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BERLINER MORGENPOST

Berliner Morgenpost: Die SPD im Norden hat gepokert und verloren

Berlin (ots)

Monatelang hat es gefährlich geknirscht, jetzt ist
sie zerbrochen - die große Koalition in Schleswig- Holstein. 
Gescheitert ist sie vor allem an zwei Charakteren, die 
unterschiedlicher nicht sein können. Der eine ist Peter Harry 
Carstensen, Ministerpräsident im nördlichsten Bundesland, ein eher 
kumpelhafter, gutmütiger Politiker, von vielen im Lande seiner 
Bodenständigkeit und Menschenfreundlichkeit wegen als Landesvater 
zumindest respektiert. Auf der anderen Ralf Stegner, Faktions- und 
Parteichef der Nord- SPD, auf dem linken Flügel angesiedelt und vor 
politischem Ehrgeiz brennend. Der offene Streit zwischen beiden 
eskalierte vor zwei Jahren schon einmal bis zum Fastbruch der 
Koalition. Damals zwang Carstensen seinen Innenminister wegen 
mangelnder Koalitions-Loyalität zum Rückzug aus dem Kabinett. Die 
Stimmung an der Förde wurde auch danach kaum besser.
Stegner stichelte weiter, bis der CDU jetzt endgültig der Kragen 
platzte. Der sachliche Hintergrund ist in der Finanznot Schleswig- 
Holsteins, dem Armenhaus des Nordens, zu finden. Erst weigerte sich 
Stegner, das von der CDU verlangte Sparpaket mitzutragen, bis er 
schließlich nach erneuter Drohung mit dem Ende der Koalition durch 
Carstensen einlenkte. Und jetzt gibt schließlich wieder eine 
unpopuläre Finanzentscheidung den Ausschlag. Die mitzutragen waren 
zwar Stegners Parteifreunde am Kabinettstisch bereit, nicht aber er 
als Partei- und Fraktionschef und Herausforderer von Carstensen im 
nahenden Wahlkampf im Mai des nächsten Jahres. Dabei geht es um eine 
öffentlich schwer vermittelbare Sonderzahlung für den Chef der 
maroden HSH Nordbank in Millionen- Höhe. Stegner bestreitet die 
Zustimmung der SPD zu diesem Deal.
Das krachende Ende kommt einer politischen Erlösung gleich. Und die 
Finanzkrise wird damit in Deutschland ihr erstes bedeutsames 
politisches Opfer finden. Ob das Carstensen oder Stegner heißen wird,
bleibt vorerst spannend. Die CDU jedenfalls hat die letzte 
Gelegenheit genutzt, ihr Gesicht zu wahren, vor allem aber den 
erwarteten bundespolitischen Aufwind zu nutzen, um am 27. September 
(dann mit der FDP) Regierungspartei in Kiel zu bleiben. Auch wenn der
eigentlich populäre Carstensen wegen eigener Fehler an Reputation 
verloren hat, scheinen Stegner und die SPD vorgezogene Wahlen zu 
scheuen. Trotz seiner Dauer-Kritik wird Stegner plötzlich zum Anwalt 
dieser Koalition und weckt damit Zweifel, ob seine SPD die 
notwendigen Stimmen zur Auflösung des Landtags beisteuern wird. Das 
würde die tatsächliche Lage negieren.
 Jedenfalls hat die CDU der SPD einen unerwarteten Strich durch die 
Wahlkampfplanung gemacht. Stegner hat sich für den Mai nächsten 
Jahres wohl größere Chancen ausgerechnet, weil die erwartete künftige
schwarz-gelbe Bundesregierung bis dahin einige sehr unpopuläre 
Entscheidungen würde treffen müssen. Davon wollte der Sozialdemokrat 
profitieren. Er hat hoch gepokert - und schon die zweite Partie 
verloren.

Pressekontakt:

Berliner Morgenpost

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell

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