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Aachener Nachrichten: Krieg der Worte - Die Debatte über Griechenland nimmt absurde Züge an. Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Aachen (ots) - Wie weit kann das Diskussionsniveau eigentlich noch sinken? Nicht nur Griechenland, nein Europa steht vor gewaltigen Problemen. Die ökonomisch unsinnige Spar- und Kürzungspolitik der vergangenen Jahre hat in vielen Ländern die Nachfrage gedrosselt und damit die Wirtschaftskrise verschärft. Sie ist dabei, unsere Zukunft zu zerstören, weil sie Investitionen abwürgt und Millionen von jungen Menschen von den Arbeitsmärkten ausschließt. Sie hat zur Verelendung von breiten Bevölkerungsschichten geführt und bedroht das Jahrhundertwerk der Europäischen Friedensunion. Es ist längst an der Zeit, diese Politik grundlegend zu ändern und ernsthaft über Alternativen zu diskutieren. Aber was machen wir? Unser Meinungs-Zirkus debattiert seit Tagen über die wirklich zentralen Fragen der Krise. Nämlich: Können wir einem griechischen Finanzminister trauen, der keine Krawatten trägt und statt eines dicken Dienstwagens ein Motorrad fährt? Darf sich Gianis Varoufakis vom Fotografen eines internationalen Hochglanzmagazins in seiner gutbürgerlichen, aber keinesfalls mondänen Wohnung gemeinsam mit seiner Frau ablichten lassen? Hat dieser Grieche, den wir partout in der Rolle des Mephistopeles sehen wollen, tatsächlich der deutschen Regierungspolitik 2013 kurz den Stinkefinger gezeigt? Wahrscheinlich werden uns diese und ähnlich brennende Themen noch tagelang intensiv beschäftigen. Es werden Banalitäten hochgejazzt, Zitate verfälscht, Klischees gepflegt. Längst liegen wir geistig wieder einmal in den Schützengräben. Verbal geschossen wird von beiden Seiten - von der griechischen und von der deutschen. Sicherlich war in den vergangenen Tagen manche Äußerung aus Athen alles andere als angemessen. Natürlich sind die Aussagen des rechtskonservativen Verteidigungsministers Panagotis Kammenos zum Flüchtlingsproblem eine Zumutung, eine politische Idiotie. Dem gegenüber steht aber eine von vielen deutschen Medien und manchen deutschen Politikern fast schon zelebrierte Arroganz, die sich bereits in der Wortwahl zeigt. Wenn die griechische Regierung ihre Sicht der Dinge darlegt, wird ihr nur noch vorgeworfen, sie würde stänkern, herumwettern und wüste Rundumschläge veranstalten. Wenn Varofakis versucht, einmal länger als eine Minute wirtschaftliche Zusammenhänge darzustellen, werden ihm nervende Monologe vorgehalten. Wenn der Finanzminister aus Athen wie in der Sendung "Jauch" seine Gegenspieler, den CSU-Mann Markus Söder und den "Bild"-Kolumnisten Ernst Elitz , mehr als blass aussehen lässt, dann muss er sich vom Moderator anhören, er habe sich "tapfer geschlagen". Welch eine herablassende Haltung. Hätte sich Günter Jauch getraut, solch einen Satz auch einem deutschen Minister zu sagen? Stimmung statt Argumente Bei der Diskussion über Griechenland und Europa erreichen wir auf der nach unten offenen Niveauskala immer neue Tiefpunkte. Es werden nur noch Stimmungen geschürt. Argumente scheinen kaum noch jemanden zu interessieren. Denn würden Argumente zählen, könnte deutlich werden, dass der bisherige "Rettungskurs" gescheitert ist und dass der Wirtschaftsprofessor Varoufakis von Makroökonomie vielleicht ein klein wenig mehr Ahnung hat als viele seiner Kontrahenten. Also führen wir lieber auf Nebenschauplätzen einen Krieg der Worte. Einen Krieg, der offenbar zur bedingungslosen Kapitulation Athens führen soll. Derweil zerbröselt uns das Projekt Europa langsam zwischen den Fingern.

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