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CDU/CSU - Bundestagsfraktion

CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Merz: Globalisierung - Gewinner und Verlierer

Berlin (ots)

Auf der 52. Bundestagung des Bundes Katholischer
Unternehmer "Soziale Marktwirtschaft - Modell für die
Globalisierung?" vom 19. - 21. Oktober 2001 in Berlin hat der
Vorsitzende der CDU/CSU-Bundes-tagsfraktion, Friedrich Merz MdB,
heute folgenden Vortrag gehalten:
Sperrfrist: Es gilt das gesprochene Wort.
Vor gut einem Monat hätten viele auf die Frage nach den Gewinnern
und Verlierern der Globalisierung noch etwas vereinfacht gesagt:
Gewinner sind reiche Industrieländer, Verlierer sind arme
Entwicklungsländer.
Aber der brutale, menschenverachtende Terrorismusanschlag in den
Vereinigten Staaten hat gezeigt: Es gibt auch eine andere
Perspektive, Verlierer sind auch die westlichen Staaten.
Staaten, die auf dem "Prinzip Freiheit" in Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft beruhen, sind verletzbar. Sie leben von dem
grundsätzlichen Vertrauen in das freiheitliche, friedliche
Miteinander und die Integrität von Menschen und Institutionen. Der
terroristische Anschlag galt deswegen den Grundlagen zivilisierten
Zusammenlebens. Er galt zugleich den hochindustrialisierten
westlichen Gesellschaften. Die selbe Technik weltweiter
Kommunikations- und Massenverkehrsmittel, die zur Globalisierung
führt, wurde auch von den Terroristen genutzt.
Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Freiheit beruht
auf Sicherheit. Sicherheit ist zentraler Bestandteil von Frieden, und
ohne Frieden kann Freiheit nicht gelebt werden. Freiheit darf
deswegen nicht, wie man in mancher öffentlichen Diskussion hören
kann, gegeneinander ausgespielt werden. Es geht um die richtige
Balance zwischen Sicherheitsbedürfnissen und den Spielregeln einer
freiheitlichen Gesellschaft.
Viele diskutieren zur Zeit über den Zusammenprall der Kulturen,
den "clash of civilisations", wie es der amerikanische
Präsidentenberater Samuel Huntington genannt hat. Ich möchte betonen,
dass die Vereinigten Staaten keinen Kulturkampf ausgerufen haben,
sondern in Übereinstimmung mit Artikel 51 der UN-Charta ihr Recht auf
Selbstverteidigung ausüben. Der Kampf gilt nicht denen, die an Allah
glauben, sondern denen, die im Namen Allahs terroristische Mordtaten
verüben.
Deswegen liegt auch der antiamerikanische Protest selbsternannter
Friedensgruppen falsch. Nicht die USA, sondern Bin Laden mit seiner
Terrorgruppe ruft mit jedem neuen Video zum Kampf der Kulturen, der
Religionen auf.
Ein solcher terroristischer Fundamentalismus lebt von radikaler
Vereinfachung, von einfachen Zuordnungen von Gut und Böse, von
Identifizierung von Freund und Feind. Er negiert Freiheit und die
Pluralität der Lebensweisen und Glaubensvorstellungen.
Uns allen muss es jetzt um eine gemeinsame, auch wehrhafte
Auseinandersetzung mit dem weltweit agierenden Terrorismus und
Fundamentalismus gehen. Innere und äußere Sicherheit gehören
zusammen. Frieden ist und bleibt die Grundlage für alle Kulturen.
Nicht der Kampf, sondern der Dialog der Kulturen ist das Gebot für
die nächsten Jahre. Es geht um die Verständigung auf die
zivilisierten Normen des Zusammenlebens in der Welt. Dazu gehört
allerdings auch die Forderung, dass sich auch die islamischen
Gläubigen und Rechtsgelehrten um die fundamentalistischen Strömungen
der eigenen Glaubensrichtung kümmern müssen.
Mehr als mit Raketen und Flugzeugen wird es im Kampf gegen
weltweiten Terrorismus wie Fundamentalismus auf Willen, Ausdauer und
vor allem auf die geistige Auseinandersetzung ankommen. Da sollten
wir gewappnet sein.
Wir müssen wieder lernen, dass Freiheit nicht die Summe
persönlicher Bequemlichkeiten ist, sondern eine Ordnung gemeinsamer
Verantwortung, die nur von unserem persönlichen Einsatz (bis hin zum
Einsatz des eigenen Lebens) getragen wird und durch die
Auseinandersetzung um die richtige geistige Orientierung stark
bleibt.
