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17.03.2008 – 11:00

WDR Westdeutscher Rundfunk

Neue Hoffnung im Irak - Große Umfrage von ARD, ABC, BBC und NHK zeigt erste Anzeichen für Stimmungsumschwung, aber tiefe Spaltung zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden

Köln (ots)

Weniger Gewalt und eine etwas bessere Versorgungslage
bringen 5 Jahre nach Kriegsbeginn wieder vorsichtige Hoffnung zurück 
in den Irak. Das ist das Ergebnis einer großen Umfrage unter mehr als
2200 Irakern, die im Auftrag von ARD, ABC, BBC und NHK vom Institut 
"D3 System" durchgeführt wurde, das auf den Nahen und Mittleren Osten
spezialisiert ist.
Erstmals seit zwei Jahren beurteilt eine Mehrheit der Iraker die 
persönliche Situation wieder überwiegend positiv (55 %) und knapp die
Hälfte (46 %) glaubt, dass es ihnen in einem Jahr noch besser gehen 
wird. "Dieser Stimmungswandel steht in deutlichem Kontrast zu der 
extremen Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und dem Hass auf die 
Besatzungstruppen, die wir noch vor einem Jahr bei einer 
vergleichbaren Umfrage festgestellt haben", erklärte Arnd Henze, der 
als stellvertretender Auslandschef die Studie für den WDR betreut 
hat.
Getrübt wird das Bild allerdings beim Blick auf die extremen 
Gegensätze zwischen den Bevölkerungsgruppen. Während 73 % der Kurden 
und 62 % der arabischen Schiiten ihre persönliche Situation insgesamt
positiv bewerten, beschreiben 67 % der arabischen Sunniten ihre Lage 
immer noch als schlecht - mit deutlich geringerer Hoffnung, dass sich
die Situation grundlegend bessern wird. Nur 12 % von ihnen glauben, 
dass es ihre Kinder einmal besser haben werden, verglichen mit 39 % 
in der Gesamtbevölkerung.
Große Unterschiede gibt es vor allem bei der  Sicherheit im eigenen 
Dorf oder Wohnviertel: 70 % der Schiiten fühlen sich in ihrer 
unmittelbaren Umgebung wieder einigermaßen sicher,  bei den Sunniten 
sind es nur halb so viele. Allerdings gibt es auch hier einen 
Hoffnungsschimmer: vor einem Jahr bezeichneten noch 93 % der Sunniten
die persönliche Sicherheits-Lage als schlecht. "Wir sind mit den 
Werten wieder da, wo der Irak vor der Offensive der US-Truppen stand:
besser als zuletzt, aber immer noch deutlich schlechter als 2004 und 
2005", erläutert Arnd Henze. So berichten immer noch vier von zehn 
Irakern, es habe in den letzten sechs Monaten Selbstmordanschläge, 
Straßenkämpfe, Entführungen oder andere Gewaltaktionen in ihrem 
Wohngebiet gegeben.
Weiter großer Rückhalt für Anschläge auf US-Truppen
Wenig geändert hat sich die Stimmung gegenüber den 
US-Besatzungstruppen. Nur 4 % der Iraker werten den Rückgang der 
Gewalt als Erfolg der US-Truppen, die Verstärkung der Streitkräfte 
wird mehrheitlich als Verschärfung der Lage empfunden und nur jeder 
Fünfte (und das sind vor allem Kurden) hat Vertrauen zu den Truppen. 
42 Prozent der Iraker (bei den Sunniten 57 %) berichten, dass es auch
in den letzten Monaten noch in ihrer Nachbarschaft Gewalt von 
US-Soldaten gegenüber Zivilisten gegeben hat. Entsprechend ist die 
Akzeptanz für Anschläge auf US-Soldaten zwar in allen 
Bevölkerungsgruppen gesunken, mit 42 % (bei den Sunniten sogar 62 %) 
aber immer noch sehr hoch.
Umso auffallender, dass trotz dieser extrem schlechten Noten für die 
USA nur 38 % einen sofortigen Abzug der Besatzungstruppen 
befürworten, während die große Mehrzahl diesen an Bedingungen knüpft.
"Die Iraker wollen einen gut vorbereiteten  Abzug. Sie fürchten ein 
Machtvakuum, einen Bürgerkrieg zwischen den hochgerüsteten Milizen 
und die Bedrohung durch die Nachbarn", erläutert Arnd Henze. Einig 
sind sich die Iraker in ihrer Forderung, dass die USA auch nach einem
Abzug eine große Verantwortung für den Wiederaufbau sowie für den 
Schutz gegenüber Al Qaida, dem Iran und der Türkei übernehmen sollen.
"Hier unterscheidet sich die Stimmung deutlich von der aktuellen 
Wahlkampf-Debatte in den USA, bei der es bisher ausschließlich um den
Zeitplan eines Abzugs, aber nicht um die langfristige Stabilisierung 
des Iraks geht.  Und es zeigt sich, dass die Stimmung der Iraker 
