Fahrgastverband PRO BAHN e. V.
Aprilscherz aufgelöst – aber das Problem bleibt real
Aprilscherz aufgelöst – aber das Problem bleibt real
Generalsanierungen betreffen nur die Hochleistungskorridore – PRO BAHN fordert Gesamtstrategie für das übrige Netz
Der Fahrgastverband PRO BAHN löst seinen gestrigen Aprilscherz auf: Die Deutsche Bahn hat selbstverständlich nicht angekündigt, das gesamte Restnetz ab 2037 in vier Halbjahrespaketen stillzulegen. Dass die Meldung jedoch von vielen Leserinnen und Lesern zunächst für plausibel gehalten wurde, zeigt, wie dramatisch die Lage der Schieneninfrastruktur in Deutschland wahrgenommen wird.
Der ernste Hintergrund
Die laufenden Generalsanierungen der Hochleistungskorridore sind ein überfälliger und richtiger Schritt. Von der Riedbahn als Pilotprojekt 2024 über die derzeit laufende Sanierung der Strecke Hamburg–Berlin bis zur letzten geplanten Korridorsanierung Flensburg–Hamburg im Jahr 2036 werden insgesamt rund 4.000 Streckenkilometer grundlegend erneuert. Das deutsche Schienennetz umfasst jedoch rund 33.000 Kilometer. Die große Mehrheit der Strecken, Knoten und Anlagen ist nicht Teil der Generalsanierungen – obwohl auch dort ein massiver Sanierungsstau besteht.
„Die Generalsanierungen sind richtig und wichtig, aber sie sind kein Allheilmittel", erklärt PRO BAHN-Bundesvorsitzender Lukas Iffländer. „Wer glaubt, dass nach der Sanierung der großen Korridore das Netz in Ordnung ist, täuscht sich. Zieht man neben den Hochleistungskorridoren auch die in den letzten Jahren neu gebauten oder in Betrieb genommenen Neubaustrecken ab, warten immer noch rund 28.000 Kilometer Strecke sowie zahlreiche Knoten, Stellwerke, Brücken und Bahnhöfe dringend auf Erneuerung."
Was fehlt: Eine Strategie für das Gesamtnetz
PRO BAHN kritisiert, dass bislang kein überzeugender Plan vorliegt, wie das Netz jenseits der Hochleistungskorridore systematisch saniert werden soll. Konkret sieht der Verband folgende Defizite:
Knotensanierungen: Wichtige Eisenbahnknoten wie Köln, München oder Dresden sind nicht oder nur in Teilen von den Korridorsanierungen erfasst. Dabei entstehen gerade in den Knoten die meisten Verspätungen, die sich dann auf das gesamte Netz ausbreiten.
Nebenstrecken und Regionalnetze: Viele Strecken im Regional- und Nahverkehr leiden unter veralteter Leit- und Sicherungstechnik, maroden Brücken und Langsamfahrstellen. Für Fahrgäste im ländlichen Raum ist dies der alltägliche Normalzustand – und die Generalsanierungen ändern daran nichts.
Stellwerkserneuerung: Hunderte mechanische und elektromechanische Stellwerke sind am Ende ihrer Lebensdauer. Ohne eine beschleunigte Modernisierung drohen weitere Kapazitätsengpässe und ungeplante Streckensperrungen – auch auf Strecken, die nicht zu den Hochleistungskorridoren gehören.
Elektrifizierungslücken: Deutschland liegt bei der Elektrifizierungsquote mit rund 62 Prozent im europäischen Vergleich weiterhin zurück. Eine ambitionierte Elektrifizierungsstrategie fehlt nach wie vor.
Eingeschränkte Streckenkapazität: Es wird unterschätzt, wie der Sanierungsstau inzwischen die Kapazitäten der Strecken einschränkt: Wenn statt 120 Kilometern pro Stunde nur noch 10 gefahren werden können, so sinkt die Kapazität natürlich deutlich. So beispielsweise zu beobachten auf der Linie RB31 in Dresden, die wegen einer solchen Langsamfahrstelle großräumig umgeleitet wird.
RegioNetze in der Koordinationsverantwortung: Die DB InfraGO AG ist leider in vielen Bereichen zu träge und bürokratisch. Von der Notwendigkeit einer Baustelle bis hin zur Ausführung vergehen hier gerne Jahre. Der Grund liegt viel zu oft auch in bürokratischen Verfahrensweisen mit kleinschrittigen Prozessen. Die RegioNetze gehen hier pragmatischer heran und haben so beispielsweise bei der Erzgebirgsbahn eine Teilelektrifizierung in 3 Jahren geschafft.
Die Forderungen von PRO BAHN
Der Fahrgastverband fordert von Bund und DB InfraGO eine verbindliche Gesamtstrategie für die Sanierung des Schienennetzes über die Hochleistungskorridore hinaus. Dazu gehören ein transparenter Zeitplan für die Knoten- und Streckensanierung auch abseits der 42 Korridore, eine verlässliche Finanzierungszusage über das Sondervermögen hinaus und ein konsequentes Baustellenmanagement, das die Einschränkungen für Fahrgäste auf das Nötigste begrenzt.
„Unser Aprilscherz war überspitzt – aber die Grundidee, dass auch der Rest des Netzes dringend saniert werden muss, ist bitterer Ernst", so Iffländer. „Wir brauchen keinen Totalumbau mit Vollsperrung, aber wir brauchen einen Plan, der über die Korridore hinausgeht. Die Fahrgäste auf den übrigen 28.000 Kilometern haben das gleiche Recht auf eine funktionierende Infrastruktur."
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