Insekten auf dem Teller? Verbraucherstudie zeigt: Am liebsten ohne Zusatzstoffe
Insekten auf dem Teller? Verbraucherstudie zeigt: Am liebsten ohne Zusatzstoffe
Insekten gelten als ressourcenschonende Proteinquelle, stoßen jedoch weiterhin auf Vorbehalte. Eine aktuelle Forschung der Universität Kassel zeigt nun, welche Faktoren die Akzeptanz insektenbasierter Lebensmittel maßgeblich beeinflussen – und was zu tun ist, um Produkten mit verarbeiteten Insekten den Markteintritt zu erleichtern. Eine zentrale Erkenntnis lautet: Der Hinweis auf Natürlichkeit steigert die Kaufbereitschaft stärker als Nachhaltigkeits- oder Proteinargumente.
„Wir wissen, dass Insekten ernährungsphysiologisch überzeugen und in weiten Teilen ressourcenschonender sind als klassische Tierhaltung“, sagt Dr. Benedikt Jahnke, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Agrar- und Lebensmittelmarketing der Universität Kassel und einer der Projektleiter. „Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie gelingt es, diese Potenziale so zu kommunizieren, dass Menschen sich darauf einlassen? Genau das haben wir im Projekt ‚Pr:Ins‘ untersucht.“
Im Zentrum der Kasseler Forschung standen zwei groß angelegte Verbraucherstudien, die untersuchten, wie unterschiedliche Kommunikationsbotschaften, Produktmerkmale und Verpackungsgestaltungen die Wahrnehmung und Kaufbereitschaft beeinflussen. Dabei zeigte sich: Der Hinweis auf Natürlichkeit und die Prüfung durch eine unabhängige Institution erzeugen das größte Vertrauen und wirken am stärksten akzeptanzfördernd. Nachhaltigkeitsargumente oder der Verweis auf Nährwertangaben schneiden im Vergleich schwächer ab. Auch die Art der Kennzeichnung spielt eine zentrale Rolle. Eine klare, aber zurückhaltende Information wie „mit Protein aus Insekten“ wirkt vertrauensbildend, während eine zu dominante Hervorhebung eher abschreckt. Zudem werden verarbeitete Insekten, also als „unsichtbare Zutat“, deutlich besser akzeptiert als ganze Insekten. „Vielen Menschen ist es wichtig, dass Lebensmittel möglichst natürlich sind, ohne lange Zutatenlisten oder künstliche Zusatzstoffe“, erklärt Jahnke. „Dieser Eindruck schafft Vertrauen. Andere Botschaften können das nicht ersetzen.“
Dabei können Insekten auf dem Teller mehr: Sie liefern hochwertiges Protein, ein vollständiges Aminosäureprofil sowie wertvolle Fettsäuren und Vitamine, entsprechende Lebensmittel benötigen wenig Land, Wasser und Energie. Rund 44 Prozent der über 18.000 Befragten gaben in einer Studie zur Vorbereitung der Onlinebefragung an, grundsätzlich offen für insektenbasierte Lebensmittel zu sein. Diese Offenheit führt jedoch nur selten zu konkretem Kaufverhalten. „Zwischen Interesse und tatsächlichem Probieren liegt eine große Hürde“, so Jahnke.
Um das reale Verhalten besser zu erfassen, wurden gemeinsam mit Industriepartnern basierend auf den Erkenntnissen aus den Verbraucherstudien neue Produktverpackungen für Cracker und falafelähnliche Bällchen mit insektenbasierten Zutaten entwickelt und in Supermärkten getestet. Die Tests zeigten: Vor dem ersten Kontakt überwiegt häufig Skepsis, doch Probierangebote senken diese Hürden deutlich und führen regelmäßig zu Aha-Effekten bei den Verbrauchern. „Wer probieren kann, baut Vorbehalte ab. Der direkte Kontakt ist einer der wirksamsten Wege, um neue Produkte zu etablieren“, sagt Jahnke.