Die Vereinigten Staaten haben - und das verdient Achtung und
Respekt - ein weltweites Bündnis ganz unterschiedlicher Staaten gegen
den fundamentalistischen Terrorismus geschmiedet. Wir in Deutschland
stehen nach wie vor fest an der Seite der Vereinigten Staaten. Die
CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat sich ohne wenn und aber zu der
"uneingeschränkten Solidarität" bekannt. Mit der Einladung des
amerikanischen Botschafters in unsere Fraktionssitzung in dieser
Woche haben wir das noch einmal nachdrücklich bestätigt.
Wir werden für einen erfolgreichen Kampf gegen die terroristische
Bedrohung auch künftig auf dieses Bündnis setzen müssen. Das wird
militärische Unterstützung mit einschließen. Darauf haben wir uns
einzustellen.
Aber das wird nicht ausreichen. Wir müssen auch dafür sorgen, dass
aus dem Bündnis gegen Terrorismus ein Bündnis für Freiheit und
Demokratie wird. Denn langfristig gesehen bieten nicht
Militärdiktaturen, Feudalmonarchien oder von religiösen Führern
geleitete Gottesstaaten, sondern nur die auf Freiheit und Recht
gegründete Demokratie die Gewähr, dass religiöser Fanatismus und
terroristischer Fundamentalismus der Boden entzogen wird.
Deswegen müssen wir nachdrücklich Achtung und Geltung von
Menschenrechten weltweit unterstützen. Zwar hat es in den letzten
Jahrzehnten eine "demokratische Weltrevolution" (so der Jurist Martin
Kriele) gegeben. Immer mehr Staaten bekennen sich zur Demokratie als
freiheitliche politische Ordnung.
Doch nach wie vor existieren weltweit schwerste
Menschenrechtsverletzungen, nach wie vor werden vielen, besonders
Frauen und Kindern, elementare Menschenrechte vorenthalten, wird
weltweit gefoltert und gemordet.
Die Verwirklichung von Menschenrechten bleibt deswegen eine
vorrangige Aufgabe. Notwendig ist ein weltweites Grundverständnis für
die elementare Bedeutung der Menschenrechte. Vielleicht ist in den
letzten Wochen mit dem Kampf gegen Fundamentalismus und Terrorismus
auch die Sensibilität für die weltweite Verwirklichung von
Menschenrechten und einer freiheitlichen, gerechten Weltordnung ein
Stück weit gewachsen.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint unsere Welt immer kleiner
zu werden. Geld, Waren und Dienstleistungen zirkulieren in hohem
Tempo ebenso um die Erde wie Menschen oder Gedanken. Die
Globalisierung ist zu einer unumstößlichen Tatsache geworden. Sie
darf weder dämonisiert noch glorifiziert werden. Es geht ganz
nüchtern darum, die erhebliche Chancen, die die Globalisierung nicht
nur uns, sondern vielen Menschen auf der Erde bietet, zu nutzen.
Gerade für unser Land mit einer traditionell exportorientierten
Wirtschaft ergeben sich viele neue Marktzugänge und ökonomische
Entwicklungsmöglichkeiten. Ich meine damit nicht nur die
Großunternehmen, sondern vor allem auch den Mittelstand. Dazu gehört
allerdings, dass wir in unserem Land dem Mittelstand nicht andauernd
mit Steuern, Bürokratie und Regulierung neue Hürden in den Weg
stellen.
Die wirtschaftliche Entwicklung in der Welt und die wachsend
internationale Arbeitsteilung setzen einen verbesserten
Ordnungsrahmen für Unternehmen und Staaten voraus. Herr Tietmeyer hat
vorhin das Nötige dazu gesagt.
Lassen Sie mich aber unterstreichen, dass auch ich eine
Internationale Soziale Marktwirtschaft als das Grundmodell für eine
globale Struktur- und Ordnungspolitik ansehe, auch wenn diese unter
ganz anderen Rahmenbedingungen entwickelt werden muss als nach dem
Zweiten Weltkrieg.
Die Globalisierung bietet auch für Schwellenländer wie für die
unterentwickelten Staaten vielfältige Möglichkeiten zur Steigerung
des Lebensstandards. Diese Chancen können vor allem dann genutzt
werden, wenn ähnliche Startbedingungen vorhanden sind. Globalisierung
trägt zur besseren Entwicklung bei, aber nicht alle können bei diesem
Spiel richtig mitmachen.
