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WAZ: Hiob und das Happy-End. Kommentar von Reinhard Schüssler

Essen (ots) - Im Vorfeld einer Fußball-Weltmeisterschaft wird kein Name so oft missbraucht wie der des wohlhabenden und gläubigen Hiob aus dem Alten Testament, den Gott auf die Probe stellt, indem er dem Teufel erlaubt, Hiob unermessliches Leid zuzufügen. Der dennoch nie an Gott zweifelnde Hiob verliert sein Vermögen und seine Kinder und wird todkrank. Im heutigen Sprachgebrauch jedoch steht die "Hiobsbotschaft" für jede Art von schlechter Nachricht, und sei es bloß eine eher harmlose, aber das WM-Aus bedeutende Verletzung eines Fußballprofis.

Wie inflationär der Begriff inzwischen benutzt wird, zeigt sich u.a. daran, dass er auch im Zusammenhang mit der Sprunggelenk-Blessur eines Christian Träsch fiel, dessen WM-Ausfall sogar gewöhnlich gut informierte Fußballfans irritiert fragen ließ: "Christian wer?"

Anders verhält es sich natürlich, wenn es sich um Namen wie Michael Ballack, Didier Drogba oder Arjen Robben handelt. In einer Zeit, in der unter Superlativen nichts mehr geht, wird jedoch bereits ein John Obi Mikel zu den Weltstars gezählt, nur weil dies so gut in die Geschichte vom vermeintlichen "WM-Fluch für Stars" passt.

Dabei sind solche "Hiobsbotschaften" für Trainer vor großen Turnieren keine Ausnahme, sondern die Regel. Spätestens mit dem ersten Spiel pflegen sie kein Thema mehr zu sein. Als Ausreden für ein schwaches Abschneiden taugen sie eh nichts. Was übrigens Bundestrainer Joachim Löw begriffen hat. Selbst den Ausfall eines fußballerischen Schwergewichts wie Ballack nahm er hin, ohne mit dem Fußball-Gott zu hadern, und richtete statt dessen den Blick entschlossen nach vorne.

Tatsächlich weckte das letzte WM-Testspiel der Deutschen die Hoffnung, dass Löw - um ein weiteres Wortspiel zu benutzen - aus der Not eine Tugend macht. Vielleicht hat der nicht mehr unumstrittene Coach ja aber auch nur aus der biblischen Geschichte des Hiob gelernt, der am Ende dafür reich belohnt wurde, dass er Gott allem Unglück zum Trotz nie verfluchte.

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