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WAZ: Der Skandal-Kardinal Meisner und die offene Gesellschaft - Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots)

War nicht so gemeint, lässt der Kölner Kardinal nun
verlauten. Das nehmen wir Joachim Meisner getrost mal nicht ab. Wäre 
er nämlich überzeugt, daneben gehauen zu haben, müsste er schon genau
erklären, weshalb. Er müsste Abstand nehmen vom eigenen Tabubruch und
das überzeugend begründen. Davon aber kein Wort.
"Wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt 
wird, erstarrt der Kult im Ritualismus, und die Kultur entartet." Tut
es Meisner etwa leid, bei der Nazi-Sprache eine Anleihe genommen zu 
haben? Darüber lässt er uns im Unklaren. Gegen ihn spricht indes, 
dass er vor zwei Jahren Abtreibungen mit den Massenmorden Stalins und
Hitlers verglich. Es gibt wirklich gute Gründe, gegen Abtreibungen zu
sein, aber die Anleihe bei den totalitären Diktatoren ist der 
Versuch, allein schon die Diskussion darüber zu tabuisieren.
Findet es Meisner etwa verfehlt, Kultur "entartet" dann zu 
nennen, wenn sie nicht-religiös daherkommt? Findet er es etwa nun, 
angesichts der Kritik, nicht mehr richtig, die Vorherrschaft der 
Religion über die Kunst zu behaupten? Wohl kaum, denn sonst hätte es 
uns der Gottesmann schon wissen lassen. So aber bleibt sein Zitat ein
doppelter Skandal: Es macht Nazi-Sprache hoffähig und verurteilt die 
Kunstfreiheit. Genau das ist es, was Meisner gar nicht gefällt: dass 
Kunst frei ist. Nicht nur frei zur Religion. Sondern ebenso 
selbstverständlich frei von Religion. Diese Freiheit macht das Wesen 
der liberalen, offenen Gesellschaft aus. Gerade daher ist die 
Freiheit der Kirche begrenzt, anders als in vielen islamischen 
Staaten, die aus einem Religions-Regelbuch, der Scharia, einen 
Staatsregel-Kanon gemacht haben. Wenn die Aufklärung der Ausgang des 
Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit sein sollte, dann 
meinte Kant damit auch die Unmündigkeit, die folgt, wenn Religion 
über Vernunft gestellt wird. Der liberale Rechtsstaat musste eben 
auch erkämpft werden gegen die Kirche. Meisner sollte uns erklären, 
ob er zur offenen Gesellschaft steht, oder ihr eine Art katholischen 
Gottesstaat vorzieht.
Schließlich offenbart Meisner einmal mehr sein 
Kirchenverständnis. Klein, elitär, sektiererisch, frauenfeindlich, in
gewisser Weise gnadenlos, orthodox im Sinne der reinen Lehre und 
daher reinen Gewissens vor Gott. Würde er sich damit durchsetzen, es 
wäre das Ende der Volkskirche. Daher ist das, was auch noch zwei Tage
nach der sehr wohl kalkulierten Entgleisung sauer schmeckt, das 
Ausbleiben einer Korrektur durch Kirchenleute selbst. Oder findet 
Meisner mehr Anhänger, als gut wäre?

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