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WAZ: Europa und die neue Führung - Stark ist nur der Euro. Leitartikel von Gudrun Büscher

    Essen (ots) - Die Reaktionen auf das neue Spitzenduo der Europäischen Union war bescheiden. Doch mehr als diese beiden Kompromisskandidaten, die außerhalb ihrer Heimatländer kaum jemand kennt, war bei der Besetzung der Ämter offensichtlich nicht drin. So ist Europa: kleinmütig und ein bisschen müde nach dem zermürbenden Kampf um den Vertrag von Lissabon. Vor allem aber bleibt die EU geprägt von den Egoismen der Einzelstaaten. Es gibt sie nicht - die Vereinigten Staaten von Europa, nicht einmal mehr als Vision. Deshalb gibt es auch keine starke Führungspersönlichkeit an ihrer Spitze, mit der Europa ein Gesicht und US-Präsident Barack Obama ein mächtiges Gegenüber bekommen hätte. Das einzig Starke aus Europa bleibt der Euro.

      Für alle, die der großen europäischen Idee anhängen, ist das eine
herbe Enttäuschung, eine hasenfüßig vertane Chance auf einen großen
Schritt nach vor. Doch so einfach sind die großen Schritte eben
nicht. 27 Staats- und Regierungschefs sollen Macht abgeben, müssen
sich verständigen und sprechen nicht einmal die gleiche Sprache. Wer
über den europäischen Pragmatismus die Nase rümpft, sollte einen
Blick ins Ruhrgebiet riskieren. Auch hier weiß man nicht erst seit
gestern, dass die Zukunft der Region viel mit Zusammenarbeit,
Zusammenwachsen und Verständigung zu tun hat. In Sonntagsreden wird
das auch immer wieder gepredigt. Wenn es dann aber um den Bau einer
Arena, eines Schwimmbades oder Shoppingtempels geht, haben kommunale
Politiker nur die eigene Stadt im Auge. Und an Sprachproblemen und
den kulturellen Unterschieden von nördlichem und südlichem Ruhrgebiet
scheitert es hier nicht.

      Die Europäische Union hat ein Identitätsproblem. Die Brüsseler
Bürokratie wird als Moloch empfunden, als Abschiebebahnhof für daheim
unbequem gewordene Politiker - siehe Günther Oettinger. Dabei müssten
es die besten Köpfe sein, die dort Politik machen. Nur so kann Europa
stark gemacht werden.

      Das ist nicht gewollt. Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident
Sarkozy müssen nicht befürchten, von Van Rompuy in den Schatten
gestellt zu werden. Aber man sollte ihn auch nicht unterschätzen. Van
Rompuy hat Ruhe, Ordnung und ein bisschen Frieden in das belgische
Regierungs-Chaos gebracht. Er ist ein Stratege, kein Lautsprecher.
Ja, er hat außerhalb von Belgien keinen Namen. Aber kluge Verbraucher
wissen: Hinter so manchem No-Name-Produkt verbirgt sich eine
Edelmarke.

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