Es mehren sich die Anzeichen, dass gerade Entwicklungsländer große
Schwierigkeiten bei der Bewältigung der aus der Globalisierung
resultierenden Probleme haben. Hohe Schuldenstände, geringe
materielle und immaterielle Ressourcen, Rechtsunsicherheiten und
gering entwickelte Wirtschaftstrukturen führen dazu, dass manche
Länder nur teilweise oder gar nicht am weltweiten Wirtschaftswachstum
teilhaben können.
Die wirtschaftliche Globalisierung legt deshalb der deutschen und
europäischen Politik die entsprechende Verantwortung auf, an
Problemlösungen für die schwächeren und unterentwickelten Länder
mitzuwirken. Die Achtung von Menschenrechten, Beteiligung und die
subsidiäre Hilfe zur Selbsthilfe sind dabei entscheidende Kriterien.
Zu einer gerechten Wirtschaftsordnung gehört auch die breite
Öffnung der Europäischen Union für Güter aus Entwicklungsländern, vor
allem für Agrarprodukte. Gegenüber Protektionismus treten wir zu
Recht für eine Liberalisierung des Welthandels ein. Aber wir müssen
uns auch selbst daran halten. Ich weiß, wie schwer das ist,
schließlich komme ich selbst aus einer ländlichen Region.
Aber man muss auch die entstandenen Missverhältnisse sehen: Eine
Reihe von Entwicklungsländern haben ihre Agrarmärkte geöffnet. In
Mexiko ließen billige US-Importe den Maispreis in den Keller
rutschen, Hunderttausende Kleinbauern verloren ihren Lebensunterhalt.
Auf den Philippinen fiel mit den Schranken auch der Reispreis um ein
Drittel mit ähnlichen Folgen.
Man kann nicht von den Entwicklungsländern große Anstrengungen
verlangen, um Arbeitsplätze für ländliche Arbeitslose in anderen
Wirtschaftsbereichen zu schaffen, und wir selbst schotten unsere
Agrarprodukte mit hohen Schutzwällen vom Weltmarktwettbewerb ab - und
subventionieren sie darüber hinaus noch in hohem Mass. Hier müssen
wir zu mehr Gleichwertigkeit kommen.
Die Globalisierung erfordert nicht nur eine wirtschaftliche,
sondern auch eine politische Ordnung der Welt. Viele reden ja
angesichts der Globalisierung vom Bedeutungsverlust der Politik. Aber
das Gegenteil ist richtig. Die Globalisierung führt zu einer
Revitalisierung des Politischen.
Die Nationalstaaten werden die entscheidenden Einheiten bleiben.
Aber ähnlich wie in der Wirtschaft entstehen neue politische
Institutionen und Vereinigungen auf supranationaler Ebene. Die
Europäische Union ist sicher dabei am weitesten vorangeschritten. Mit
den Tausenden von Nichtregierungsorganisationen entstehen weltweite
Interessenvertretungen. Die Medien, die von allen Teilen des Globus
berichten, schaffen eine Art von Weltöffentlichkeit.
Vor allem gibt es auch den schon von Immanuel Kant in seiner
Schrift "Vom ewigen Frieden" beschworenen "Rechtsfortschritt". Denn
über 50 Jahre nach den Nürnberger Prozessen ist es der
internationalen Staatengemeinschaft 1998 in Rom gelungen, einen
Ständigen Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) auf Weltebene zu
gründen. 120 Staaten haben dem zugestimmt, und auch wenn der
Ratifizierungsprozess in den einzelnen Ländern noch andauert, ist
dies ein großer Erfolg in Hinblick auf eine globale
Rechtsgemeinschaft. Nach langem Zögern haben jetzt auch die
Vereinigten Staaten ihre Zustimmung zum Weltstrafgerichtshof
signalisiert.
Eine wichtige Rolle bei der politischen Ordnung des 21.
Jahrhunderts wird den Vereinten Nationen zukommen. Mit den
Resolutionen 1368 und 1373 des Sicherheitsrates, die an Klarheit
nichts zu wünschen übrig lassen, hat sich die Weltgemeinschaft
eindeutig zu dem Kampf gegen den Terrorismus bekannt und zu
entsprechenden Maßnahmen aufgefordert. Das ist ein wichtiger Beitrag
für eine Weltsicherheitsordnung, ohne die eine entstehende
Weltbürgergesellschaft kaum denkbar wäre.
