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Weser-Kurier: Kommentar von Silke Hellwig zum Berufsbildungsbericht

Bremen (ots) - Auf den ersten Blick scheint der Berufsbildungsbericht ein beachtliches Zeugnis zu sein: Im Land der Dichter und Denker streben bald 60 Prozent der Abiturienten akademische Weihen an. Jahrzehntelang war es der Traum der Bildungspolitik, dass nicht nur Akademikerkinder den Weg an die Hochschule und Unis finden. Er scheint Wirklichkeit geworden. Doch tatsächlich ist die Bildungsmisere gar nicht behoben, sie hat sich nur verlagert; schonungsloser ausgedrückt: Sie wird kaschiert. Experten gehen davon aus, dass das deutsche Schulsystem nicht etwa besser fördert als früher, sondern dass die Anforderungen gesenkt worden sind. So lässt sich die Abiturientenquote problemlos steigern, bis es im Prinzip nur noch Abiturienten gibt. Allerdings zeigt diese Praxis schon jetzt Folgen: Professoren und Dozenten klagen seit geraumer Zeit, dass das Leistungsniveau von Abiturienten zu wünschen übrig lasse, vor allem in Mathematik und Naturwissenschaften. So entlassen Schulen junge Frauen und Männer an die Unis, die dort heillos überfordert sind. Das ist im Besonderen verantwortungslos gegenüber den Schulabgängern. Im Allgemeinen hat es irrwitzige Folgen: Hochschulen müssen mehr Studienplätze schaffen. Da das oft nicht finanzierbar ist, werden sie zu Einsparungen gezwungen. Ein Drittel der Studenten bricht das Studium ab, dafür müssen die anderen beiden Drittel unter Sparauflagen leiden. Die konsequente Weiterentwicklung dieser Methode wäre, die Anforderungen eines Hochschulstudiums dem Wissensstand der Schulabgänger anzupassen. Dann müsste man den Bachelor nur noch Abitur nennen, und das System wäre wieder halbwegs im Lot. Die andere Möglichkeit wäre eine Schulreform, die ihren Namen verdient und mit dem föderalistischen, oft ideologisch getriebenen Herumexperimentieren ein Ende macht. Man ahnt: Eine der Varianten ist vollkommen unrealistisch.

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