Fit für eine unabhängige IT-Infrastruktur
Pressemitteilung der Hochschule Bremerhaven vom 01. Juli 2026
Fit für eine unabhängige IT-Infrastruktur
Bremerhavener Informatikstudiengänge setzen in der Lehre auf Digitale Souveränität
Immer am ersten Sonntag im Monat rufen verschiedene Organisationen zum Digital Independence Day auf. Das Ziel: Menschen für Digitale Souveränität zu sensibilisieren und zum Wechsel auf Plattformen zu bewegen, die unabhängig von großen Konzernen sind. Auch an der Hochschule Bremerhaven ist dies ein wichtiges Thema. In den Informatikstudiengängen werden Fachkräfte ausgebildet, die zukünftig die Digitale Souveränität von Unternehmen und Behörden vorantreiben sollen. Um das Bewusstsein dafür zu schaffen, kooperieren Sie unter anderem mit der Open Source Business Alliance (OSBA). Kürzlich nahm eine Gruppe Studierender am SCS Summit in Berlin teil.
Lange Zeit wurde die Nutzung von Software großer Konzerne nicht hinterfragt. Doch inzwischen hat sich die geopolitische Lage und damit auch der Blick auf die Anbieter geändert. Neue, teure Abomodelle und datenschutzrechtliche Bedenken sorgen dafür, dass viele Unternehmen und Behörden, aber auch Privatpersonen über Alternativen nachdenken. Unter dem Namen „Digitale Souveränität“ wird über Möglichkeiten diskutiert, wie Unabhängigkeit von großen Tech-Konzernen aussehen könnte. An der Hochschule Bremerhaven ist dies mehr als nur ein kurzzeitiges Trendthema. In den Informatikstudiengängen vermitteln die Lehrenden schon lange, wie wichtig Unabhängigkeit in Bezug auf die digitale Infrastruktur ist. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Oliver Radfelder. Gemeinsam mit seinen Kolleg:innen macht er die Studierenden fit dafür, passgenaue Open Source Lösungen zu entwickeln und auszuwählen. „Die Abhängigkeit von Tech-Konzernen macht angreifbar. Deshalb ist uns wichtig, dass unsere Studierenden lernen, wie sie eigene Softwarelösungen entwickeln und gute Argumente finden, warum die Unternehmen auf diese Alternativen umsteigen sollten“, sagt er. Im Optimalfall würden die Bremerhavener Absolvent:innen mit ihren Kompetenzen immer mehr Unternehmen zum Umdenken bewegen.
Für manche Studierende war die konsequente Ausrichtung auf Open Source ein Grund, sich an der Hochschule Bremerhaven einzuschreiben. So auch für Franjo Gießel. Er startete zunächst an einer Universität mit seinem Informatikstudium und wechselte dann an die Hochschule. „Meine Entscheidung, an der Hochschule Bremerhaven zu studieren, hatte ich damals unter anderem aufgrund des hohen Praxisanteils, des großen Wahlpflichtbereichs, der Informations- und Startveranstaltungen, der überschaubaren Größe sowie des in der Corona-Zeit konsequente Setzens auf Open Source Technologien für Onlinelehre getroffen. An der Universität zuvor hatte ich das Gefühl, in der Onlinelehre in Veranstaltungen mit über tausend Leuten unterzugehen“, sagt er.