Ich begrüße in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Verleihung des
diesjährigen Friedensnobelpreises an die Vereinten Nationen und deren
Generalsekretär Kofi Annan. In der Begründung des Komitees heißt es,
dass der "einzig gangbare Weg zu globalem Frieden und Zusammenarbeit
durch die Vereinten Nationen führe". Die Stärkung der Institutionen
der Vereinten Nationen und ihrer Unterorganisationen, die vielfältige
Arbeit zur Behebung der Weltprobleme leisten, ist deshalb nicht nur
nationale, sondern eine weltweite Aufgabe.
Globalisierung ist ein Prozess, der bei allen aktuellen
Widersprüchen politischen und wirtschaftlichen Fortschritt bringt.
Sie führt auf längere Sicht zu mehr Wohlstand für die Staaten und
Völker. Die Globalisierung macht uns aber zugleich die Bandbreite der
Problembereiche in der Welt bewusst. Globalisierung heißt deswegen
auch, mehr weltweite Verantwortung zu entwickeln.
Zudem muss uns auch klar sein, dass wir äußere Sicherheit auf
Dauer nur dann bekommen werden, wenn wir uns neben den
wirtschaftlichen auch um die kulturellen und sozialen Verhältnisse in
den unterschiedlichen Regionen unseres Globus kümmern.
Lassen Sie mich aus der Vielzahl der globalen Probleme 5
Problembereiche herausgreifen, die unsere weltweite Verantwortung
besonders herausfordern: Klimaentwicklung, Ernährung, Migration,
Bildung und demografische Entwicklung.
Der erste Punkt betrifft die drohende Klimakatastrophe
Globalisierung bedeutet auch die Wahrung der globalen
Gemeinschaftsgüter. Viele Studien haben inzwischen gezeigt:
Umweltschäden machen vor nationalen Grenzen nicht halt, sie können
nur im weltweiten Rahmen bekämpft werden.
Wir brauchen über das Wirtschaftliche hinaus auch eine ökologische
Globalisierung. Das gilt vor allem für die Entwicklung unseres
Weltklimas. Das Ansteigen der CO/2-Konzentration lässt uns eine
globale Instabilität befürchten.
Das Abkommen von Rio und das Kyoto-Protokoll sind wichtige
politische Schritte in Hinblick auf eine globale Klimapolitik
gewesen. Der auf der Bonner Klimakonferenz im Juli dieses Jahres
gefundene Kompromiss bewegte sich allerdings auf kleinstem Nenner. Es
wird darauf ankommen, ob es politisch gelingt, mehr Staaten als
bisher zum Beitritt zu bewegen. Dieses wäre auch ein wichtiges Signal
für den "Weltgipfel über Nachhaltigkeit" im September nächsten Jahres
in Südafrika.
Bei uns in Deutschland haben viele 'Agenda21-Gruppen' zur
ökologischen Bewusstseinsbildung vor allem in den Kommunen
beigetragen und viele konkrete Umweltschutzprojekte angeregt. Sie
sind übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass Staat und
Bürgergesellschaft keine Gegensätze sind, sondern Hand in Hand
arbeiten. Man sieht daran auch ganz anschaulich, dass Globalisierung
und der regionale wie lokale Bezug zusammen gehören.
Ein zweiter Punkt betrifft die Ernährungsfrage.
Am Anfang des neuen Jahrhunderts ist Armut weiterhin ein
drängendes globales Problem. Von den 6 Milliarden Menschen leben fast
die Hälfte (2,8 Mrd.) von weniger als 2 US-$ am Tag, rund 1,2
Milliarden von weniger als 1 US-$. Acht von 100 Kleinkindern erleben
ihren 5. Geburtstag nicht. Ein Zehntel der Jungen und ein Siebtel der
Mädchen erhalten überhaupt keine Schulbildung. Gerade die Ärmsten der
Armen sind Krankheiten, brutalen Bürgerkriegen, Gewalt,
Naturkatastrophen und auch weltwirtschaftlichen Krisen besonders
ausgeliefert. Das Gefühl von Entbehrung und Ungerechtigkeit ist für
viele hautnah.
Vor wenigen Tagen wurde angesichts des Welternährungstag der UN 
bekannt, dass weltweit 815 Millionen Menschen chronisch unterernährt
sind. Weite Teile von Afrika, Südamerika und Asien sind davon
betroffen. Das darf uns nicht ruhen lassen.
