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Berliner Morgenpost: Die Schwäche der anderen ist die Stärke der FDP - Kommentar

Berlin (ots)

Ausgerechnet am Tag, da die Staatshilfen für die
Monster-Bank Hypo Real Estate die 100-Milliarden-Grenze übersteigen, 
hat die FDP eine Marke geknackt, deretwegen sie jahrelang verspottet 
wurde: 18 Prozent der Deutschen, so behaupten zumindest die notorisch
unzuverlässigen Demoskopen, würden derzeit die Liberalen wählen. Wie 
kann das sein? Hat sich die lange Not leidende Partei verändert?
Keineswegs. Aber die Umstände haben sich dramatisch gewandelt. In der
Krise werden die Volksparteien als Knäuel wahrgenommen, das mal 
hier-, mal dorthin kullert, die Grünen gelten nach wie vor als 
Öko-Partei und mithin nicht als umfassend krisenkompetent, und den 
Linken mag man das Land erst recht nicht anvertrauen. Bleiben also 
die Freidemokraten, die auch nicht plötzlich supergut geworden sind -
aber alle anderen schneiden eben noch schlechter ab.
Nach fast elf Jahren Opposition genießen die Liberalen das Privileg 
relativer politischer Unschuld: Sie haben seit 1998 nicht eine 
einzige Grausamkeit zu verantworten, weder Renten- noch 
Gesundheitsreform, nicht Hartz I bis IV, Konjunkturpaket, 
Rettungsschirm. In der Krise erweist sich Staatsskepsis als 
stimmenwertes Alleinstellungsmerkmal. Dass der Staat wie im Falle 
Hypo Real Estate offenbar mit großen Sündern paktiert, aber Millionen
kleiner Unternehmer allein lässt, macht die selbst ernannte 
Wirtschaftspartei für Millionen Wähler attraktiv, die nicht von den 
Segnungen des gigantischen Krisenfüllhorns profitieren.
Die FDP ist eine bürgerliche Protestpartei. "Dem Koch eins 
auswischen" war für viele Wähler in Hessen im Januar wichtigster 
Grund, mal FDP zu wählen. Genau hier liegt aber das Problem: Das 
Wachstum ist nicht nachhaltig, sondern einer Stimmung von unbekannter
Dauer geschuldet. Alles hängt von Guido Westerwelle ab, der die 
Partei verjüngt, in den Ländern stabilisiert und allein auf sich 
zugeschnitten hat.
Kaum ein Politiker hat ein öffentliches Höllenfeuer durchlebt wie 
Westerwelle. Der nervig Dynamische mit der "18" unter der Schuhsohle 
galt lange Zeit als Prototyp des schwatzenden Karrieristen, er musste
mit mobbenden Altkadern fertig werden, ein nervenzehrendes Coming-out
bewältigen.
Das kommende halbe Jahr wird womöglich zur noch härteren Prüfung. 
Denn ab sofort wird die Kleinpartei auf Regierungsfähigkeit getestet.
Taugt Westerwelle tatsächlich zum Außenminister einer schwarz-gelben 
Koalition? Und was hat die FDP, die mit Genscher für Außenpolitik, 
mit Lambsdorff für Wirtschaft und mit Hirsch/Baum für Bürgerrechte 
stand, heute eigentlich an Personal zu bieten? Sind Daniel Bahr, Otto
Fricke, Silvana Koch-Mehrin in ausreichendem Maße ministrabel? Oder 
tauchen alte Gespenster wie Ex-Parteichef Wolfgang Gerhardt oder 
Cornelia Pieper noch einmal auf?
Eine Partei, die regieren will, kann nicht nur dagegen sein, sondern 
muss klarmachen, wofür sie steht. Es gilt die Regel: Viele Fans, die 
schnell kommen, sind auch hurtig wieder weg.

Pressekontakt:

Berliner Morgenpost

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell

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