Bildschirmzeit für Kinder – Die Dosis macht das Gift
Das Smartphone ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es begleitet uns durch unseren Alltag, ohne dass wir bemerken, wie viel Zeit wir ihm eigentlich widmen. Erst der neugierige Blick in die interne Statistik offenbart, welch großen zeitlichen Umfang seine Verwendung bereits einnimmt. Oftmals klafft eine beträchtliche Lücke zwischen gefühlter und tatsächlicher Nutzungsdauer. Digitale Bildschirme begegnen uns darüber hinaus auch anderswo. Sei es im Büro, dem öffentlichen Raum oder in Form von anderen, liebgewonnenen Endgeräten wie Tablet und Co., die längst integraler Bestandteil unserer Arbeit und Freizeit geworden sind. Permanent begegnen uns blinkende und leuchtende Reize, die nach unserer Aufmerksamkeit gieren.
Nicht umsonst beschleicht viele von uns das Gefühl der ständigen Ablenkung und Zerstreutheit. Ich selbst bin gewiss kein Feind des Fortschritts und habe mich längst an oben genannte Geräte gewöhnt. Selbst Comics, Romane, das Radio und das Fernsehen wurden zur Zeit ihrer Entstehung von Ewiggestrigen verteufelt und für die Wurzel allen kommenden Übels gehalten, was bisher zum Glück durch den Lauf der Zeit stets widerlegt werden konnte. Aber ist dies überhaupt mit der rasanten Geschwindigkeit der Verbreitung technischer Geräte und sozialer Medien vergleichbar? Mich überkam kürzlich beim Lesen zweier ZEIT-Artikel das Bedürfnis, die generelle Bildschirmzeit von uns allen kritisch zu hinterfragen. Sind wir längst eine Bildschirmgesellschaft geworden? Was bedeutet das für analoge Medien wie Bücher und gedruckte Zeitungen? Welche Auswirkungen hat es auf das Aufwachsen unserer Kinder und Enkelkinder?
Die renommierte US-amerikanische Wissenschaftlerin Gloria Mark richtete ihren Forschungsschwerpunkt bereits seit 2003 auf das Zusammenspiel von Technik, Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne. Damals gab es wohlgemerkt weder iPhones. WhatsApp oder Instagram und Nokia beherrschte noch den Markt der Mobiltelefone. Auf Basis intensiver Feldforschung erfasste Frau Mark beispielsweise die Zeitspanne, in der Versuchsteilnehmer ununterbrochen an ihrem Bildschirm arbeiteten. Betrug die Dauer im Jahre 2004 noch durchschnittlich zweieinhalb Minuten, sank dieser Zeitwert bis zum Jahr 2012 auf 75 Sekunden. Zwischen 2016 und 2021 stürzte er gar auf 47 Sekunden ab. Können wir uns also immer schlechter konzentrieren?
Ungeachtet dieser Forschungsergebnisse setzt die Digitalisierung ihren Siegeszug fort. Schulen werden flächendeckend mit elektronischen Multifunktionstafeln ausgerüstet, die Chancen und Risiken zugleich bergen. Einerseits ersetzen sie die angestaubten Kreidetafeln aus grauer Vorzeit und ermöglichen einen schnelleren, interaktiven Wissenstransfer und bereiten jüngere Generation darauf vor, sich in einer technikdominierten Welt zurechtzufinden. Doch zeigt der Blick auf die Entwicklung in skandinavischen Ländern, die für ihre Vorreiterrolle bewundert wurden, dass die Lobpreisung der digitalen Schule durchaus kritisch hinterfragt werden darf. Es deutet sich bereits eine Trendumkehr an. Weg von den Laptops, Apps oder Handys hin zu Büchern und analogen Lerngegenständen. Es zeigte sich nämlich, dass sich die Lesekompetenzen im Hinblick auf Wortschatz, verstehendem Lesen und Lesegeschwindigkeit deutlich verschlechtert hatten. Mittlerweile empfiehlt die schwedische Bildungspolitik, für weiterführende Schulen eine bewusste Kombination aus digitaler Technik und grundlegenden Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf gedrucktem Papier zu verankern. In Bezug auf sehr junge Heranwachsende und Grundschulkinder wird ausdrücklich dazu geraten, diese möglichst gar nicht mit Bildschirmen in Berührung kommen zu lassen.