In diesem Zusammenhang gilt mein ausdrücklicher Dank den
kirchlichen Hilfsorganisationen Misereor und Adveniat, die den Hunger
in der Welt durch viele Projekte bekämpfen.
Adveniat begeht in diesen Tagen das 40. Jahr ihrer Gründung. Mit
über 200.000 Projekten weltweit hat Adveniat für viele Arme ein
Zeichen der Hoffnung gesetzt. Solidarische Hilfe, Teilen und
Begegnung - mit allen drei wurde eine Brücke zwischen Industrie- und
Entwicklungsländer geschlagen. Adveniat bedarf auch weiterhin unserer
aller Unterstützung.
Als Drittes möchte ich das Weltflüchtlingsproblem nennen.
Das 20. Jahrhundert wurde als das "Jahr der Flüchtlinge"
bezeichnet. Neben Missernten, Umweltkatastrophen und Diktaturen waren
es vor allem Kriege und Arbeitslosigkeit, die Vertreibung und
Fluchtbewegungen auslösten. So ist nach wie vor auch am Beginn dieses
Jahrhunderts. Außerstaatlich wie innerstaatlich sind rund 300
Millionen Menschen auf der Flucht, ohne festen Wohnsitz und Heimat,
vielfach ohne Schutz und Unterstützung.
Wir dürfen nicht verkennen, dass auch das globale und regionale
Entwicklungs- und Wohlstandsgefälle eine Sogwirkung besitzt. Mit
einem "globalen Marsch" von Arbeitsmigranten ist aber niemandem
gedient. Unsere Anstrengungen müssen deshalb - auch im
wohlverstandenen Eigeninteresse - darauf gerichtet sein, das
internationale Wohlstandsgefälle durch verstärkte Hilfe zur Sicherung
eines eigenen Lebensstandards abzubauen.
Denn eine Welt mit einem großen Wohlstandsgraben wird eine
instabile, unsicherere Welt bleiben. Heimat zu schaffen, know how
erwerben und in soziale Grunddienste zu investieren - das sind, wie
Erfahrungen belegen, drei elementare Voraussetzungen für
wirtschaftliches Wachstum in sich entwickelnden Ländern.
Viertens geht es um die Frage der Bildung.
Bildung und Ausbildung sind elementar nicht nur für die
persönliche Entfaltung, sondern vor allem auch für die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Existenzsicherung. Um so
erfreulicher finde ich, dass vielseitige Anstrengungen hinsichtlich
Alphabetisierung, Grundbildung und Ausbildung weltweit einen regional
zwar ungleich verteilten, aber insgesamt doch großen
Entwicklungsschub bewirkt haben.
Aber zugleich müssen wir sehen, dass sich ein neuer Graben auftut,
die "digitale Kluft". In den führenden Industrienationen sind die
Weichen für das Informations- und Wissenszeitalter gestellt. Die
modernen, weltweit eingesetzten Kommunikationsmittel tragen erheblich
zum ökonomischen Wachstum bei. In Deutschland sind wir dabei, Jung
und Alt mit dem Computer und dem Internet vertraut zu machen. Ende
des nächsten Jahres werden wir alle Schulen in Deutschland vernetzt
haben.
Ganz anders sieht es in den Entwicklungsländern aus. Um ein
Beispiel zu nennen: Wenn wir einmal Südafrika ausnehmen, existieren
in ganz Afrika so viele Internet-Anschlüsse wie allein in New York.
Die künftige wirtschaftliche Entwicklung wird auf den neuen
Technologien basieren. Soll sie nicht gänzlich an vielen
Entwicklungsländern vorbeigehen, dann sind auch hier globale
Anstrengungen zum Anschluss der Entwicklungsländer an die weltweite
Informations-gesellschaft notwendig.
Lassen Sie mich einen letzten Punkt nennen, die Überalterung
   Wie fast alle westlichen Industrieländer sind auch wir eine
alternde Gesellschaft.
Nur langsam dringen die erheblichen Folgen des demografischen
Wandels in unser Bewusstsein - hinsichtlich der Arbeitswelt, der
sozialen Sicherungssysteme, der Generationengerechtigkeit.
Aber noch viel weniger machen wir uns klar, dass die Überalterung
auch im globalen Rahmen ein immer größer werdendes Problem darstellt.
