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Neue Westfälische (Bielefeld): Angela Merkel wird heute 60 Die Wohlfühlkanzlerin alexandra jacobson, berlin

Bielefeld (ots) - Deutschland ist Fußball-Weltmeister und Angela Merkel Bundeskanzlerin. Irgendwie hat man das Gefühl, dass diese beiden Dinge zusammengehören. Merkel weiß, was sich die Deutschen wünschen. In ihrer zweiten Großen Koalition und nach fast neun Jahren als Regierungschefin ist sie zur perfekten Wohlfühlkanzlerin geworden. Für die Wähler gibt es sozialpolitische Geschenke: Mütterrente, Betreuungsgeld, verbessertes Elterngeld, Rente mit 63, Mindestlohn. Das Land kann sich die Wohltaten wegen des starken Wirtschaftswachstums leisten. Auch weil die sozialversicherungspflichtigen Jobs gleichzeitig auf Rekordniveau klettern. Deutschland ist gut gelaunt und mit sich zufrieden. Selbst wenn Merkel mit dem brasilianischen Sommermärchen direkt nichts zu tun hat, passt die gewonnene Fußballweltmeisterschaft exakt in dieses Bild. Merkel ist keine Kanzlerin, die ihr Wahlvolk mit ungewohnten Ansichten oder kühnen Visionen verschrecken wür-de. Führung von vorn ist ihr fremd. Sie sucht immer wieder die Übereinstimmung mit dem Normalbürger. Ihr Regierungsstil setzt auf Abwarten und kleine Schritte. Die Bürger finden es gut, von unliebsamen Überraschungen verschont zu werden. Sie mögen die Kanzlerin, weil sie das Gefühl haben, dass sie ihnen ähnelt. Merkel ist uneitel, zugewandt und völlig ungeeignet für jegliche Skandale. Sie ist mit dem Geld für ihre Arbeit zufrieden, ist fleißig und kocht daheim Kartoffelsuppe. Die meisten Deutschen können sich in ihr wiedererkennen. Für eine harte Reformpolitik, wie sie Gerhard Schröder den Bürgern einst mit den Hartz-Gesetzen zumutete, wäre Merkel ungeeignet. In der Eurokrise greift sie zwar durchaus mit harter Hand durch - aber vor allem, wenn es darum geht, die südländischen Krisenstaaten auf Sparkurs zu trimmen. Hierzulande tut sie alles, um die Menschen vor Zumutungen zu bewahren. Als Bundespräsident Gauck von den Deutschen mehr Verantwortung in der Sicherheits- und Außenpolitik verlangte, hat Merkel geschwiegen. Sie weiß genau, wie unbeliebt Auslandseinsätze bei ihren Landsleuten sind. Außenpolitik ist zwar ihr liebstes Feld, und sie redet sicher lieber in Peking vor Studenten, als dass sie sich im Bundestag durch eine Regierungserklärung kämpft. Aber auch in der großen weiten Welt achtet sie darauf, mit der deutschen Mehrheitsmeinung im Gleichklang zu bleiben. Dass Merkel mit den USA wegen zweier unbedeutender Spione einen Eklat vom Zaun bricht, ist aufschlussreich. Es wäre vermutlich klüger gewesen, diese beiden Fälle über di-plomatische Kanäle anzusprechen. Doch sie nährt damit die weit verbreitete antiamerikanischen Stimmung im Land. Man darf gespannt sein, wie sie jetzt noch das Freihandelsabkommen mit den USA hinbekommen will, das aus wirtschaftspolitischer Sicht für die Exportnation Deutschland von erheblicher Bedeutung wäre. Auch Gerhard Schröder hat sich einst scharf von den USA distanziert, aber bei der Ablehnung des Irakkriegs ging es wenigstens um etwas wirklich Wichtiges. Manchen ist Merkel derart eng ans Herz gewachsen, dass sie sich ein Kanzleramt ohne sie gar nicht mehr vorstellen mögen. Es gibt publizistische Stimmen, die sie in diesen Tagen geradezu anflehen, 2017 noch einmal anzutreten. Und in der Tat wäre sie dann erst 63 Jahre alt, was in der Politik eigentlich kein Alter ist. Doch wenn sie klug ist, und das ist sie zweifellos, lässt sie sich darauf nicht ein. Demokratie lebt vom Wechsel. Irgendwann müssen sich Merkel und dieses Land voneinander trennen. Auch wenn es nicht nur für die CDU ein bitterer Einschnitt wäre und ein Nachfolger nicht in Sicht ist.

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