Infrastrukturgruppe testet Anwendungen auf eigenen Servern
Dass die Hochschule zu Beginn der Pandemie schnell und problemlos in die Onlinelehre wechseln konnte, lag unter anderem an der Arbeit der Informatik-Infrastrukturgruppe. Während viele Hochschulen und Unternehmen zu kostenpflichtigen Lösungen wie Zoom und Teams griffen, um die Lehre digital aufrecht zu erhalten, stellten die Bremerhavener Informatikstudiengänge die auf ihren Servern bereits länger getesteten Videokonferenzsysteme Jitsi und BigBlueButton für alle zur Verfügung. Später folgte der Messengerdienst Matrix, mit dem sich Studierende und Mitarbeitende austauschen können, ohne ihre Telefonnummer anzugeben. Da die Programme auf hochschuleigenen Servern laufen, ist auch der Datenschutz gesichert. Franjo Gießel gehört seit seinem zweiten Semester zur Infrastrukturgruppe. Er beschreibt die Arbeit so: „Im Informatikstudium haben wir besondere Anforderungen an Infrastrukturen in der Lehre. Daher haben Studierende zusammen mit Mitarbeiter:innen und Profs über Jahre eine solide Lern- und Lehrinfrastruktur aufgebaut, welche von eben diesen administriert und erweitert wird. Sie bietet teilweise eine experimentelle Umgebung, in der Thesen getestet und Abschlussarbeiten geschrieben werden können. Ebenso können Studis freiwillig die Administration einer Infrastruktur lernen, was weit über das im Studium vermittelbare hinausgeht.“
Dieser hohe Praxisbezug und die Möglichkeit, Programmierung in einer sicheren Umgebung auszuprobieren, macht das Informatikstudium in Bremerhaven für viele zu etwas Besonderem. Das zeigen beispielsweise auch immer wieder die Ergebnisse des CHE-Rankings. „Unsere Studierenden lernen schon ab dem ersten Semester, wie sie digital nachhaltig arbeiten. Das macht Sinn, weil die Nachfrage nach souveräner Architektur steigt. Gleichzeitig macht es auch Spaß, sich über den Aufbau selbst Gedanken zu machen. Die Studierenden sollen verstehen, was hinter den Betriebssystemen und der Software steckt“, sagt Prof. Radfelder. Diese Herangehensweise ist auch für Franjo Gießel wichtig: „Nur Code, in dem wir reinschauen können, können wir verstehen, davon lernen und Probleme aufzeigen und lösen. Digitale Souveränität funktioniert in meinen Augen nur mit Open Source Software. Die Abhängigkeit von Monopolisten in den USA oder China machen nicht nur unsere Wirtschaft abhängig von > Entscheidungen Einzelner, sondern gerade im öffentlichen Sektor teilen wir vielleicht personenbezogene und persönliche Daten mit eben diesen.“
Souveränität ist politisch
Digitale Souveränität ist längst kein Thema mehr, das nur in Hochschulen und Unternehmen diskutiert wird. Auch in der Politik ist sie angekommen. Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung hat den Deutschland Stack ins Leben gerufen, eine nationale souveräne Technologie-Plattform für die Digitalvorhaben in Deutschland. Das Ministerium setzt auf offene, internationale Industriestandards, Open-Source-Software und offene Schnittstellen, um Systeme besser miteinander zu vernetzen. Der Sovereign Cloud Stack (SCS) ist im Deutschland-Stack als einzuhaltender Standard im Bereich Managed Services und Cloud definiert worden. Aus diesem Grund fließt er in die Lehrinhalte ein. „Studierende aus Informatik und Wirtschaftsinformatik haben sich ein Semester intensiv mit dem Sovereign Cloud Stack beschäftigt - aufgesetzt, analysiert, auseinandergenommen und teilweise mit ihren Mitteln nachgebaut. Stück für Stück haben sie sich diese IT-Infrastruktur erschlossen. In einem Workshop mit Felix Kronlage-Dammers von der Open Source Business Alliance konnten sie einen Tag lang offene Fragen, Probleme und Sichtweisen diskutieren“, erklärt Studiengangsleiterin Prof. Dr. Karin Vosseberg. Dieses Angebot wurde von den Studierenden gern angenommen. Sie bekommen durch solche und ähnliche Veranstaltungen einen Einblick in die politischen Dimensionen von Digitaler Souveränität, die ihnen so möglicherweise nicht immer bewusst waren.