Auch die Weltbevölkerung wird immer älter. Das hat gravierende Folgen
gerade für die Staaten, die kein umfassendes soziales
Sicherungssystem wie in den westlichen Ländern besitzen und bei denen
die ältere Generation auf den Unterhalt einer größeren Kinderzahl
elementar angewiesen ist.
1999 hat die Weltbevölkerung die 6-Milliarden-Marke überschritten.
Jedes Jahr kommen 80 Millionen hinzu. Das entspricht einer
Wachstumsrate von 1,3 %. Das heißt: gegenüber der bisherigen
Entwicklung nehmen die Wachstumsraten der Weltbevölkerung ab.
Zwar werden noch jedes Jahr 135 Millionen Kinder geboren -
gegenüber 55 Millionen Älterer, die sterben. Noch wächst die
Weltbevölkerung, wenn auch verlangsamt, weiter, vor allem in den
wenig entwickelten Ländern von Asien, Afrika und Lateinamerika. 97 %
des Wachstums der Weltbevölkerung findet in Entwicklungsländern
statt. 60 % des Zuwachses davon in nur 10 Ländern, die zudem
besonders unter der Knappheit der Ressourcen leiden.
Aber neben diesem nach wie vor gravierenden Problem der
Überbevölkerung entwickelt sich ein zweites Problem: das der
Überalterung.
Inzwischen haben wir es mit einem Sinken der Weltreproduktionsrate
zu tun. Bekamen Frauen früher im Durchschnitt sechs Kinder, so sind
es heute nur noch drei. Der Trend geht zu immer weniger Kindern.
Gleichzeitig ist die Lebenserwartung nach Angaben der
Weltgesundheitsorganisation WHO aufgrund medizinischer Erfolge
deutlich angestiegen.
Nun ist das Abnehmen der Weltbevölkerung gerade in Hinsicht auf
die Bekämpfung von Hunger und Armut ausdrücklich zu begrüßen. Aber
zugleich müssen wir sehen, dass auch viele Länder der Welt das
"Altersbeben" (Paul Wallace) erreichen wird. Japan und Italien
gehören bereits jetzt zu den Ländern mit den meisten Älteren. Die
Entwicklungsländer folgen. 1998 waren weltweit 66 Millionen Menschen
älter als 80 Jahre, bis 2050 wird sich diese Zahl auf 370 Millionen
versechsfachen. Wenn man die Altersgrenze von 60 Jahre und älter (wie
bei uns) zugrunde legt, dann leben heute 600 Millionen ältere
Menschen weltweit; bis 2050 werden es rund 2 Milliarden sein.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird die Zahl der
Älteren größer sein als die Zahl Kinder.
Wenn sie sich allein China vorstellen, das mit einem Anteil von 22
% das bevölkerungsreichste Land der Welt ist. China hat sich aus
Ernährungsgründen eine rigide Bevölkerungspolitik verordnet. Aber
gerade das wird in wenigen Jahrzehnten zu einer starken Überalterung
führen. In 20 Jahren gehört China zu den am schnellsten alternden
Gesellschaften. Wie dies ein Land, das sich gerade mit der Aufnahme
in die WTO der Weltwirtschaft geöffnet hat, ökonomisch wie sozial
verkraften soll, ist völlig ungeklärt. Kein Wunder, dass Forscher in
Bezug auf die alternde Weltbevölkerung von einer "tickenden
Zeitbombe" sprechen. Die "globale Alterung der Bevölkerung wird das
Leitmotiv des 21. Jahrhunderts sein", so der britische
Wirtschaftsexperte Paul Wallace.
Angesichts dieser vielen Probleme im Weltmaßstab ist es ein
Skandal, dass der Haushalt des Bundesministeriums für
Entwicklungshilfe von dieser Bundesregierung massiv gekürzt wurde.
Von den einmal vereinbarten 0,7 % des Bruttosozialprodukts sind wir
meilenweit entfernt. Auch der Haushalt 2002 sieht eine Minderung um
400 Millionen DM - 5,3% - vor. Zwar ist die Bundesrepublik dem
UNO-"Aktionsprogramm 2015" zur weltweiten Halbierung extremer Armut
beigetreten. Doch anscheinend nur pro forma, denn im Bundeshaushalt
finden sich nicht die notwendigen Mittel dazu.
Ich frage deshalb: Warum bedarf es erst angesichts der Ereignisse
des 11. September 2001, damit es zu einem ersten Umdenken innerhalb
der Bundesregierung zu kommen scheint?
