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War Judas der treueste Jünger Jesu?
Mit Unterstützung von NATIONAL GEOGRAPHIC wurde das Judas-Evangelium restauriert und übersetzt/ Religionswissenschaftler feiern das Manuskript als Sensation

Magazin-Cover NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND, Mai 2006
Magazin-Cover NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND, Mai 2006

    Hamburg (ots) -

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    Ein antiker Text behauptet, dass Judas, der Verräter von Jesus Christus, eigentlich sein treuester Jünger war. Nach diesem Manuskript, das den Titel "Judas-Evangelium" trägt, bat Jesus seinen Jünger Judas, ihn an die Römer auszuliefern, um Gottes Willen zu erfüllen. Durch diesen Auftrag erscheint der größte Schurke der Bibel in völlig neuem Licht. Die National Geographic Society präsentierte der Öffentlichkeit heute erstmals Inhalte des Manuskripts. Der Kodex - ein gebundener auf koptisch verfasster antiker Text - wurde in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Ägypten entdeckt und gelangte über Umwege zur Schweizer Maecenas-Stiftung. Die National Geographic Society unterstützte in den vergangenen fünf Jahren die Restaurierung und Übersetzung des Dokuments aus dem Koptischen. Alle wissenschaftlichen Tests haben bisher die Echtheit des Manuskripts bestätigt, das zwischen 220 und 340 n. Chr. entstand. NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND berichtet in der Titelgeschichte der Mai-Ausgabe (EVT 13. 4. 2006) ausführlich über das Evangelium und die neue Sicht auf Judas.

    Die Existenz eines so genannten Judas-Evangeliums war schon sehr lange bekannt. Bereits 180 n. Chr. hatte Irenäus, der Bischof von Lyon, in seinem Werk "Gegen die Häresien" ausdrücklich vor der Lektüre dieses Evangeliums gewarnt. Denn dessen Inhalt passte nicht zu den von der Kirche ausgewählten Texten für das Neue Testament wie die Evangelien nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes.

    Den Texten des Neuen Testaments zufolge starb Jesus am Kreuz, nachdem der Apostel Judas ihn im Garten Gethsemane für 30 Silberlinge an die römische Besatzungsmacht verraten hatte. Seither steht der Name Judas im christlichen Kulturkreis für das Böse schlechthin. Im jetzt restaurierten Judas-Evangelium wird der Verrat aber zur Ruhmestat: Judas ist der Einzige, der die Botschaft Jesu versteht. Er wird von Jesus in alle Geheimnisse eingeweiht und von ihm beauftragt, seinem Meister einen letzten Dienst zu erweisen. In der wichtigsten Passage des Manuskripts sagt Jesus zu Judas: «...du wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich kleidet.» Die mit der Übersetzung beauftragten Religionswissenschaftler interpretieren diese Aussage so, dass Judas Jesus zwar den Tod brachte, ihm damit aber einen letzten Gefallen erwies. Denn mit seiner Hilfe konnte die leibliche Hülle Jesu, die als Werk dummer Gottheiten galt, ans Kreuz geschlagen werden. Dieses Manuskript liefert nach fast 2000 Jahren ein neues Bild der meistgehassten Person des Christentums. Auch die Folgen der Auslieferung sind Judas bewusst: "Du wirst verflucht werden", hat ihn Jesus diesem Text zufolge gewarnt.

    Bei dem restaurierten Judas-Evangelium handelt es sich um einen auf Koptisch geschriebenen Kodex, der offenbar aus dem Griechischen übersetzt wurde. In dieser Sprache wurden im 1. und 2. Jahrhundert die meisten christlichen Texte verfasst. Religionswissenschaftler sind sich einig, dass die Schrift wichtige neue Einblicke in das Denken der frühen Christen gibt. Eine große Gruppe von ihnen glaubte, dass Judas nicht aus niederen Motiven gehandelt hat.

    Nach Meinung des Augsburger Religionswissenschaftlers Gregor Wurst, der maßgeblich an der Restaurierung und Übersetzung des Manuskripts beteiligt war, wollte der Verfasser des Judas-Evangeliums vor allen Dingen provozieren: "Er suchte die Herausforderung mit anderen in der Diskussion um die ,richtige´ Jesus-Überlieferung", schreibt Wurst in der Mai-Ausgabe des NATIONAL GEOGRAPHIC-Magazins. Der Verfasser des Evangeliums wird dem Gnostizismus zugeordnet, einer Glaubensrichtung, die den jüdischen Schöpfungsgedanken ablehnt. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt des neuen Evangeliums wird dessen Interpretation neue Erkenntnisse über das Denken der gnostischen Christen in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts geben.

    Vor seiner Restaurierung war das Manuskript über verschlungene Wege von Ägypten nach Europa und in die USA gelangt. Bevor die Zürcher Antiquitätenhändlerin Frieda Nussberger-Tchacos das Judas-Evangelium im Jahr 2000 für etwa 300.000 Dollar erwarb, hatte es stark gelitten und war so brüchig, dass es bei der geringsten Berührung zerbröselte. Die Händlerin übergab das Manuskript der Schweizer Maecenas-Stiftung für antike Kunst, die es in fünfjähriger penibler Kleinarbeit restaurieren und übersetzen ließ. Die National Geographic Society und das Waitt Institute for Historical Discovery finanzierten diese Arbeiten. NATIONAL GEOGRAPHIC erhielt das Recht, das vollständige Evangelium zu veröffentlichen. Der 26 Seiten lange Text ist nach Einschätzung von Experten für das frühe Christentum die aufregendste Entdeckung seit Jahrzehnten.

    Das Cover und weiteres Bildmaterial schicken wir Ihnen zur Illustration dieser Meldung gerne per Mail zu. Wir stellen auch gerne den Kontakt zu wissenschaftlichen Experten her. Im Internet finden Sie unter www.nationalgeographic.de/judas eine gekürzte Fassung des Artikels der Mai-Ausgabe.

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