Teilnahme am SCS Summit ermöglicht Studierenden Einblicke ins Thema
Zusätzlich wurden sie von der Open Source Business Alliance zum diesjährigen SCS Summit nach Berlin eingeladen. „Dort konnten wir unsere Studienkultur, die durch den Dreiklang Digitaler Souveränität - Open Source - Nachhaltigkeit geprägt ist, in einem Vortrag vorstellen. Die Studierenden konnten sich mit den Teilnehmenden auf Augenhöhe austauschen und haben sehr viel Zuspruch zu ihrem Ansatz des durchdringenden Lernens erhalten. “, erklärt Prof. Vosseberg. Für die drei Studenten Justus Schlicht, Liam Johanns und Phil Focke war die Teilnahme aus ganz unterschiedlichen Gründen spannend. „Es war erfrischend, bedeutende Vertreter des Sovereign Cloud Stacks zu treffen und trotz großer Unterschiede in den Erfahrungswerten Aspekte unserer Hochschulphilosophie in ihren Ansichten wiederzufinden. Interessant war auch, dass das Thema der ‚digitalen Souveränität‘, so wie es derzeit diskutiert wird, tatsächlich facettenreicher ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Dabei konnte ich feststellen, wie stark der eigene Hintergrund die Definition und Interpretation dieses Begriffs prägt“, beschreibt Justus Schlicht seine Erfahrungen. Auch Liam Johanns hat sehr viel mitgenommen vom SCS Summit: „Als wir da waren, war es erstmal überwältigend. Es fühlte sich plötzlich alles so ‚offiziell'‘ an. Aber ich konnte hier einen guten Einblick in die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage gewinnen. Ich hätte mir zwar mehr Technik bezogenen Vorträge gewünscht, allerdings wird der Wirtschaftsfaktor eine große Rolle im Umschwung auf ein digital souveränes Deutschland sowie Europa spielen. Das wurde auf dem Summit noch einmal tiefer sichtbar.“ Phil Focke hat der Austausch geholfen, seine eigene Sichtweise zu schärfen „Der Austausch mit den unterschiedlichen Menschen, die in Unternehmen tätig sind, die im SCS-Kontext arbeiten, hat uns noch einmal einige neue Aspekte der Open-Source beziehungsweise Open-Standards Bewegung aufgezeigt. Jedoch war es auch sehr interessant, unsere eigenen Argumente und Sichtweisen darauf zu schärfen, wie die Verwendung und Entwicklung zukünftiger europäisch souveräner Cloud-Umgebungen und KI-Umgebungen aussehen sollten.“
Noch bis zum 15. August läuft die Bewerbungsphase für den Studienstart zum Wintersemester 2026/27 an der Hochschule Bremerhaven. Auch die Bachelorstudiengänge Informatik und Wirtschaftsinformatik sowie der Masterstudiengang Informatik – Vertrauenswürdige Systeme nehmen neue Studierende auf. Weitere Informationen zum Bewerbungsverfahren sind für die Bachelorstudiengänge unter www.hs-bremerhaven.de/bachelorbewerbung und für die Masterstudiengänge unter www.hs-bremerhaven.de/masterbewerbung zu finden.
Außerdem lädt der Masterstudiengang am 8. Juli um 12:30 Uhr zum Tag der vertrauenswürdigen Systeme ein. Alle Informationen unter www.hs-bremerhaven.de/de/aktuelles/veranstaltungen-uebersicht/inf/tag-der-vertrauenswuerdigen-systeme.
Mit Begeisterung studieren, lehren und forschen – dafür steht die Hochschule Bremerhaven. In mehr als 20 praxisnahen und innovativen Studiengängen profitieren die rund 3.000 Studierenden von der engen Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und modernen Lehr- und Lernansätzen. Die zahlreichen Forschungsaktivitäten der „Hochschule am Meer“ wurden bereits vielfach ausgezeichnet und unterstützen nachhaltige Entwicklungen in der Region und darüber hinaus.
Pressekontakt: Hochschule Bremerhaven Nadine Metzler An der Karlstadt 8 27568 Bremerhaven nmetzler@hs-bremerhaven.de presse@hs-bremerhaven.de