Das Modell der Sozialen Marktwirtschaft ist das richtige
Grundgerüst für ein System internationaler wirtschaftlicher
Kooperation und Teilhabe. Für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung
ist marktwirtschaftlicher Handel, freier Verkehr von Waren,
Dienstleistungen und Kapital unverzichtbar. Dieses bleibt Grundlage
für den "Wohlstand der Nationen", wie es Adam Smith genannt hat.
Aber Marktwirtschaft allein reicht nicht aus. Eine Internationale
Soziale Marktwirtschaft wird sich ordnungspolitisch dem Markt und den
sozialen Belangen der Menschen zu widmen haben. Freie wirtschaftliche
Entwicklung und soziale Sicherung und Teilhabe schließen sich nicht
aus.
Gerade Müller-Armack hat immer wieder darauf hingewiesen, dass
sich beides ergänzt und nicht etwa ausschließt.
Dies steht im übrigen auch im Einklang mit der katholischen
Soziallehre, die von der Personalität des Menschen, seiner
Individual- und seiner Sozialnatur ausgeht.
Freiheit und Gerechtigkeit bedingen einander. Ebenso wie Freiheit
und Frieden. Ohne Chancengerechtigkeit und Hilfe zum Überleben, auch
zu einem menschenwürdigen Leben vor allem für die Länder der dritten
und vierten Welt wird sich auf Dauer auch der westliche Wohlstand
nicht halten lassen.
Und gerade die katholische Kirche, Papst Paul II wie die
verschiedenen amerikanischen Bischofskonferenzen, haben immer wieder
in verschiedenen Erklärungen darauf beharrt, dass auch den
"Verdammten dieser Erde", wie sie Franz Fanon genannt hat,
Menschenwürde und Menschenrechte zustehen.
Die christlichen Kirchen haben deswegen die "vorrangige Option für
die Armen" in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen gestellt. Daraus
ergibt sich auch die Forderung nach elementaren, sozialen
Mindeststandards des Arbeitens und Lebens. Diese können allerdings
nicht dieselben sein wie in den westlichen Industriegesellschaften.
Das würde für viele Entwicklungsländer zu nicht tragbaren Kosten
führen. Aber neben grundsätzlichen Verboten wie zum Beispiel Arbeit
durch Sklaverei können sie als Mindestnormen bezogen auf die
jeweilige Landessituation wirken.
Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat dazu Vorschläge
gemacht. Eine Reihe von Grundrechten sind zudem in den beiden großen
Menschenrechtspakten der Vereinten Nationen niedergelegt und von
vielen Staaten ratifiziert worden. Sie dürfen nicht nur auf dem
Papier stehen.
Eine Internationale Soziale Marktwirtschaft wird darüber hinaus
auf die vielfältigen Ansätze einer weltweiten Bürgergesellschaft
setzen. Bürger helfen Bürgern - das gilt nicht nur für unsere
Gesellschaft. Nicht alles muss im Weltmaßstab durch die Staaten
gemacht werden. Subsidiäre Hilfe zur Selbsthilfe sowie die Ausweitung
des ehrenamtlichen und freiwilligen Engagements sind auch Bausteine
einer entstehenden Weltgesellschaft. Sie sind Ausdruck für
eigenständige, freiheitliche Verantwortungsübernahme der Bürger
selbst.
Für ein solches eigenständiges und verantwortliches Engagement
gibt es inzwischen viele ermutigende Beispiele. Man lernt ja am
meisten von dem, was andere vorleben.
Lassen Sie mich hinweisen
  • auf den freiwilligen Zusammenschluss "TransFair, mit dem Dritte-Welt-Produkte von Kleinbauern und Kooperativen unterstützt werden,
  • oder auf die RUGMARK-Initiative (siehe Fraktionsantrag der CDU/CSU), die sich gegen illegale Kinderarbeit vor allem in der Teppichproduktion in Entwicklungsländern einsetzt,
  • oder auf die Wirtschaftsinitiative "e-mission55" zur Unterstützung des Kyoto-Protokolls; immerhin 140 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 400 Milliarden DM bemühen sich auf freiwilliger Basis um Energieeinsparung und Reduzierung des CO/2-Austoßes.
  • Ein anderes Beispiel sind die rund 10 000 Entwicklungshilfe-Einsätze von Älteren im Rahmen des Senior-Experten-Services (SES) der deutschen Wirtschaft seit ihrer Gründung vor 19 Jahren.
