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WAZ: Die Kirche und das Kapital - Die moralische Autorität. Leitartikel von Angelika Wölk

    Essen (ots) - Seit Wochen wird über die Finanzkrise, die Gier von Managern, die Jagd nach immer höheren Renditen bei Unternehmen, Banken und Anlegern debattiert. Tonangebend waren Ökonomen und die Politik. Die Kirchen, mag man glauben, haben in der Welt der harten Währung nichts zu melden. Doch das ist ein Irrglaube. Es ist ein ureigenes Anliegen der Kirchen, das Kapital im Blick zu haben. Denn wenn es um die Wirtschaft geht, dann geht es immer auch um eines der großen Kirchenthemen: Dann geht es immer auch um die soziale Frage. Dann geht es um die Menschen, die das Kapital an den Rand drängt.

      Die Kirchen haben in dieser Frage inzwischen eine gute Tradition
begründet. Sie waren es, die in den 90er-Jahren mit ihrer Schrift zur
sozialen Lage erstmals die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich
öffentlich angeklagt haben. Und es war die kirchliche Caritas, die
den ersten Armutsbericht vorlegte - zu einer Zeit, als die Regierung
das noch für überflüssig hielt. Es waren also die Kirchen, die
wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Lebensbedingungen der
Benachteiligten zu einem Bestandteil der öffentlichen Debatte wurde.

      Dass sie sich jetzt so massiv in die Diskussion um die
Finanzkrise einschalten, gehört in diese Tradition. Das gilt für den
Erzbischof von München, Reinhard Marx, mit seinem Buch "Das Kapital.
Ein Plädoyer für den Menschen" ebenso wie für den
EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber vor der Synode in Bremen. Ihre
Beiträge sind wichtig - weil die Kirchen immer noch die einzigen
sind, die trotz Säkularisierung und trotz ihres insgesamt
geschrumpften Einflusses die moralische Autorität besitzen, ethische
Maßstäbe in der Wirtschaft und nachhaltiges Wirtschaften
einzufordern.

      Das war längst nicht immer so in der Kirchengeschichte. Viel zu
lange stand der Klerus in vergangenen Jahrhunderten auf der Seite der
Herrschenden. Und gerade der Protestantismus in der Tradition von
Johannes Calvin musste sich den Vorwurf gefallen lassen, er
begünstige mit seiner strengen Pflichterfüllung erst jenes
Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus
ist.

      Das Verhältnis zwischen Kapital und Kirche war also immer
spannungsreich. Bewegt hat das bekanntlich schon Jesus. Von ihm
stammt das Gleichnis vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als
dass ein Reicher in den Himmel kommt. Die Kirchen versuchen gerade,
es dem ein oder anderen Manager ins Bewusstsein zu rufen.

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