Trendreport Bildungsbau 2025: Serielles Bauen als Antwort auf die Schulbaukrise
Stuttgart (ots)
Marode Gebäude und steigende Schülerzahlen prägen den Schulalltag in Deutschland. Dank vorgefertigter Module und verkürzter Bauzeit könnten Serielle Ansätze jetzt helfen - kostengünstig und ohne an Vielfalt einzubüßen.
Mit den Abiturprüfungen in Niedersachsen startet am Freitag die Prüfungsphase an deutschen Schulen. Vielerorts ziehen Klassen in Turnhallen und provisorische Räume um. Der Platz in den Klassenzimmern reicht nicht aus und der Sanierungsstau zeigt sich an jeder Ecke. Rund 68 Milliarden Euro sind laut der Kreditanstalt für Wiederaufbau, kurz KfW, nötig, um die Mängel zu beheben. Deutschland steht damit vor einem historischen Investitionsdefizit im Bildungsbau. Gleichzeitig wachsen die Schülerzahlen dem Kultusministerium zufolge bis 2035 um 758.000, was die Engpässe verschärft. Um damit Schritt zu halten, müssen Städte und Kommunen schneller bauen und sanieren.
Der Trendreport Bildungsbau des auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierten Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE analysiert den Status-Quo der Bildungsinfrastruktur in Deutschland und gibt konkrete Handlungsempfehlungen. Serielle Ansätze erachten die Autor:innen dabei als eine Schlüssellösung.
Bildung im Baukastensystem
Beim seriellen Bauen werden standardisierte Bauteile wie Wände, Decken oder Fassadenteile industriell in großer Stückzahl vorgefertigt, und anschließend auf der Baustelle zu vollständigen Gebäudeeinheiten zusammengesetzt. "Das verkürzt die Bauzeit spürbar; komplette Schulgebäude lassen sich damit in nur 14 Monaten realisieren", erklärt Daniel Hof, Experte für Serielles Bauen bei Drees & Sommer. Anders als beim klassischen Bau, bei dem jedes Element einzeln geplant und nacheinander gefertigt wird, laufen die Produktionsschritte beim seriellen Bauen parallel. "Dadurch bleiben die Kosten niedrig, weil sich die Prozesse wiederholen, Materialien effizient genutzt werden und Lieferketten stabil bleiben", ergänzt Hof. Zudem können Städte und Kommunen die vorgefertigten Einheiten individuell ergänzen oder rückbauen, und so auf steigende oder sinkende Schülerzahlen flexibel reagieren.
Keine Schule von der Stange
Trotz der Vorteile gibt es auch Zweifel: "Viele Menschen verbinden serielles Bauen - den Plattenbauten aus der Nachkriegszeit geschuldet - noch immer mit wenig Vielfalt und monotoner Architektur", sagt Thomas Köhler, Head of Education bei Drees & Sommer. Dabei geht es auch anders: "Mit modularen Elementen schaffen wir Lernlandschaften, die optisch ansprechend und funktional für den Ganztagsbetrieb ausgelegt sind", so Köhler. Das braucht es gerade im Hinblick auf den Anspruch auf Ganztagsbetreuung im Primarbereich, der ab dem Schuljahr 2026/27 rechtskräftig wird. Schulen müssen jetzt zusätzliche Räume schaffen und ihre Flächen besser nutzen: "Lernhaus- und Clusterkonzepte werden dabei immer beliebter", erklärt Köhler. Sie verbinden Klassenräume, fördern den Austausch unter den Schülerinnen und Schülern, bieten Rückzugsbereiche und offene Lernbereiche für Gruppenprojekte. Licht und Akustik lassen sich dort flexibel steuern.
Einheitliche Regeln und digitale Prozesse
"Momentan erschweren unterschiedliche Bauordnungen in den Bundesländern es, einheitliche Typen- und Modulbauten umzusetzen. Dabei könnten bereits eingeführte Gebäudetypen innerhalb von drei Monaten genehmigt werden", sagt Thomas Köhler. "Damit Städte und Kommunen seriell bauen und sanieren können, braucht Deutschland in erster Linie einen einheitlichen Rahmen für den seriellen Schulbau, der rechtliche, technische und pädagogische Standards harmonisiert", ist der Experte überzeugt. Auch die Projektabwicklung müsse flexibler werden: Durch eine gebündelte Vergabe mehrerer Projekte könnten Kommunen Kosten und Zeit sparen. Gleichzeitig brauche es in den kommunalen Bauämtern noch Nachhilfe mit seriellen Bauweisen; hier helfen Schulungen, Leitfäden und regionale Weiterbildungsangebote.
Damit pädagogische und funktionale Bedürfnisse frühzeitig in die Modulauswahl und -konfiguration integriert werden können, sollte die Phase Null fester Bestandteil jedes seriellen Schulbauprojekts sein, plädiert Köhler. Alle seriell errichteten Schulgebäude sollten zudem einen digitalen Zwilling erhalten, der Daten zum Betrieb der Schulen liefert und helfen würde, die Standardmodule weiterzuentwickeln. Digitale Monitoring-Systeme könnten Daten zum Energieverbrauch, zur Raumnutzung und zur Nutzerzufriedenheit erfassen.
Modellvorhaben aus Berlin, Dortmund und Frankfurt
In Deutschland zeigt sich vielerorts, dass sich der serielle Schulbau zunehmend durchsetzt. Berlin hat mit den "Standards für den Neubau von Schulen" einen systematischen Ansatz entwickelt, der konsequent auf modulare und serielle Prinzipien setzt. Dortmund erprobt mit der Reinoldi-Gesamtschule sein erstes modulares Holzbauprojekt und hat dafür einen klar strukturierten Prozess - den "Dortmunder Weg" - entwickelt, der pädagogische Anforderungen eng mit architektonischen Modulen verzahnt. Frankfurt am Main wiederum plant und realisiert derzeit drei baugleiche Grundschulen als Teil eines Pilotprojekts, das auf wiederholbaren Strukturen und standardisierten Planungsprozessen basiert. Die dort gewonnenen Erfahrungen sollen die Grundlage für einen übertragbaren Schulbautyp bilden.
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