weniger durch einen rein emotionalen Hass auf die USA geprägt ist, 
als durch die sehr rationale Erwartung, dass die Besatzer die 
Verantwortung für den Schaden übernehmen, den sie im Irak angerichtet
haben", so Arnd Henze.
Hohes Vertrauen in Stammesmilizen - Konkurrenz zu regulärer Armee?
Während die USA offensichtlich kein Vertrauen mehr in der 
Bevölkerung gewinnen können und auch die Regierung unter 
Ministerpräsident Maliki auf Skepsis stößt, haben die 
Zustimmungswerte für die irakische Armee (65 %) und die Polizei
(67 %) vor allem bei Sunniten und Schiiten zugenommen. Über diese 
offiziellen Institutionen hinaus hat sich ein weiterer Machtfaktor 
etabliert, der sich der staatlichen Kontrolle noch entzieht, aber vor
allem bei den Sunniten höchstes Vertrauen genießt: die von 
Stammesführern kontrollierten "Al-Sahwa"-Milizen, die auch als "Söhne
des Irak" bekannt sind. Diesen irregulären Truppen, zu denen rund 
80.000 junge Männer gehören, vertrauen 73 % Prozent der Sunniten und 
60 % der Schiiten, weil sie es offensichtlich erfolgreich schaffen, 
Kriminalität und Anschläge zurück zu drängen. Es schwächt die 
Akzeptanz in der Bevölkerung auch nicht, dass diese Milizen von den 
USA finanziert und bewaffnet werden. Allerdings gibt es auch im Irak 
die Sorge, dass sich diese Truppen zu lokalen Bürgerkriegsarmeen 
entwickeln könnten. Einen Ausweg könnte die Eingliederung dieser 
Milizen in die reguläre irakische Armee bieten, was im Ergebnis den 
Einfluss der Sunniten im Staat stärken und ein wichtiger Schritt zur 
Aussöhnung im Lande sein könnte. Eine Mehrheit von 59 Prozent der 
Iraker befürwortet diesen Schritt.
Hatte die große Mehrheit der Sunniten die letzten Wahlen noch 
boykottiert, so meinen heute 95 Prozent in dieser Gruppe, es sei Zeit
sich am politischen Leben zu beteiligen. Ein wichtiger Beitrag dazu 
wäre die Öffnung des Staatsapparates für frühere Mitglieder der 
Baath-Partei von Saddam Hussein - ein Schritt der nicht nur von 95 
Prozent der Sunniten befürwortet wird, sondern inzwischen auch von 
einer großen Mehrheit der Schiiten (63 %).
Rückgang der Gewalt als Folge "ethnischer Säuberungen"
Noch aber prägt die Spannung zwischen den religiösen und 
ethnischen Lagern die Stimmung im Lande. Zwar lehnen 92 % der Iraker 
gewaltsame Umsiedlungen ab, aber die Umfrage belegt auch, dass der 
Rückgang der Gewalt in Teilen das Ergebnis massiver "ethnischer 
Säuberungen" ist. In Gegenden wie Bagdad (ohne Sadr City) und Basrah,
in denen in der Vergangenheit Sunniten und Schiiten als Nachbarn 
lebten, berichtet jeweils mehr als ein Drittel der Befragten von 
gewaltsamen Vertreibungen in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld. "Der 
Rückgang der Gewalt ist leider oft nur das Ergebnis vorangegangener 
Gewaltakte", so Arnd Henze.
Ob sich das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen langfristig 
verbessern wird, hängt davon ab, wie es gelingt, eine Reihe 
gefährlicher Streitpunkte zu entschärfen. Ganz oben auf der Liste 
steht dabei die gerechte Verteilung des Öl-Reichtums. Besonders 
explosiv ist der ungeklärte Status der ölreichen Gegend um Kirkuk, 
die sowohl von Kurden als auch von Sunniten beansprucht wird. In 
beiden Gruppen vertreten jeweils nahezu 100 Prozent der Befragten 
diese unversöhnlichen Positionen. Verschärft wird dieser Gegensatz 
noch dadurch, dass eine Mehrheit der Kurden (52 %) einen unabhängigen
Staat anstrebt, während 95 % der Sunniten an einem vereinigten Irak 
festhalten.
Mehr Lebensmittel, aber weiter kaum Strom, sauberes Wasser und 
Jobs
Neben der Sorge um die Sicherheit bestimmen Alltagsprobleme die 
Stimmung in der Bevölkerung. Vor allem im Raum Bagdad und in der noch
vor kurzem umkämpften Provinz Anbar haben sich Einkommensverhältnisse
und Lebensmittelversorgung der Menschen deutlich verbessert - das 
Ergebnis einer gezielten Förderung durch die USA. Auf der anderen 
Seite leiden jeweils mehr als dreiviertel der Iraker außerhalb der 
Kurdengebiete weiter unter fehlendem Strom (93 Prozent) und sauberem 
