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Westfalen-Blatt: zum Thema Glyphosat

Bielefeld (ots) - Na denn, prost! Da hat das Münchner Umweltinstitut den Brauereien jetzt so richtig eingeschenkt. Glyphosat im Bier verspricht Medienwirbel - fast so wie Plastik im Schokoriegel und Mineralölrückstände in Mineralwasser. Zumal der Zeitpunkt gut gewählt ist: Die Europäische Kommission steht vor der Entscheidung, ob sie die Zulassung von Glyphosat um weitere 15 Jahre verlängern wird oder nicht. Die Gegner des vom US-Konzern Monsanto entwickelten Pestizids haben starke Argumente. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft das in Unkrautvertilgungsmitteln eingesetzte Glyphosat als »wahrscheinlich krebserregend« ein. Pflanzen nehmen es durch ihre Blätter auf. Biologisch baut sich das Gift in 28 Tagen nur um zwei Prozent ab. Andererseits wird immer offenkundiger, dass Lebensmittelüberwachung auch ein Geschäft ist. Institute konkurrieren mit Instituten, Labors mit Labors. Öffentliches und privates Geld fließt umso leichter, je öfter es den Wettbewerbern gelingt, Schlagzeilen zu produzieren. Und natürlich reagieren Facebook & Co., aber auch seriöse Medien dann besonders, wenn es um eines der drei K geht: Kosmetika, Küche (Lebensmittel) und Kinder (Spielzeug, Kleidung). Ein neuer Nachweis, wie sehr Zigaretten der Gesundheit schaden, schafft es hingegen kaum noch in die Zeitung. Trotz allem würde die Geschäftsidee nicht funktionieren, hätte die Labortechnik nicht solche Fortschritte gemacht. Heute geht es um Mikro- und sogar Nanogramm - millionste und milliardste Teile eines Gramms. In dieser Größenklasse findet man mit hoher Wahrscheinlichkeit Substanzen, die richtig Angst machen - so man nur nach ihnen sucht. Paracelsus sagte schon vor 500 Jahren: »Nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht's, dass ein Ding kein Gift sei.« Dass das Umweltinstitut, das in Konkurrenz unter anderem zu Stiftung Warentest und Ökotest steht, bei handelsüblichem Bier auf Glyphosat stoßen würde, war klar. Schließlich handelt es sich um das in Deutschland am weitesten verbreitete Pflanzengift, das schon beispielsweise in Backwaren, Milch und Haferflocken nachgewiesen wurde. Bier wird aus Hopfen und Getreide gebraut. Da muss der Landwirt nicht mal selbst Glyphosat einsetzen. Tut es der Nachbar, ist es gut möglich, dass ein Teil herüberweht. Von Verbrauchern, die oft kaum Milli- von Mikrogramm unterscheiden, zu erwarten, dass sie Laborergebnisse richtig deuten, ist zu viel verlangt. Das ist Aufgabe des Gesetzgebers. Als im April 1516 das Reinheitsgebot für Bier aufgestellt wurde, gab es weder Glyphosat noch das Wissen um mögliche Gefahren. Vorschriften müssen fortgeschrieben werden. Dass stattdessen Warentester ihre eigenen Grenzwerte aufstellen, ist jedenfalls keine Alternative. Trotzdem sind die Verbraucher nicht außen vor. Glyphosat ist nach Angaben der WHO nur wahrscheinlich, Alkohol aber mit Sicherheit krebserregend.

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