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Gesellschaft für bedrohte Völker e.V. (GfbV)

Jahrestag des Massakers von Sivas (2.7.): Aleviten schützen – Verbrechen endlich aufklären

Anlässlich des Jahrestags des Massakers an den Aleviten am 2. Juli 1993 in der türkischen Stadt Sivas kritisiert die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), dass der türkische Staat das Verbrechen weiterhin nicht vollständig aufgearbeitet hat. Die Menschenrechtsorganisation fordert die Strafverfolgung der Täter und eine Neugestaltung der Gedenkstätte im Hotel Madımak im Sinne der Opfer.

„Auch 33 Jahre nach dem Massaker hat die türkische Regierung unter Erdogan die Verbrechen von Sivas nicht aufgearbeitet. Die Täter und Hintermänner, die für den islamistischen Anschlag verantwortlich waren, wurden bislang nicht rechtlich wirksam verfolgt“, kritisiert Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV. „Statt Gerechtigkeit zu schaffen, wurden Aleviten unter Druck gesetzt, auf ihre Forderungen nach Aufklärung zu verzichten. Die Gedenkstätte im Hotel Madımak wurde ohne Einbeziehung der alevitischen Gemeinschaft errichtet. Eine Überarbeitung im Sinne der Betroffenen wäre ein wichtiger Schritt, um das Leid der Opfer des Massakers anzuerkennen.“

Am 2. Juli 1993 griff ein sunnitisch-islamistischer Mob das Hotel Madımak im zentralanatolischen Sivas an und steckte es in Brand. 35 Menschen wurden Opfer des Anschlags. 33 waren alevitischer Herkunft. Zwei waren Angestellte des Hotels. Auch zwei Täter kamen ums Leben.

Die Geschichte der Aleviten ist von Verfolgung und Diskriminierung geprägt. Das Massaker von Sivas steht in einer langen Reihe von Gewalttaten gegen die alevitische Bevölkerung. Sowohl im Osmanischen Reich als auch in der türkischen Republik wurden sie immer wieder Opfer von Gewalt und Genoziden. In Dersim (Nordkurdistan/Türkei) beging der türkische Staat unter Mustafa Kemal Atatürk 1937/1938 einen Massenmord an sunnitischen und alevitischen Kurden. Dieser Genozid ist auch als „Tertelê“ bekannt.

Die mangelnde Aufarbeitung von Sivas steht beispielhaft für den Umgang des türkischen Staates mit Gewalt gegen Minderheiten. Bis heute bleiben zahlreiche Verbrechen an Aleviten, Kurden, Assyrern/Aramäern und Yeziden ungestraft. In den 1980er Jahren wurde die Struktur der sogenannten „Dorfschützer“ wieder aktiviert, um mit Waffengewalt gegen die kurdische PKK zu kämpfen. „Viele dieser ‚Dorfschützer‘ sind kurdische Sunniten und Clanchefs, die dem türkischen Staat gegenüber loyal sind. Sie ermordeten Tausende Kurden, türkische Demokraten, Aleviten, Assyrer/Aramäer und Yeziden. Diese kriminellen Strukturen existieren bis heute“, sagt der GfbV-Nahostreferent. Trotz der offiziellen Auflösung der PKK sitzen Zehntausende Kurden noch immer im Gefängnis, weitere werden verhaftet.

„Solange es das Ziel der Erdogan-Regierung ist, alle Bevölkerungsteile weiter zu islamisieren und zu turkisieren, sind die alevitische Gemeinschaft und andere Minderheiten in der Türkei weiterhin bedroht“, betont Sido. „Die internationale Gemeinschaft und insbesondere NATO-Mitglieder wie Deutschland dürfen diese Politik nicht länger unterstützen. Eine friedliche Lösung der Kurdenfrage ist überfällig, zum Wohl aller Minderheiten in der Türkei. Gleichzeitig muss Deutschland die Aufarbeitung des Sivas-Massakers auch selbst vorantreiben. Einige der Täter leben als anerkannte Asylbewerber in Deutschland.“

Die GfbV unterstützt die Forderung der alevitischen Gemeinschaft nach einer vollständigen Aufarbeitung des Massakers. Verantwortliche müssen sowohl in der Türkei als auch in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden.

Sie erreichen Dr. Kamal Sido unter k.sido@gfbv.de oder 0173/6733980.

Gesellschaft für bedrohte Völker
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Sarah Neumeyer
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