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BERLINER MORGENPOST: Auch "und" gilt bald als abgeschrieben - Leitartikel

Berlin (ots) - Ja, ich gestehe: Garantiert nicht jedes Zitat ist supersauber belegt. Kann gut sein, dass eigene und fremde Gedanken irgendwann durcheinander gegangen sind. Ich habe Leute um Hilfe gebeten, die sich auf bestimmten Gebieten besser auskannten als ich. Nach den Maßstäben von Internet-Fahndern wäre ich wahrscheinlich ein Plagiator. Völlig zu Recht wurde es übrigens kein "summa cum laude", sondern ein eher gnadenvolles "gut". Der Doktorvater war von herzlicher Unbarmherzigkeit; alle paar Wochen wollte er das nächste Kapitel. Es waren fast vier Jahre Arbeit, und am längsten dauerte die Phase, als das Ufer des Startes nicht mehr zu sehen war, das Ziel aber auch noch nicht. An diesem Punkt geben übrigens die meisten auf, bei Kilometer 25 des Marathons, wenn es weh tut, noch lange dauert und man sich die Sinnfrage stellt. "Diss" steht eben auch für Durchhalten. Und inzwischen auch für "Dissen". Seit Beginn der Guttenberg-Festspiele habe ich mich wohl tausend Mal entschuldigen müssen für diesen Titel, der viel Nerven, Zeit und Geld gekostet und meiner Familie nicht immer den liebevollsten Vater und Partner beschert hat. Es ist völlig in Ordnung, akademische Meriten und ihr Zustandekommen zu hinterfragen. Was nicht okay ist, das ist die mehr oder weniger sportliche Häme, mit der jeder Promovierte inzwischen überzogen werden. Zur Realität gehört, dass Professoren, die sich als Wissenschaftler sehen, zwar Wert auf korrekte Fußnoten legen, sich aber nicht unbedingt um das letzte Prozent Fußnote scheren. Der Wert einer Arbeit liegt eher in ihrer originellen Fragestellung, der Beweisführung und dem schlüssigen Zusammenfassen der Ergebnisse. Ein guter Forscher ist mindestens ebensoviel Kreativer wie Finanzbeamter. Das Penible ist wichtig, keine Frage, aber es waren nicht immer die Peniblen, die die Welt mit ihren Gedanken nach vorn gebracht haben. Vor die Wahl gestellt, ob er eine vor Fußnotenfehlern strotzende, aber genial gedachte Arbeit bevorzuge oder eine strunzlangweilige, die zu 100 Prozent korrekt zitiert, würden die meisten Professoren sich wohl für das kreative Werk entscheiden. Wissenschaft ist mehr als Korinthenlese. Wenn wie im Falle der FDP-Politikerin Koch-Mehrin so banale Passagen wie "bahnte den Weg auch zur Wiederherstellung der früheren Handelsbeziehungen" oder "Seit den 1880er Jahren konzentrierte sich die Expansion der europäischen Staaten auf den afrikanischen Kontinent" als Belege fürs Plagiieren herhalten, dann ist klar: Der Wert von 15 Prozent und mehr ist Mumpitz, hat mit wissenschaftlichen Kriterien nicht viel zu tun, sondern legt den Verdacht nahe, dass da jemand fertig gemacht werden soll. Solche Stellen finden sich in - geschätzt - jeder zweiten Dissertation und sind in etwa so releveant wie die Farbnasen, die dem Lackiererlehrling bei der Prüfung unterlaufen. Sollte nicht, kann aber passieren, und stellt das Ergebnis nicht grundsätzlich in Frage. Es wird der Tag kommen, da gelten auch "und" und "aber" als abgeschrieben.

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