Für die Lebensmittelwirtschaft ergeben sich daraus klare Handlungsempfehlungen: Verarbeitete Insekten haben die größten Marktchancen, Natürlichkeit ist die stärkste Botschaft, Verpackungen sind zentrale Vertrauenselemente und zurückhaltende, transparente Kennzeichnung wirkt am besten. Reale Probier- und Verkaufstests beschleunigen den Markteintritt. „Insekten können einen wichtigen Beitrag zu nachhaltigen Ernährungssystemen leisten“, resümiert Jahnke. „Dafür brauchen wir alltagstaugliche Produkte und eine Kommunikation, die Vertrauen schafft.“
Im Verbundprojekt übernahm die Universität Kassel federführend die Forschung zur Verbraucherakzeptanz und unterstützte als Gesamtkoordinatorin die Arbeiten zu Qualitäts- und Sicherheitsaspekten sowie zur ökologischen Nachhaltigkeitsbewertung. Zum Projektteam gehörten neben Dr. Benedikt Jahnke Berlianti Puteri, M.Sc., sowie Prof. Dr. Katrin Zander, Leiterin des Fachgebiets Agrar- und Lebensmittelmarketing.
Weitere Hintergründe zum Projekt
„Pr:Ins – Ganzheitliche Bewertung von alternativen Proteinquellen unter besonderer Berücksichtigung von Insekten“ ist Teil des Innovationsraums „NewFoodSystems“, das im Rahmen der „Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird. Das Projekt endete im Oktober 2025 nach einer Laufzeit von 3 Jahren und 4 Monaten. Projektpartner waren das ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg gGmbH, das Max Rubner-Institut sowie die Südzucker AG. Die Verbraucherstudien basierten auf (1) Discrete Choice Experimenten (DCEs) innerhalb einer Onlinebefragung, an der 922 Early Adopters (2023, quotengesteuert nach Geschlecht, Alter und Bundesland) teilgenommen haben sowie (2) Fokusgruppendiskussionen mit 50 Verbrauchern in vier deutschen Städten zur Wahrnehmung der Kennzeichnung von Insektenzutaten auf Produktverpackungen. Die Auswertungen erfolgten mittels Latent Class Conditional Logit Modellen bzw. qualitativer Inhaltsanalyse.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse wurden in zwei internationalen Fachjournalen als Open-Access-Artikel veröffentlicht: Die Studie „Verbraucherwahrnehmungen der Insektenkennzeichnung auf Verpackungen“ erschien 2025 im Journal Future Foods (https://doi.org/10.1016/j.fufo.2025.100705). Die Studie „Kommunikation und Relevanz von Produkteigenschaften insektenbasierter Lebensmittel“ wurde 2024 im Journal Food Research International publiziert (https://doi.org/10.1016/j.foodres.2024.114994).
Darüber hinaus wurde eine Broschüre mit Handlungsempfehlungen für die Markteinführung insektenbasierter Lebensmittel für Praxis und Entscheidungsebene erstellt: https://www.uni-kassel.de/fb11agrar/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=7666&token=922a420157ca13bb4170efcd7e0b681d7bb6afdd
Mehr Infos zum Verbundprojekt „New Food Systems“: https://www.uni-kassel.de/fb11agrar/fachgebiete-einrichtungen/agrar-und-lebensmittelmarketing/forschung/newfoodsystems.html
Kontakt:
Dr. Benedikt Jahnke
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Fachgebiet Agrar- und Lebensmittelmarketing
Universität Kassel
Tel.: +49 5542 98-1331
E-Mail: jahnke@uni-kassel.de
------------------------------------ Ihr Ansprechpartner in der Pressestelle der Universität Kassel:
Sebastian Mense Universität Kassel Stabsstelle Kommunikation und Marketing Tel.: +49 561 804-1961 E-Mail: presse@uni-kassel.de www.uni-kassel.de
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Die Universität Kassel hat rund 21.000 Studierende (Wintersemester). Sie versteht sich als eine Universität, an der Offenheit, Initiative, fächerübergreifendes und unkonventionelles Denken gewünscht und gefördert werden. Mehr als 300 Professuren sind in elf Fachbereichen (inkl. Kunsthochschule) organisiert. Zahlreiche neue Studiengänge entstehen derzeit, u.a. im Bereich der Nachhaltigen Transformationen. Nachhaltigkeitsstudiengänge: www.uni-kassel.de/go/unikassel360grad Alle Studiengänge: www.uni-kassel.de/go/studium