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Börsen-Zeitung: Momentum verpufft, Kommentar zur Börsenfusion von Claus Döring

Frankfurt (ots) - Mit dem Schlachtruf "Accelerate" hat Carsten Kengeter die Deutsche Börse zum Spiel geführt, gepunktet hat er aber erst in der Verlängerung. Die 89 Prozent Annahmequote der Deutsche-Börse-Aktionäre sind zwar am Ende ein ordentliches Ergebnis, doch die Begeisterung der Anteilseigner für die Fusion mit der Londoner Börse war längst nicht so groß wie vom Management anfangs unterstellt. Dies spiegelte sich nicht allein im Absenken der Mindestzustimmungsquote von 75 auf 60 Prozent und in der Fristverlängerung. Auch die ursprünglich von Vorstandschef Kengeter als Zielquote avisierten 95 Prozent wurden nicht erreicht. Wenn frühere Angaben zum Anteil institutioneller Investoren im Aktionariat der Börse von 94 Prozent stimmen, haben also nicht allein Streubesitzaktionäre den Tausch verweigert.

Gründe zur Zurückhaltung hat es für Anteilseigner der Deutschen Börse mehr als genug gegeben: Von den völlig offenen Folgen des britischen Brexit-Votums für Sitz und Governance der neuen Börsen-Holding über die offenkundige Schieflage im Tauschverhältnis der beiden Börsenbetreiber bis hin zu den angeblichen Kostensynergien, die weniger den Fusionspartnern als vielmehr ihren Kunden zugutekommen werden.

Falls die Nichttauscher keine Einwände in der Sache haben, sondern auf einen Squeeze-out mit höherer Abfindung spekulieren, werden sie sich freilich in Geduld üben müssen. Die Deutsche Börse wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie die Fusionsverweigerer postwendend finanziell belohnte. Das wäre den Aktionären, die jetzt getauscht haben, nicht zu erklären. Und für den Beherrschungsvertrag der Börsenholding mit dem geistreichen wie unaussprechlichen Namen HLDCO123 plc mit der Deutschen Börse AG reichen 75 Prozent.

So klar nun die Zustimmung der Anteilseigner beider Börsenbetreiber zur Fusion ist, so nebulös stellen sich bisher die Aussichten auf die wettbewerbs- und aufsichtsrechtlichen Genehmigungen dar. Noch in diesem Monat dürfte das Fusionskontrollverfahren in Brüssel in Gang gesetzt werden. Mit dessen Abschluss ist angesichts der Bedeutung des Falls realistischerweise gegen Ende des ersten Quartals 2017 zu rechnen. Und erst danach würden wohl die hiesige Finanzaufsicht BaFin und die Börsenaufsicht in Wiesbaden ihr Votum fällen. Mit "Accelerate" vermag Kengeter vielleicht den eigenen Laden auf Trab zu bringen - Regulierer und Aufseher haben ihr eigenes Tempo. Das Risiko der bevorstehenden Hängepartie ist, dass das Momentum der geplanten Fusion bis zum Sommer nächsten Jahres verpufft ist.

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