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Mit einer solchen Grausamkeit konnte ich nicht rechnen

Mit einer solchen Grausamkeit konnte ich nicht rechnen
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"Meine Fußamputation war schon nicht ohne. Und als ich gedacht habe, es sei überstanden, kam noch etwas viel Schlimmeres dazu. Mein beruflicher Wiedereinstiegwurde geduldet, nie kommentiert, nie hinterfragt. Ich war so naiv, dass ich mit Freude und auch mit Lob gerechnet hatte. Die Patientinnen waren glücklich und zufrieden, aber ich hatte keine Kollegen mehr. Mein Kreißsaal– mein zweites Zuhause – war mir fremd geworden. Dennoch habe ich zwei Jahre immer so weitergemacht, wie ich es mein ganzes Leben getan habe, wie es mir als ein Anspruch an meinen Beruf diktiert worden war. Unverhofft und für mich nicht vorhersehbar eskalierte die Situation am 6. März 2015. Innerhalb weniger Minuten erfuhr ich, dass ich in diesem, „meinem“ Kreißsaal, nicht mehr entbinden dürfe. Ich war also dort, aber zur Geburt eines Kindes unerwünscht", schreibt die Hebamme Gerlinde Lange in dem Vorwort ihres zweiten Buches.

"Mit einer solchen Grausamkeit konnte ich nicht rechnen. Was kann ein Mensch ertragen? Ich dachte, ich würde sterben. Aus dieser Not heraus entstand mein zweites Buch. Ich wollte weiterleben."

Soweit also zum Vorwort von Gerlinde Lange.

"Mein erstes Praktikum im Kreißsaal. Ich war eine sechzehnjährige Schülerin. Mit Ach und Krach wusste ich, wo die Kinder rauskommen. Ganz sicher war ich nicht. Von anderen Dingen wollen wir gar nicht reden. Dass ich trotz dieses Praktikums Hebamme geworden bin, muss eine Fügung gewesen sein. Ich habe meinen Berufswunsch nicht infrage gestellt. Es ist gut und richtig, wenn ich Hebamme werde. Gerne würde ich es schöner formulieren. Die Worte gibt es nicht .Das Praktikum war nicht schön. Von den vierzehn Tagen habe ich zwölf Tage geputzt. Geschadet hat es mir nicht. Die Vorstellung für meinen Berufswunsch hatte ein wenig an Glanz verloren. Stand in Kürze eine Geburt in Aussicht, bekam ich die Erlaubnis, mit dem Putzen aufzuhören. Allerdings musste ich raus. In diesen zwei Wochen habe ich die Wichtigkeit eines Schlüsselloches erkannt. Bei der ersten Geburt unterlief mir ein Fehler. Steckte der Schlüssel, nutzte das beste Schlüsselloch nichts. Es ist unmöglich, diesen Fehler zu wiederholen. Bei der zweiten Geburt war das Schlüsselloch frei. Nur der Sichtwinkel war ungünstig. Am besten konnte ich den Heizkörper beobachten. Dort lagen meine Handschuhe. Zu meinem Praktikumsauftrag gehörte es, die benutzten Handschuhe gründlich zu waschen und sorgfältig nebeneinander auf den Heizkörper zu legen. Nach zwei Stunden wurden sie umgedreht. So konnten sie von innen und außen trocknen. Ich habe es gern gemacht. Aber was gab mein Schlüsselloch preis? Ich entdeckte Unebenheiten. Die Handschuhe lagen nicht in einer Linie. Es wird Ärger geben. Die Aufarbeitung der Handschuhe und anderer Materialien hatte sich niemand für die Praktikanten ausgedacht. Wenn die Zeit es zuließ, reinigten, trockneten und puderten die Hebammen Handschuhe, schrubbten Spritzen und scheuerten Gummiunterlagen. Es war in den Siebzigerjahren üblich, dass fast alle Arbeitsmaterialien wieder aufgearbeitet wurden. Nur Ärzte habe ich nie Handschuhe pudern gesehen..."

Nun kennen Sie also auch die Berufsanbahnung von Gerlinde Lange, die in ihrem Zweitlingswerk "Jahreskinder" in dem ihr eigenen Stil von ihrem Berufseinstieg, über die harte Hebammentätigkeit in dem "Jahrhundertwinter"1978/79 und weiter über schöne und schmerzhafte Erfahrungen aus ihrer über 40-jährigen Berufstätigkeit berichtet.

Lassen wir an dieser Stelle noch einmal Gerlinde Lange zu Wort kommen, die von sich sagt:

"Wie viel Liebe steckte in meinen 40 Berufsjahren? Ich wollte weiter lieben dürfen. Ich habe es geschafft. Danke, ihr Jahreskinder."

Herzliche Grüße K. Kolloch

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Frau Kathrin Kolloch

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