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Börsen-Zeitung: Im Billionenrausch, Leitartikel von Claus Döring zur Finanzkrise, der von ihr ausgelösten Rezession und den finanz- und wirtschaftspolitischen Implikationen

    Frankfurt (ots) - Das Display handelsüblicher Taschenrechner reicht nicht aus, um die "Zahlen des Jahres" 2008 anzuzeigen. Mit ihrem 700-Mrd.-Dollar-Rettungspaket für die amerikanische Finanzindustrie machte die US-Regierung den Anfang, es folgten in Europa staatliche Garantien und Kapitalspritzen für die Banken, die sich auf 1,9 Bill. Euro summieren. Aber auch die Verluste der Investoren erreichen kaum fassbare Dimensionen: An den Aktienmärkten der Welt haben sich 2008 mehr als 28 Bill. Dollar Marktkapitalisierung verflüchtigt.

    Die "Zahlen des Jahres" 2009 werden erst recht den Rahmen üblicher Darstellung, vor allem aber unserer Vorstellung, sprengen. Wer vermag die unglaubliche Zahl von bis zu 8 Bill. Dollar zu erfassen, mit denen allein die USA unter ihrem neuen Präsidenten Barack Obama die Wirtschaft beleben wollen - sei es durch staatliche Finanzhilfen, sei es in Form von Konjunkturprogrammen. Die Welt im Billionenrausch. Alles dient einem Zweck: eine schwere Weltwirtschaftskrise zu verhindern oder zumindest zu mildern. Wie einst Freiherr von Münchhausen will man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Und nicht nur in den USA rufen die Politiker den skeptischen Bürgern zu: Yes, we can. Schon vergessen, dass man Münchhausen auch den "Lügenbaron" nannte?

    Ebenfalls schon vergessen scheint, warum es zur Finanzkrise kam. Das Risiko hatte keinen adäquaten Preis. Bei den amerikanischen Immobilienfinanzierungen nicht, bei den synthetischen Finanzprodukten nicht und auch nicht bei den mit hohem Fremdkapitaleinsatz gehebelten Unternehmenskäufen. Heute aber glauben Notenbanker, Politiker und manche Ökonomen allen Ernstes, ausgerechnet mit weiterer Verbilligung des Risikos aus der Krise zu kommen. Die Leitzinsen der Notenbanken fallen Richtung Null oder liegen real schon darunter.

    Die Nullzinspolitik ist die falsche Antwort auf die Finanzkrise und die davon ausgelöste Rezession. Zu bekämpfen sind die Ursachen, nicht die Symptome. Die Ursache für die Krise und deren Eskalation war der plötzliche Vertrauensverlust nach der Lehman-Pleite. Keine Bank hatte mehr Kredit im wahrsten Wortsinn. Kreditwürdigkeit und damit Vertrauen kehrt nicht zurück, indem man den Preis für Vertrauen, also den Zins, senkt.

    Wenn die zinspolitische Munition verschossen ist, wird im neuen Jahr direkt Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden, euphemistisch als "Quantitative Easing" verkauft. Erleichtern wird es vor allem eines: den Marsch in den Schuldenstaat. "Erleichtern" wird es aber auch das Vermögen vieler Bürger. Denn die unausweichliche Folge der absehbaren und von den Notenbanken finanzierten Verschuldungsorgie wird Inflation sein. Vielleicht noch nicht 2009, aber danach.

    In den USA mag Inflation keine beängstigende Perspektive sein. Denn mit den staatlichen Schulden werden auch die privaten Schulden entwertet. Und finanziert haben den Amerikanern das öffentliche und private Leben auf Pump seit Jahren die Gläubiger in Asien, vor allem China und Japan. Sie und die Europäer tragen wohl auch diesmal den Großteil der Anpassungslast. Jedenfalls dann, wenn sie sich nicht auf einen Abwertungs- und Subventionswettlauf mit den USA einlassen wollen.

    Das Pendant zum verlorenen Kredit unter den Banken ist das angeschlagene Vertrauen der Menschen in die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft. Banken wie auch Bürger rufen nach dem Staat. Der Staat hat, so viel ist richtig, seine Rolle als Ordnungskraft und Kontrolleur zu lax gehandhabt, um das Marktversagen zu verhindern. Nun aber droht Gefahr, dass dem Staat zu viel zugetraut wird, dass die Krise des Finanzkapitalismus in den führenden Industrieländern in eine neue Form des Staatskapitalismus mündet. Doch der Staat ist weder der bessere Banker noch der bessere Unternehmer. Vor allem darf eines bei den bevorstehenden Billionen-Programmen der Regierungen nicht vergessen werden: Die Haftungsmasse des Staates ist nicht privates Kapital, sondern das Geld der Steuerzahler.

    (Börsen-Zeitung, 31.12.2008)

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