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24.10.2007 – 20:40

Börsen-Zeitung

Börsen-Zeitung: Merrill Lynch außer Kontrolle, Kommentar von Bernd Neubacher zu den unerwartet hohen Abschreibungen von Merrill Lynch im dritten Quartal

    Frankfurt (ots)

An Wall Street löst Stanley O'Neal, Chief Executive von Merrill Lynch, den Citigroup-Chef Charles Prince als Buhmann ab. Schlimm genug, dass der US-Broker im dritten Quartal insgesamt 9 Mrd. Dollar abschreiben muss. Schwerer wiegt, dass die Belastungen noch vor zweieinhalb Wochen weitaus niedriger beziffert wurden und Anleger bis zuletzt im Dunkeln tappten, was das Ausmaß der Misere angeht.

    Sicher ist bei Gewinnwarnungen in turbulenten Zeiten eine gewisse Streuungsbreite zuzugestehen. Bei Citigroup, die ihre Hiobsbotschaft wenige Tage vor Merrill überbracht hatte, lagen die Belastungen letztlich um ein Zehntel über dem angekündigten Volumen - Merrill aber leistet sich nun eine Abweichung von strammen 44%.

    Dies lässt zwei Schlüsse zu. Zum Ersten: Merrill Lynch hat die Lage lange deutlich schöner dargestellt, als sie gewesen ist - dies wäre eine Steilvorlage für Aktionärsaktivisten, Fondsgesellschaften und Anlegeranwälte, sich für Verluste mit ihren Aktien am Emittenten schadlos zu halten. Zum Zweiten: Der Broker, der im Verbriefungsgeschäft so groß auftrumpfte, hat die Übersicht über sein Risiko verloren, allem voran in seiner Schlüsselsparte Fixed Income, Currencies&Commodities, welche im zweiten Quartal allein gut ein Viertel der Konzerneinnahmen beisteuerte. Beides schmeichelt dem Management nicht.

    Bei der Absetzung der beiden Chefs der Anleihesparte dürfte es daher kaum bleiben. Die Position von Finanzchef Jeffrey Edwards sei nicht in Gefahr, hat die Bank vor wenigen Tagen erklärt. Doch wie es mit der Halbwertzeit der Erklärungen Merrills bestellt ist, haben die Anleger gestern erfahren.

    Das Problem des Instituts wird O'Neal auch mit der Berufung eines neuen Finanzvorstands nicht lösen: Mit seinem aggressiven Wachstumskurs hat er die Bank mehr oder minder wieder dorthin gebracht, wo sie schon war, als er Ende 2002 nach Ende der New-Economy-Euphorie das Zepter übernahm. Auch diesmal wird das Institut um groß angelegte Stellenstreichungen kaum herumkommen, auch diesmal wird es sich strategisch neu ausrichten müssen.

    Ob dies mit oder ohne O'Neal passieren wird, darüber wird auch die Performance auf kurze Sicht entscheiden. Eine Bank aber, die noch Milliarden an Problemkrediten loswerden muss und sich mit ihrem Wagemut eben erst die Finger verbrannt hat, macht fürs Erste keine großen Sprünge.

    (Börsen-Zeitung, 25.10.2007)

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