Wasser sowie einer schlechten medizinischen Versorgung. Und 70 
Prozent der Befragten beklagen den Mangel an Arbeitsplätzen.
Vier Millionen weitere Flüchtlinge?
Und noch etwas ist beunruhigend: Mehr Iraker als je zuvor (36 %) 
würden ihr Land gerne verlassen und 18 % der Befragten geben an, 
konkrete Auswanderungspläne zu haben. Das sind rund 4 Millionen 
weitere potentielle Flüchtlinge. Auf der anderen Seite glaubt die 
Mehrheit (54 %), es sei noch zu früh für eine Rückkehr der Millionen 
Flüchtlinge, die das Land in den letzten Jahren verlassen haben. "Die
Situation der irakischen Flüchtlinge in den Nachbarländern ist schon 
jetzt katastrophal und stabilisiert die Nachbarländer. Eine weitere 
Auswanderungswelle wird riesige Problem schaffen", warnt Arnd Henze
Iraker wollen nicht allein gelassen werden
Liest man die Umfrage im Zusammenhang, so werden einige Trends 
deutlich: zum einen weckt der Rückgang der Gewalt bei vielen Menschen
die Hoffnung, dass es nun auch mit dem schnellen Wiederaufbau 
vorangeht. Dabei wird es sehr darauf ankommen, die Balance zwischen 
den Bevölkerungsgruppen zu wahren. Ein wichtiger Schritt wird sein, 
die neue Bereitschaft der arabischen Sunniten aufzunehmen, sich in 
den politischen Prozess zu integrieren. Nur wenn die verschiedenen 
Gruppen das Gefühl haben, innerhalb des Staates angemessenen an der 
Macht und an der Verteilung der Resourcen beteiligt zu werden, wird 
die Bereitschaft wachsen, die vielen irregulären Milizen zu 
entwaffnen und in die reguläre Armee zu überführen.
Bei diesem Prozess wollen die Iraker nicht allein gelassen werden. 
Sie geben den USA die Hauptschuld an den Problemen im Land - nun 
erwarten sie ein entsprechendes Engagement, die Probleme zu lösen.
Zum ersten Mal seit langem zeigt die Irak-Umfrage von ARD, ABC, BBC 
und NHK wieder etwas Hoffnung unter den Irakern. Wenn dieser noch 
sehr zerbrechliche Optimismus nicht sehr schnell mit spürbaren 
Verbesserungen im Alltag der Menschen genährt wird, kann die Stimmung
ebenso schnell wieder kippen. Die Antworten zeigen, dass es neben 
objektiven Problemen immer noch viel Hass, Misstrauen und 
Unversöhnlichkeit im Irak gibt - und dass in allen Lagern 
hochgerüstete Kräfte bereitstehen, die ungelösten Konflikte mit 
Gewalt auszutragen. "Als Beleg für eine nachhaltige Trendwende lässt 
sich die Irak-Umfrage noch nicht interpretieren - wohl aber als eine 
dramatische Aufforderung, das Land und seine Menschen nicht 
abzuschreiben", fasst Arnd Henze die Ergebnisse zusammen.
Die Ergebnisse der Umfrage werden am Montag, 17.März zeitgleich in 
Köln, London, New York und Tokio veröffentlicht. In der ARD wird die 
Studie von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn in der 20-Uhr 
Tagesschau sowie in den Tagesthemen präsentiert. Schönenborn würdigte
die Zusammenarbeit der vier großen Fernsehsender und die Leistung des
langjährigen Partner "D3 Systems", der die Umfrage gegen erhebliche 
logistische Widerstände im Irak zum Abschluss bringen konnte. "Es hat
sich gezeigt, dass wir mit unseren bisherigen Umfragen im Irak und in
Afghanistan der breiten öffentlichen Diskussion wichtige Impulse 
geben konnten", erklärt Jörg Schönenborn. "Nur wenn man versteht, wie
die Menschen selbst ihre Situation einschätzen, kann man sinnvoll 
darüber debattieren, was in einem Konflikt hilft und was schadet."
Für die Umfrage wurden 2228 repräsentativ ausgewählte Iraker in allen
18 Provinzen befragt. Die Interviews wurden von rund 150 
ausgebildeten Irakern in arabisch und kurdisch durchgeführt. Die 
Fehlerquote für die landesweiten Werte liegt bei 2,5 Prozent.
Die vollständigen Ergebnisse mit den Vergleichswerten der früheren 
Umfragen ist aufgeschlüsselt nach Bevölkerungsgruppen als link unter 
www.tagesschau.de  einsehbar. Für weitere Rückfragen zu den 
Detailzahlen und Auswertungen steht Arnd Henze zur Verfügung.

Pressekontakt:

Annette Metzinger, WDR-Pressestelle, Telefon 0221-220-2770, -4605
Arnd Henze, stellv. Leiter WDR-Programmgruppe Ausland Fernsehen,
Telefon 0221-220-2382

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