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Börsen-Zeitung: Lauter Verlierer, Kommentar zur Deutschen Börse von Claus Döring

Frankfurt (ots) - Der Chef der Börse schmeißt hin", begann der Kommentar an dieser Stelle vor exakt einer Woche - und stellte im nächsten Satz klar, dass es sich nicht um den für Negativschlagzeilen sorgenden Carsten Kengeter handle, sondern um Xavier Rolet, den Chef der London Stock Exchange (LSE). Nun ist es tatsächlich Kengeter, und es ist ein Paukenschlag am Finanzplatz. Denn der Aufsichtsrat, der gestern tagte, wollte Kengeter eigentlich den Rücken stärken für die weiteren Insiderermittlungen, nachdem der lange vorbereitete Deal zwischen Staatsanwaltschaft, Deutscher Börse und Kengeter am Widerstand der Finanzaufsicht BaFin vor wenigen Tagen geplatzt war.

Kengeter geht als Verlierer vom Platz. Als Verlierer im Fusionsvorhaben mit der LSE. Als Verlierer im längst nicht abgeschlossenen Transformationsprozess der Deutschen Börse, wo nach anfänglicher Aufbruchstimmung der Gegenwind zuletzt immer heftiger wurde. Als Verlierer am Finanzplatz Frankfurt, wo er das Negativimage des angelsächsischen Investmentbankers nicht abzustreifen vermochte. Als Verlierer in einer Auseinandersetzung zwischen Behörden, die mit den Begriffen Profilierungssucht und Überforderung nur ansatzweise beschrieben ist. Aber: Der Verlierer geht erhobenen Hauptes.

Auch wenn noch offen ist, ob es sich beim Kauf eigener Aktien um einen Gesetzesverstoß oder nur fehlendes Fingerspitzengefühl handelte: Mit dem Rücktritt ist Kengeter vom Getriebenen zum Akteur geworden. Er muss jetzt nicht mit Rücksicht auf das von ihm geführte Unternehmen irgendwelchen Deals zustimmen, obwohl die Staatsanwaltschaft bisher nichts in der Hand hat, was zur Anklage reicht. Die BaFin kann ihn nicht mehr erpressen mit dem Hinweis auf die Zuverlässigkeitsprüfung. Und Kengeter könnte offen über das Versagen der eigenen Rechtsabteilung, der beauftragten Kanzleien, allen voran Linklaters, und nicht zuletzt des eigenen Aufsichtsrats sprechen - wenn er denn wollte. Das Schweigegeld dürfte hoch ausfallen.

Verlierer ist neben der Börse, die jetzt ohne strategischen Kopf dasteht und sich nach dieser Vorgeschichte mit der Suche eines adäquaten Nachfolgers schwertun wird, vor allem der Finanzplatz Frankfurt. Über die hier aufgeführte Selbstfesselung reibt man sich in Paris, London und New York die Hände.

Ein anderer Verlierer hielt sich gestern noch im Hintergrund: Börse-Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Faber. Er steht vor einem Scherbenhaufen. Auch sein Rücktritt ist überfällig, wenn das Wort vom Neuanfang nicht eine Floskel sein soll.

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