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24.10.2019 – 10:53

dpa-Faktencheck

Das Zitat stammt nicht von Goethe

Berlin (ots)

Im Internet machen viele Zitate die Runde, die großen Denkern zugeschrieben werden, häufig aber gar nicht von ihnen stammen. Eines davon: «Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf». Angeblicher Urheber: Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Rechte wie linke Kreise beziehen sich immer wieder auf das vermeintliche Goethe-Zitat, um - je nach Perspektive - vor drohenden gesellschaftspolitischen Veränderungen zu warnen (https://perma.cc/ZL79-ASME).

BEWERTUNG: Niemand weiß genau, wer das Zitat ursprünglich in die Welt gesetzt hat. Von Goethe stammt es jedenfalls nicht.

FAKTEN: Dem Berliner Goethe-Fachmann Michael Niedermeier, der gemeinsam mit Dutzenden anderen Germanisten seit vielen Jahren an einem Goethe-Wörterbuch (http://dpaq.de/vjWCN) arbeitet, ist das Zitat nicht bekannt. «Goethe werden viele gute Zitate zugeschrieben - nur viele davon sind gar nicht von ihm», sagte Niedermeier, Leiter der Arbeitsstelle Goethe-Wörterbuch an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, am 23. Oktober 2019 der Deutschen Presse-Agentur.

Das Wort «Demokratie» finde sich in Goethes Werken nur an wenigen Stellen - und das in gänzlich anderen Zusammenhängen. «Dass dieses Zitat nicht von Goethe sein kann, ist geradezu mit Händen zu greifen», erläutert Niedermeier. «Denn wenn Goethe 'Demokratie' verwendet, dann stets als Gegenpol zur 'Aristokratie', niemals in Zusammenhang mit 'Diktatur'.» Das Adjektiv «demokratisch» tauche in Goethes Werk rund zehn Mal auf - und das in der Regel in Zusammenhang mit der Französischen Revolution.

Die Verwendung der Begriffe lasse sich also nur im historischen Kontext verstehen, sagt Niedermeier. «Man kann Goethe nicht einspannen für heutige Diskurse.» Wenn also nicht von Goethe, von wem könnte das Zitat denn stattdessen stammen?

Die Seite «falschzitate.blogspot.com» (http://dpaq.de/CzJ3g) liefert eine mögliche Antwort: Der damalige Lehrer und spätere Nürnberger Kulturdezernent Hermann Glaser habe die Zeilen eines unbekannten Urhebers in den 1960er Jahren auf eine Tafel geschrieben, die «Nürnberger Nachrichten» hätten ein Foto davon veröffentlicht.

Darauf angesprochen, bestätigte Glaser diese Entstehungsgeschichte später. Er räumte jedoch schriftlich ein, er könne sich an den eigentlichen Urheber des häufig ihm selbst zugeschriebenen Zitats nicht erinnern: «Woher ich es seinerzeit hatte, kann ich nicht mehr feststellen» (http://dpaq.de/E56ka).

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Links:

Zitat bei Facebook (archiviert):

https://perma.cc/ZL79-ASME

Goethe-Wörterbuch:

http://www.bbaw.de/forschung/gwb

Kontakt zu Goethe-Forscher Michael Niedermeier: http://www.bbaw.de/die-akademie/mitarbeiter/niedermeier

Artikel bei falschzitate.blogspot.com (archiviert): https://web.archive.org/web/20191023135807/http://falschzitate.blogspot.com/2018/08/wer-in-der-demokratie-schlaft-wacht-in.html

Stellungnahme Hermann Glaser (archiviert): https://web.archive.org/web/20191023135713/https://lagushkin.wordpress.com/2013/05/16/uber-adoptierte-zitate/

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Kontakt zum dpa-Faktencheckteam: faktencheck@dpa.com

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