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WAZ: Rot-Rot - Was plötzlich in der SPD als normal gilt. Kommentar von Ulrich Reitz

    Essen (ots) - Es ist so berechenbar wie gefährlich. Natürlich muss jetzt der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit der Erste sein, der Rot-Rot-Grün als gleichberechtigte Bündnisoption für die Sozialdemokraten ins Spiel bringt. So ist die öffentliche Wahrnehmung, jedenfalls bei der Linken, nämlich, dass es unbestreitbare Normalität sei, dass die SPD sich auf die Linkspartei zu bewege. Nur, dass genau dies eben nicht normal ist.

      Darf man noch mal auf die Unterschiede zwischen Rot und Tiefrot
hinweisen, oder ist dafür der Zug schon abgefahren? Die Einen,
Sozialdemokraten, haben eine ausgesprochen demokratische Geschichte.
Die Anderen, Linken, haben eine ausgesprochen undemokratische
Geschichte.

      Vergesst mir die Freiheit nicht, rief Willy Brandt seinen
Genossen zu. Nicht jeder wollte das hören. Brandt aber wusste, dass
die Gleichheit ein großer Verführer war. Die Linkspartei hält sich
mit Diskussionen über persönliche Freiheitsspielräume nicht auf. Ihre
gegenwartsmächtige Historie ist das Kollektiv: was zählt, ist die
Gleichheit. Wenn in der SPD jene die Überhand gewinnen, die eine
rot-rote Normalität predigen, entlassen sie die Linkspartei aus der
Verantwortung, ihre belastete Geschichte zu klären und die
Konsequenzen daraus zu ziehen. Diesen Häutungsprozess mussten auch
die Grünen hinter sich bringen, bevor sie auf Bundesebene
Verantwortung übernehmen konnten. Zwischen der Gründung der Grünen
und der Koalition zwischen Schröder und Fischer lagen mehr als 20
Jahre. Weshalb hat es jetzt die SPD so eilig?
Die SPD muss aufpassen, dass sie ihren Stolz nicht verliert. Und das
tut sie, wenn sie der Linkspartei aus plumpen machttaktischen
Überlegungen hinterher läuft.

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