  • Man könnte hier auch die wachsende Zahl von Ökofonds oder ethisch orientierten Investmentfonds nennen, die Anreize zu nachhaltigem wirtschaftlichem Handeln geben.
  • Ich will hier auch besonders auf die vielen Beispiele ehrenamtlichen Engagements von Persönlichkeiten hinweisen, die aus ihrem Glauben und Selbstverständnis heraus als katholische Unternehmer in vielen Entwicklungsländern Hilfen bereitstellen.
  • Ich erinnere stellvertretend an die Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekte der "Erbacher-Stiftung" und der "Hans-Lindner-Stiftung". Erwähnen möchte ich auch die wichtige entwicklungspolitische Arbeit des "Afrika-Fonds-Selbständigkeit" (AFOS), das als Gemeinschafts-werk von Kolping und dem Bund Katholischer Unternehmer getragen wird.
Lassen Sie mich all denen, die sich in vielfältiger und oft ganz
stiller Weise für Arme und Bedürftige in dieser Welt so
selbstverständlich einsetzen, ein ganz besonders herzliches Wort des
Dankes sagen.
Alle diese Beispiele zeigen: Wir sind nicht hilflos, jeder kann
etwas tun. Viele Menschen können Motoren der Entwicklung sein. Auf
diese Weise bilden sich globale Netzwerke solidarischer Hilfe. Solche
Hilfe zur Selbsthilfe ebnet den Weg für eine gerechtere
Weltwirt-schaftsordnung und fördert ein entsprechendes
Weltwirtschaftsethos. Die Globalisierung erfordert auch ein globales
Ethos. Aber dieses kann nur von den Menschen selbst gelebt werden.
Ich bin davon überzeugt, dass gerade die katholische Kirche mit
dem Verständnis vom Menschen und der Soziallehre einen wichtigen
Beitrag für weltweite Zivilisierungsprozesse im Rahmen der
Globalisierung leisten kann.
Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, und als Weltkirche hat
sie eine lange Tradition als Lerngemeinschaft über Kontinente hinweg.
In einer zusammenwachsenden Welt geht es um den Lernprozess des
Zusammenlebens in einer pluralen Welt mit Menschen unterschiedlichen
Glaubens. Papst Paul II hat immer wieder eindringlich die
Notwendigkeit einer umfassenden Ökumene und den Dialog der Religionen
hingewiesen. Weltfrieden ergibt sich auch durch Religionsfrieden.
Ein Beitrag dazu kann auch der kirchliche Religionsunterricht in
den Schulen leisten. Deswegen setzen wir uns als Fraktion auch
besonders für den Religionsunterricht an den Schulen ein. Ein
neutralistisches Unterrichtsfach "Lebenskunde-Ethik-Religion reicht
nicht aus. Wir bejahen auch den muslimischen Religionsunterricht.
Aber, das möchte ich ganz klar sagen, dies hat nur Sinn, wenn dabei
die Treue zur Verfassung vorgegeben ist.
Es war der 20. Juli 1969, als der amerikanische Astronaut Neil
Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. Damit begann ein neuer
Abschnitt in der Menschheitsgeschichte.
Es war nicht nur der erste Schritt der Menschheit in den Weltraum.
Es war zugleich auch der Blick von außen zurück auf die Erde. Das
Bild des weißblauen Planeten mitten im Kosmos hat sich in unser
Gedächtnis eingeprägt. Es macht uns unmissverständlich klar: Wir
leben alle in der "einen Welt", es ist unser gemeinsames Zuhause. Für
diese "eine Welt" tragen wir gemeinsam Verantwortung.
Unsere Anstrengungen müssen deshalb darauf gerichtet sein, eine
Welt der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit zu schaffen.
Unser Handeln muss von der Perspektive einer wirtschaftsfreundlichen,
umwelt- und sozialverträglichen demokratischen Weltordnung geleitet
sein.
Das heißt auch: Wir wollen alles tun für eine Welt, in der es
immer weniger Verlierer und immer mehr Gewinner gibt.
Vielleicht können wir dann mit den Worten von Neil Armstrong eines
Tages sagen: Die Globalisierung als Weg zur weltweiten
Verantwortungsgemeinschaft, das sind viele kleine einzelne Schritte,
aber insgesamt "ein großer Schritt für die ganze Menschheit".

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