogen und Politiker sichtbar: politische Teilnahme hängt von Bildung ab - sie ist die Basis für eine funktionierende Demokratie.

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