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Die Chemie muss sich neu aufstellen

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Willich (ots)

Welche strategischen Hebel Unternehmen haben und welche Standortbedingungen dafür entscheidend sind.

Die Chemie ist eine Schlüsselindustrie für große Transformationen, von Energie und Mobilität bis zu Gesundheit und nachhaltigen Materialien. Der Standort steht jedoch unter Druck: Hohe Energie- und Arbeitskosten, regulatorische Anforderungen sowie eine schwache heimische Nachfrage treffen auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen der globalen Märkte. All diese Faktoren verdichten sich zu einer grundlegenden Standort- und Wettbewerbsherausforderung. In der aktuellen Situation ein nachhaltig wachsendes Geschäft aufzubauen, ist anspruchsvoll. Ein Großteil des globalen Chemiegeschäfts entfällt auf China, während der wichtige US-Markt durch Abschottungstendenzen schwieriger zugänglich wird. Hinzu kommt, dass die Branche den Übergang zu nachhaltigeren Rohstoffen und Produkten bewältigen muss, obwohl Kunden für deren Mehrkosten bislang nur begrenzt aufkommen wollen.

Im Gespräch mit Dr. Juan Rigall und Dr. Hermann Schiegg, Partner der Unternehmensberatung Santiago Advisors.

Wie kann Deutschland als Standort für Chemie langfristig wettbewerbsfähig bleiben?

Dr. Hermann Schiegg: Deutschland wird nie der günstigste Chemiestandort sein. Deshalb müssen wir innovativer sein und entlang der gesamten Innovationskette bessere Bedingungen schaffen, wie etwa verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen. Wir brauchen eine Industriepolitik mit klaren Schwerpunkten und längerem Atem. China zeigt, welchen Vorteil klare strategische Prioritäten über längere Zeiträume bieten können. Auch Europa sollte wichtige Wertschöpfungsketten gezielt stärken und Investitionen durch einfachere, schnellere und berechenbarere Verfahren erleichtern. Überall dort, wo der Staat Innovationsinfrastruktur fördern kann, sollte er es bei Schlüsseltechnologien auch tun - vom gemeinsamen Innovationscampus von Industrie und Forschung bis zur Pilotanlage.

Welche strategischen Hebel haben Unternehmen selbst in der Hand?

Dr. Juan Rigall: Unternehmen, die ihre Stärken konsequent ausspielen, haben die besten Chancen, sich zu behaupten. Dafür müssen sie sich ein Stück weit davon lösen, "deutsch" zu denken. Die entscheidenden Fragen lauten heute: Wo produzieren wir künftig? Wo investieren und innovieren wir? Und welche Rolle spielen einzelne Standorte im globalen Netzwerk? Portfolio-, Standort- und Investitionsentscheidungen müssen stärker zusammen gedacht werden. Gleichzeitig gilt es, die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Produktionsbasis zu erhöhen durch effizientere Produktionsabläufe, eine optimierte Beschaffung und Logistik sowie schlankere Organisations- und Entscheidungsstrukturen. Der langfristig größte Hebel ist sicher Innovation. Europäische Chemieunternehmen müssen ihre starke Forschungsbasis schneller in wirtschaftlichen Erfolg übersetzen und ihr globales Innovationsnetzwerk stärker nutzen. Die effektive Identifikation von Innovationsbedarfen an den wirtschaftlichen und technologischen Hot Spots dieser Welt entscheidet über langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Inwiefern helfen Digitalisierung und KI, Entwicklung, Planung und Produktion zu optimieren?

Schiegg: Moderne Methoden wie Computational Innovation können beispielsweise die Entwicklungszeiten radikal verkürzen und die Vorhersagegenauigkeit von Materialeigenschaften signifikant erhöhen. Ein weiteres konkretes Beispiel ist die KI-gestützte Planung komplexer Produktions- und Liefernetzwerke. Gemeinsam mit einem Kunden haben wir einen digitalen Zwilling entwickelt, der Materialflüsse, Kapazitäten, Bestände und Nachfrage zusammenführt. Damit lassen sich Tausende Szenarien simulieren und Handlungsoptionen automatisiert bewerten. So werden Auswirkungen von Veränderungen schneller erkannt, Risiken und Alternativen systematisch bewertet und manueller Planungsaufwand reduziert. In volatilen globalen Netzwerken ermöglicht das schnellere und belastbarere Entscheidungen.

Was entscheidet darüber, ob der Wandel gelingt?

Rigall: Unternehmen können selbst viel bewirken. Sie können ihr Portfolio und Standortnetzwerk neu ausrichten, Kostenstrukturen verbessern, Innovation beschleunigen und Organisationen effizienter machen. Unterstützend braucht es ein innovations- und investitionsfreundlicheres Umfeld. Europa verfügt über exzellente Forschung, hoch qualifizierte Fachkräfte und eine starke industrielle Basis. Wenn wir diese Stärken konsequent nutzen und weiterentwickeln, kann die Chemie auch künftig eine Schlüsselrolle für den Industriestandort Deutschland und die Transformation Europas spielen. Das verlangt Mut zur Veränderung - und zum Risiko*, und das auf allen Seiten.

* Wie das gelingen kann, untersucht die aktuelle CHEMonitor-Studie "Mut zum Risiko - offensiv entscheiden unter Unsicherheit". Die Ergebnisse werden im November 2026 unter www.chemonitor.com veröffentlicht.

Pressekontakt:

N: Eva Henseler
T: +49 151 2033 5308
E: eva.henseler@santiago-advisors.com
W: www.santiago-advisors.com/presse

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