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WAZ: Diskussion um Familienpolitik - Generation Fremdbetreuung - Leitartikel von Julia Emmrich

    Essen (ots) - Mit sechs Monaten zur Tagesmutter, mit zwei Jahren in die Kita, mit sechs in die Ganztagsschule: Merken Sie was? In Deutschland wächst die "Generation Fremdbetreuung" heran und niemand weiß: Geht das eigentlich gut? Die Debatte schwelt - und CDU und SPD liegt viel daran, dass sie nicht ausgerechnet im Wahlkampf hochkocht.

      In der Familienpolitik gibt es keine Patentrezepte. Was für
Louise aus Tübingen gilt, kann für Aishe aus Marxloh verkehrt sein.
Dennoch haben Bund und Länder die Weichen auf Jahre gestellt: Kinder
sollen immer früher und immer länger außer Haus betreut werden - die
Stichworte: Ausbau der Krippenplätze, Aufbau von Ganztagsschulen, die
Debatte um das verpflichtende letzte Kindergartenjahr. Die Argumente:
Mütter können früher wieder in den Beruf zurück, benachteiligte
Kinder können besser gefördert werden, Einzelkinder wachsen im Rudel
auf. Wer Gegenargumente hat, gilt schnell als Traditionshuber und
Gleichstellungsbremse.

      Dennoch: Müssen schon Zweijährige einen achtstündigen Kita-Tag
haben, nur weil ihre Eltern im Acht-Stunden-Korsett gefangen sind?
Sollten nicht Lebensarbeitsmodelle systematisch an
Familienbedürfnissen ausgerichtet werden? Zweitens: Viele junge
Mütter sehnen sich zurück an ihren Arbeitsplatz, weil sie gerne
arbeiten, aber auch, weil sie sich mit dem Säugling sozial isoliert
und geistig unterfordert fühlen. Muss die Lösung Krippe heißen?
Könnten nicht auch private Netzwerke, die "kleinen Lebenskreise", wie
CDU-Vordenker Kurt Biedenkopf das nennt, helfen? Drittens: Gute
Fremdbetreuung ist teuer, die Kassen aber sind leer.

      "Organisierte Traumata" nennt es der Kinder- und Jugendpsychologe
Wolfgang Bergmann, wenn immer kleinere Kinder in viel zu großen
Gruppen fremdbetreut werden. Polemiker erinnern an die Krippenpolitik
in der DDR, Konservative liebäugeln mit Maßnahmen zur Aufwertung der
familiären Betreuung - von der "Herdprämie" bis zum "Homeschooling",
dem Unterricht im Elternhaus. Zwei Dinge sind jetzt schon sicher: Die
Debatte um die Fremdbetreuung wird eines der wichtigsten Themen der
Familienpolitik der nächsten Jahre. Und: Die "Generation
Fremdbetreuung" ist kein Zufallsereignis. Sie ist die Folge
weiblicher Berufsentscheidungen, mehr aber noch die Antwort auf
heutige Berufsbedingungen und die staatliche Bildungspolitik nach
Pisa. Es geht um Effizienzsteigerung, weniger um Freiheitsgewinn.

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