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19.11.2019 – 16:48

dpa-Faktencheck

Tuberkulose war in Deutschland niemals ausgerottet

Berlin (ots)

[HINWEIS: KORREKTUR IM 5. ABSATZ]

Eine «große Gefahr» für die Bevölkerung beschwört ein Facebook-Post herauf, der immer wieder geteilt wird. Zuwanderer hätten massenhaft Tuberkulose nach Deutschland gebracht, heißt es, zuletzt in eine Schule in Bad Schönborn bei Karlsruhe - und das, obwohl die Krankheit doch «seit Jahrzehnten in Deutschland als ausgerottet galt». Die Schlussfolgerung: «Schutz vor der Ansteckung» hätten bei den Kindern «nur geschlossene Grenzen» geboten.

BEWERTUNG: Mehrere Aussagen sind falsch. So galt zum Beispiel Tuberkulose in Deutschland nie als ausgerottet. Auch betragen die Behandlungskosten nur einen Bruchteil der angegebenen Summe.

FAKTEN: In dem beschriebenen Fall waren in zwei Schulen in der Nähe von Karlsruhe mehrere Kinder an Tuberkulose erkrankt und hatten andere infiziert. (http://dpaq.de/JCDmV) Die Infektionskrankheit wird durch Bakterien ausgelöst. Bei der bekanntesten Form, der Lungentuberkulose, wird sie etwa durch Husten oder Niesen übertragen.

Tuberkulose war in Deutschland niemals ausgerottet, im Gegenteil. In der Vergangenheit waren die Fallzahlen fast immer deutlich höher. Vor 30 Jahren, im Jahr 1989, wurden fast dreimal so viele Neuerkrankungen gemeldet wie 2018. (http://dpaq.de/VTFaK; http://dpaq.de/t06zH)

Die Zahl der Tuberkulose-Erkrankten sank bis 2012 und stieg dann auch durch den verstärkten Zuzug von Flüchtlingen an. Ein Teil der Asylsuchenden stammt aus Regionen, in denen die Tuberkulose deutlich weiter verbreitet ist als hierzulande.

Eine «akute Gefährdung für die Bevölkerung» durch Infektionskrankheiten wie Tuberkulose bei Flüchtlingen, wie im Text behauptet, sieht das Robert-Koch-Institut (RKI) jedoch ausdrücklich nicht. Unter der Überschrift «Die Gefahr ist gering» teilte das Institut schon im November 2015 mit, es gebe «keine relevante Infektionsgefährdung der Allgemeinbevölkerung durch Asylsuchende». (http://dpaq.de/PKKzc) Diese Bewertung hielt es auch im Januar 2018 aufrecht. (http://dpaq.de/oOiPJ)

Das liegt unter anderem daran, dass Flüchtlinge von Gesetz wegen auf Tuberkulose untersucht werden müssen. Bei Menschen ab 15 Jahren wird bei der Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft der Brustkorb geröntgt. Rund ein Fünftel aller festgestellten Infektionen wird bei solchen Screenings diagnostiziert - und anschließend behandelt. (http://dpaq.de/eTgzC)

Nicht korrekt sind auch die angeblichen Gesamtkosten der Tuberkulose-Bekämpfung. Dem verlinkten Artikel des «Spiegels» kann man entnehmen, dass sich die Gesamtkosten von rund 500 Millionen Euro auf Krankheitsfälle in der gesamten Europäischen Union beziehen, also in damals 27 Ländern. (http://dpaq.de/OhOvo) Für Deutschland kommen die Autoren der zugrunde liegenden Studie auf einen Betrag von rund 47 Millionen Euro. Die Zahlen beruhen allerdings auf Daten von 2011. Sie umfassen zudem nicht nur die Behandlungskosten, sondern auch den Verlust an Produktivität durch Krankheitsausfälle. (http://dpaq.de/xJZDk)

Falsch sind ferner die angegebenen Behandlungskosten pro Fall («Für nur einen Patienten kostet sie im Schnitt 107.700 Euro.»). Ein Blick in die Studie zeigt, dass für eine Behandlung in Deutschland nur 7751 Euro veranschlagt werden, sofern der Erreger auf gängige Antibiotika anspricht. (http://dpaq.de/9SyMx) Multiresistente Keime zu bekämpfen kostet zwar deutlich mehr (55 003 Euro), diese Fälle machen aber nur wenige Prozent aus. (http://dpaq.de/1Z25M)

Der Satz «Schutz vor der Ansteckung hätten nur geschlossene Grenzen geboten» ist ebenfalls falsch. Tuberkulose war und ist keine Krankheit, die auf Menschen im Ausland oder aus dem Ausland beschränkt ist. Das Landratsamt Karlsruhe teilte der Deutschen Presse-Agentur im Übrigen mit, dass es sich bei den beiden erkrankten Schülern nicht um Flüchtlinge handele. Die Jungen lebten schon länger hier.

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KORREKTUR: Gegenüber der ersten Fassung des Textes vom 24.7. wurde im 5. Absatz berichtigt, dass die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen ihren Tiefststand im Jahr 2012 erreichte. Zudem wurde im selben Satz das Wort «auch» eingefügt.

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Links:

Facebook-Post (archiviert): https://web.archive.org/web/20190723155454/https://www.facebook.com/harald.schroter.528/posts/321362075485860

Landratsamt Karlsruhe zu Tbc-Fällen: http://dpaq.de/JCDmV

LUA Sachsen zu Fallzahlen ab 1989: http://dpaq.de/VTFaK

RKI zu Fallzahlen seit 2001: http://dpaq.de/NwdEo

RKI zu Gefährdung durch Asylsuchende 2015: http://dpaq.de/PKKzc

RKI zu Gefährdung durch Asylsuchende 2018: http://dpaq.de/oOiPJ

Artikel im «Spiegel»: http://dpaq.de/OhOvo

RKI zu Thorax-Röntgenuntersuchungen: http://dpaq.de/eTgzC

RKI zu Tuberkulose-Zahlen für 2018: http://dpaq.de/t06zH

Epidemiologischen Bulletin des RKI zu Tuberkulose 2017: http://dpaq.de/eTgzC

Studie zu Tuberkulose-Kosten: http://dpaq.de/xJZDk

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