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Börsen-Zeitung: Ende einer Dienstfahrt, Kommentar von Walther Becker zu den Steuerhinterziehungsvorwürfen gegen Post-Chef Klaus Zumwinkel

    Frankfurt (ots) - Das ist bitter für den noch amtierenden Post-Chef Klaus Zumwinkel: Kaum wird bekannt, dass seine Villa und das Bonner Büro durchsucht werden, da setzt sich die Aktie der Deutschen Post mit einem Plus von 5,3% an die Spitze des Dax. Die dem seit 1990 amtierenden Konzernchef selbstverständlich zustehende Unschuldsvermutung? Der Kapitalmarkt entscheidet gnadenlos, unemotional - und fällt sein (Vor-)Urteil. Die Ära Zumwinkel findet ein unrühmliches Ende, so viel lässt sich schon jetzt sagen, ohne dem Manager damit in irgendeiner Weise eine Schuld zuzuschieben, die von den Ermittlern erst noch bewiesen werden muss.

    Der dienstälteste Vorstandschef im Dax steht unter Verdacht, systematisch über Jahre hinweg Steuern hinterzogen zu haben. Aus umfangreichen Aufzeichnungen eines Liechtensteiner Geldinstituts soll hervorgehen, dass Zumwinkel auch überlegt habe, sein Vermögen nach Asien oder auf die Cayman-Inseln zu verlagern. Razzia im Post-Tower und in der Villa des am besten verdrahteten Manager der Republik, Haftbefehl, gegen Kaution auf freiem Fuß - wer hätte das für möglich gehalten?

    Zumwinkel, der im Dezember 65 wird und dessen Vertrag im November ausläuft, wird nach diesem beispiellosen Vorgang, von dem das Fernsehen erstaunlich frühzeitig Wind bekam, kaum wieder zu "Business as usual" in sein Büro 40 Stockwerke über dem Rhein zurückkehren können - ob überhaupt und wie auch immer sich die Vorwürfe des Staatsanwalts, die noch gar nicht im Einzelnen bekannt sind, als stichhaltig erweisen.

    Eine zukunftsträchtige Lösung für die Tochter Postbank und eine Sanierung des defizitären US-Expressgeschäftes müssen nun der als Kronprinz gehandelte Frank Appel und Finanzchef John Allan deichseln. Auch an der Spitze des Aufsichtsrats der Telekom pressiert jetzt die Nachfolge mehr als noch vor wenigen Tagen. Oder wusste man in Berlin schon Ende voriger Woche mehr, als die Spekulationen darüber aufkamen? Auch den Aufsichtsratsvorsitz bei der Post kann sich Zumwinkel abschminken. Die Ämter niederzulegen, aus freien Stücken, würde zwar vielfach als Schuldeingeständnis gedeutet. Doch trotz aller möglichen populistischen Schlussfolgerungen aus einem solchen Schritt wäre es die sauberste Lösung. Damit bewiese Zumwinkel ein Feingefühl, das er, der einer der maßgeblichen Strippenzieher hierzulande ist, an anderer Stelle kaum je vermissen ließ. Rücktritt ist insofern jetzt eine Frage der politischen Hygiene.

    Und keine Vorverurteilung. Es gilt natürlich auch hier: Im Zweifel für den Angeklagten. Wer Zumwinkel jetzt schon als überführten Steuerhinterzieher brandmarkt, der sollte sich an Wolfgang Röller, den früheren Chef der Dresdner Bank, erinnern. Dieser hatte die Aufsichtsratsspitze der Bank vorzeitig verlassen, um das Institut aus einem privaten Steuerkonflikt herauszuhalten. Eine anonyme Anzeige war gegen Röller eingegangen. Angeblich habe er über eine Stiftung in Liechtenstein steuerlichen Ungereimtheiten Vorschub geleistet. Der Beschuldigte wies alle Vorwürfe zurück; nach zähen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurde das Verfahren schließlich eingestellt.

    Ist es im Fall Zumwinkel die alte Leier: Wer viel bekommt, dem ist es nicht genug? Kann da wieder einer den Hals nicht voll kriegen? Die Erinnerung an das unrühmliche Kapitel der Aktienoptionen wird natürlich wach, die Zumwinkel bar jeder Sensibilität im Dezember 2007 zu einer Zeit ausübte, als der Aktienkurs wegen des verabschiedeten Mindestlohnes anzog und der kleinere Rivale Pin Group einen enormen Personalabbau eben mit dieser Entgeltregelung begründete. Dass sich Zumwinkel später dafür entschuldigte, änderte nichts daran, dass er spätestens seitdem einen Ruf als Raffzahn weghat. Doch es erscheint völlig aberwitzig, dass es gerade mal 1 Mill. Euro sein soll, weswegen ein Spitzenmanager, der zuletzt 2,9 Mill. Euro verdiente, es derart darauf ankommen lässt und wegen solcher "Peanuts" sein Lebenswerk ruiniert. Dabei bräuchte der Mann seit 40 Jahren nicht mehr zu arbeiten. Er ist Multimillionär, nachdem er das mit seinem Bruder geerbte Handelsgeschäft verkaufte. Hat er "bloß" falsche Berater? Das darf einem Mann in seiner Position erst recht nicht passieren.

    Auch aus Kapitalmarktsicht ist der Zeitpunkt gekommen, den Weg freizumachen für einen Neuanfang. Die Spekulationen über den Aufsichtsratsvorsitz der Telekom, die Nachfolge bei der Post, die Zukunft der Postbank, die erforderlichen Einschnitte im US-Geschäft, die weitere Privatisierung via KfW, ein Aktienkurs, der mehr als sieben Jahre nach dem Börsengang gerade einmal über den Emissionspreis schaut: Ein Vorstandschef, der Probleme schleifen ließ und harsche Kritik seiner Investoren einstecken musste, kann sich schlecht um beides kümmern: seine "weiße Weste" und die Neuaufstellung des 26 Mrd. Euro schweren weltgrößten Logistikers. Es ist die Causa Zumwinkel in persona und kein Fall Deutsche Post. Das muss der - ob zu Recht oder Unrecht - Beschuldigte ins Kalkül ziehen. Es geht um das Ende seiner Dienstfahrt.

    (Börsen-Zeitung, 15.2.2008)

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