Eine weitaus größere Gefahr lauert allerdings im privaten Bereich. Eltern, die ihr Smartphone allzu unbedarft nutzen, schaffen damit unbewusst Verhaltensmuster für die eigenen Kinder. Allzu gern wird das Handy zur schnellen Beschäftigung während des Einkaufes oder der Autofahrt an das Kind weitergereicht. Die empfohlene maximale Nutzungsdauer für das Smartphone und andere Endgeräte, die Bildschirmzeit verursachen, beträgt bei Kindern unter sechs Jahren eine Stunde pro Tag, jedoch ausschließlich gedacht für familiäre Videoanrufe und das gemeinsame Schauen von Inhalten. Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren sollten demnach maximal zwei Stunden täglich mit Bildschirmen interagieren. Auch bei Erwachsenen sehen Experten das vertretbare Limit, abseits der berufsbedingten Bildschirmnutzung, bei höchstens zwei Stunden. Es ist unschwer zu erahnen, dass die tatsächliche, im digitalen Raum verbrachte Zeit weitaus höher liegen und auf ungesunde Gewohnheiten hindeuten dürfte. Nicht zuletzt öffnet der Einfluss des sozioökonomischen Status die Tore für eine weiterhin wachsende Chancenungleichheit unter den Heranwachsenden. Auch wenn erste Auswirkungen wie nachlassende Konzentrationsfähigkeiten und zunehmende Ablenkung bereits empirisch belegt werden konnten, sind die Langzeitfolgen noch nicht absehbar. Seminare für ein zielgerichtetes Aufmerksamkeitstraining sind nicht umsonst gefragter denn je. Wohin gleitet eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich einerseits immer schlechter konzentrieren können und deren Lesefähigkeiten tendenziell verkümmern, die jedoch ein stetig steigendes Anforderungsprofil an berufliche Tätigkeiten aufweist?
Die Wahrheit liegt in diesem Zusammenhang wohl, wie fast immer, in der Mitte zwischen den Extremen. Die Digitalisierung hat unser aller Leben sehr erleichtert und hat ungeahnte ökonomische Dynamiken entfesselt, die nun zusätzlich vom Aufstieg künstlicher Intelligenz befeuert werden. Es kommt auf ein gesundes Mittelmaß zwischen dem Nutzen der Vorteile moderner Technik und dem Vermitteln grundlegender Kulturtechniken an.
Ich selbst konnte als Autor auch schon von digitalen Tafeln profitieren. Im Rahmen von Lesungen aus meinen Büchern rund um „Die kleine Eins“ nutze ich in Grundschulen gern die Möglichkeit, die Illustrationen der jeweiligen Geschichte per Stick oder Laptop auf den Bildschirm zu bringen, während ich dabei aus dem gedruckten Buch vorlese. So können die jungen Zuhörer die Handlung Seite für Seite mitverfolgen. Oftmals äußern sie dabei interessante Gedanken zu den Bildinhalten, sodass wir in aktive Gespräche gelangen. Auch für die Entwicklung unserer Bücherreihe erwiesen sich die neuen technische Möglichkeiten als wahrer Segen. So konnte Marie Reimann, die Illustratorin der „Kleinen Eins“, dank eines hochwertigen Zeichenprogramms direkt auf ihrem Tablet die passenden Bilder entwerfen und unkompliziert anpassen, als wir in der Bearbeitung des vierten und jüngsten Buches, „Die kleine Eins und das Mengenkrokodil“, steckten. Es gibt also durchaus Möglichkeiten, das Medium Buch und die digitale Welt in einen sinnstiftenden und gewinnbringenden Einklang zu bringen und miteinander zu versöhnen.
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Herzlichst
Felix Walk
Spica Verlag GmbH
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