Weser-Kurier

Weser-Kurier: Der "Weser-Kurier" (Bremen) kommentiert in seiner Ausgabe vom 20. Mai 2010 die Bemühungen zur Rettung des Euro und das Verbot ungedeckter Leerverkäufe an deutschen Börsen:

Bremen (ots) - Der Untergang Europas? von Joerg Helge Wagner Droht nun der wirtschaftliche Untergang des Abendlandes, weil der Bundesfinanzminister und die deutsche Bankenaufsicht im Kampf gegen Währungsspekulanten vorgeprescht sind? Bekommt hier bald kein Konzern und kein Klempner mehr Kredit? Gegenfrage: Können Sie sich vorstellen, dass folgendes Geschäftsmodell legal ist? Sie nehmen sich einen billigen Mietwagen und verkaufen diesen so rasch wie möglich für 10.000 Euro an einen Bleifuß in der Erwartung, dass der Wagen schnell an Wert verliert. Dann kaufen Sie die Karre für 8000 Euro zurück und stecken sich 2000 Euro - abzüglich der Mietgebühr - in die Tasche. An der Börse geht das - vorausgesetzt, Sie sind Fondsmanager und nehmen statt Mietwagen Aktien. Man nennt das "gedeckte Leerverkäufe". Sie sind völlig legal, auch an deutschen Börsen. Die verschärfte Form heißt "ungedeckten Leerverkäufe": Da mieten Sie das Auto gar nicht erst, sondern verkaufen es sofort mit der Garantie, das gewünschte Modell in ein paar Tagen zu liefern. Wenn das Modell dann tatsächlich beim Verleiher verfügbar ist, haben Sie viel Mietgebühr gespart und verfügen auch noch früher über Ihren so gestiegenen Gewinn. Falls das Auto aber nicht bereit steht, schulden Sie dem Käufer 10000 Euro - ohne selbst Besitzer oder gar Eigentümer eines entsprechenden Gegenwerts zu sein. Nun machen Sie einfach noch sieben Nullen dran, dann wissen Sie, warum die US-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008 pleite gegangen ist.Und warum danach "ungedeckte Leerverkäufe" verboten waren - weltweit, aber leider nur befristet. In Deutschland hat man sie nun wenigstens für einige besonders sensible Produkte - Staatsanleihen, Kreditausfallversicherungen, einige Bankaktien - wieder verboten, erneut befristet bis Ende März 2011. Das aber soll nach Meinung einiger Fondsmanager entweder "wirkungslos" sein oder aber die Hälfte der G-8-Staaten ruinieren und dem Euro den Rest geben - was schon ein Widerspruch ist. Zugegeben, der Euro-Kurs sinkt weiter. Es geschieht damit aber nur das, was die Griechen getan hätten, wenn sie noch die Drachme hätten: Eine Abwertung der eigenen Währung. Kanzlerin Merkel spricht deshalb von Schicksalsgemeinschaft. Die Wechselkurs-Schwäche des Euro ist bedauerlich für alle, die in den USA Urlaub machen oder sich einen neuen Computer kaufen wollen. Sie schmerzt auch an der Tankstelle. Sie ist aber erfreulich für eine extrem exportabhängige Volkswirtschaft, die in Übersee Autos, Maschinen, Medikamente verkaufen muss - also auch für unseren Arbeitsmarkt, unsere Sozialsysteme. Ein schwächerer Eurokurs ist zunächst ein indirekter Beitrag zur Sanierung unserer öffentlichen Haushalte. Natürlich nur vorübergehend, denn ein völliger Kursverfall wäre in der Tat ruinös und einzig im Sinne jener Spekulanten, die man ja gerade ausbremsen will. Merkel hat klar ausgesprochen, dass es mit einer Regulierung der Finanzmärkte allein nicht getan ist: Die Konsolidierung der Staatshaushalte in Europa und eine schärfere Disziplinierung der Euro-Mitgliedsstaaten sind unumgänglich. Natürlich muss die stärkste Wirtschaftsmacht in diesem Ringen um Stabilität die Führung übernehmen. Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe zeigt dabei, dass die Bundesregierung nun auch die schwerfällige EU-Exekutive antreiben will. Binnenmarktkommissar Michel Barnier mosert zwar leise, dass solch ein Vorgehen abgestimmt werden müsse. Doch er gibt in der gleichen Pressemitteilung zu, dass er seit Januar einem solchen Schritt "Top-Priorität" einräumt - und im Oktober entsprechende Vorschläge unterbreiten wollte. Offenbar haben einige der erregten Manager auch auf diese Behäbigkeit gesetzt - und sich dabei verspekuliert. joerg-helge.wagner@weser-kurier.de

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