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Das große Klima-Fiasko
Leitartikel von Michael Backfisch zur Weltklimakonferenz

Berlin (ots)

Klimakrise? Sie ist fast in Vergessenheit geraten angesichts des Katastrophen-Tsunamis, der derzeit über die Welt fegt. Der Ukraine-Krieg hat zu einer globalen Kettenreaktion geführt: Gas wurde knapp, Energie teurer, der Mangel an Nahrungsmitteln - vor allem in Afrika - löst Flüchtlingswellen aus. Und dann schlägt noch der Klimawandel zu. Machen wir uns nichts vor. Die Chancen, dass die zweiwöchige UN-Klimakonferenz im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich einen Durchbruch für den Blauen Planeten bringt, sind denkbar gering. Das Mammut-Treffen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft droht vielmehr zu einem großen Fiasko zu werden. Es fehlt nicht an Appellen. "Unser Planet sendet ein Notsignal", mahnt UN-Generalsekretär António Guterres. "Die Menschheit steuert auf einen Abgrund zu, auf eine Erwärmung von über 2,5 Grad", warnt Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Die Wirklichkeit ist in der Tat düster. Das bei der Pariser Klimakonferenz 2015 gesteckte Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, wird sich als Illusion erweisen, wenn es so weitergeht. Fast alle Länder haben die Zusagen, ihre Klima-Anstrengungen zu vergrößern, verfehlt. Bereits jetzt liegt die weltweite Durchschnittstemperatur bei rund 1,15 Grad über der Vergleichsmarke. Es wird zwischen Washington und Peking zu viel fossile Energie verfeuert, zu viel CO2 ausgestoßen. Mit dem Ergebnis, dass es auf der Erde immer wärmer wird. Die Quittung ist die Zunahme von Wetterextremen weltweit. Dürren häufen sich in Afrika, Überschwemmungen in Pakistan, Waldbrände in den USA, Portugal oder Spanien. In der Schweiz hat das Volumen der Gletscher in den vergangenen 20 Jahren um mehr als ein Drittel abgenommen. Die Ahrtal-Flut vom Juli 2021 ist ein Fanal, dass auch Deutschland vor verheerenden Auswirkungen nicht sicher ist. Die Dringlichkeit einer globalen Allianz gegen den Klimawandel könnte nicht größer sein. Doch die Entwicklung läuft in die andere Richtung. Die Wirtschaftslokomotive China will bis 2030 ihren CO2-Ausstoß erhöhen und erst 2060 Klimaneutralität erreichen - viel später als die meisten anderen Industrieländer. Die immer wieder beschworene Partnerschaft mit Peking bei der Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen ist bisher allenfalls Wunschdenken. Zudem hat die Kappung der Gaslieferungen durch Russland zu einer - zumindest zeitweiligen - Renaissance fossiler Energien geführt. Wenn es aber die großen Industriestaaten nicht packen, eine "grüne Koalition" zur Rettung des Weltklimas zu schmieden: Wie sollen dann die ärmeren Länder ins Boot geholt werden? Staaten wie Pakistan oder Somalia produzieren kaum Treibhausgase, werden aber besonders hart durch Wetterextreme getroffen. Sie sind die Leidtragenden der großen CO2-Emittenten in Amerika, Europa oder Ostasien. Das schon 2020 gegebene Versprechen der Industrieländer, den globalen Süden mit 100 Milliarden Dollar pro Jahr für Klimaschutz-Maßnahmen zu unterstützen, wurde bislang nicht erfüllt. Die Aussichten, dass die UN-Konferenz in Scharm el-Scheich die Wende bringt, sind erschreckend gering. Es wird wieder wortreiche Bekenntnisse geben. Dabei zählen nur Taten. Die von der Bundesregierung geplanten Klimapartnerschaften - etwa, Südafrika beim Kohleausstieg zu unterstützen - sind Schritte in die richtige Richtung. Das ist klimapolitischer Minimalismus. Aber es ist besser als nichts.

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