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Börsen-Zeitung: Verfrühte Hoffnungen
Kommentar zu den sich ausweitenden Währungskrisen in den Schwellenländern von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Experten werden seit Wochen nicht müde, eine Lanze für die Emerging Markets zu brechen. Die von dem Türkei-Desaster ausgehenden Ansteckungsrisiken seien gering, nach der Underperformance der Schwellenländeraktienmärkte böten sich aufgrund relativ niedriger Bewertungen, aufgrund des im Vergleich zu den Industrienationen höheren Wirtschafts- und Gewinnwachstums sowie langfristig viel versprechender Perspektiven interessante Einstiegsmöglichkeiten.

Es ist zwar möglich, dass die Phase, in der man auf Schnäppchenjagd gehen kann, bereits begonnen hat - sofern man in der Lage und bereit ist, gegebenenfalls auch eine längere Durststrecke auszuhalten, und selektiv an diese sehr vielseitige Asset-Klasse herangeht. Insgesamt wirkt der verbreitete Optimismus für Schwellenländeranlagen jedoch ein wenig verfrüht. Die Schwäche der Emerging Markets zeigt derzeit keinerlei Anzeichen nachzulassen, wie der Absturz des argentinischen Peso, die Rekordtiefs der der indischen Rupie und des brasilianischen Real sowie die erneuten Einbußen der türkischen Lira gestern demonstrierten. Schwellenländer-Assets werden durch ein Bündel von Faktoren gedrückt, von denen einige noch eine Zeit lang erhalten bleiben werden. Dazu zählen - gerade für Schwellenländer ein Problem - der Handelsstreit sowie die nicht zuletzt auch aufgrund dieses Konflikts bestehenden Befürchtungen über das langsamere chinesische Wachstum. Darüber hinaus sind Investoren aufgrund des Handelskonflikts, aber auch anderer Probleme wie dem sich abzeichnenden Hard Brexit, eher auf der vorsichtigen Seite, und von Risikoscheu werden die Emerging Markets ebenfalls überproportional stark betroffen.

Zumal die höheren Zinsen beziehungsweise Renditen in den USA Dollar-Anlagen attraktiver machen und damit in einigen Schwellenländern sehr dringend benötigte Kapitalzuflüsse drosseln. Hoffnungen, dass die Fed in absehbarer Zeit ihr Zinserhöhungstempo bremst und damit das Problem aus Sicht der Schwellenländer entschärft, dürften sich ebenfalls als verfrüht erweisen. Die Entwicklung der US-Wirtschaft signalisiert keinen entsprechenden Bedarf - ganz im Gegenteil. Zudem hat US-Präsident Trump mit seiner Kritik an den Zinsanhebungen der Notenbank auch den Spielraum für eine langsamere Gangart genommen. Sie ist nun geradezu gezwungen, bis auf weiteres an den geplanten Erhöhungen festzuhalten, damit Zweifel an ihrer Unabhängigkeit gar nicht erst aufkommen.

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