Alle Storys
Folgen
Keine Story von Universität Osnabrück mehr verpassen.

Universität Osnabrück

UOS fragt nach: Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald von der Universität Osnabrück über neue und alte Rollenbilder

UOS fragt nach: Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald von der Universität Osnabrück über neue und alte Rollenbilder
  • Bild-Infos
  • Download

Seit 2010 hat Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald an der Universität Osnabrück die Professur für Mikrosoziologie und qualitative Methoden inne. In der Interviewreihe „UOS fragt nach“ sprachen wir über Geschlechtergleichheit, a-pädagogische Erziehungsstile – und Männer mit Grillzangen.

„Die Gleichheitsidee hat paradoxe Effekte“

Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald von der Universität Osnabrück über neue und alte Rollenbilder

Seit 2010 hat Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald an der Universität Osnabrück die Professur für Mikrosoziologie und qualitative Methoden inne. In der Interviewreihe „UOS fragt nach“ sprachen wir über Geschlechtergleichheit, a-pädagogische Erziehungsstile – und Männer mit Grillzangen.

Herr Prof. Maiwald, Sie beschäftigen sich mit Geschlechtergerechtigkeit und sprechen von einer „Paradoxie der Gleichheit“. Was meinen Sie damit?

Wir reden heute sehr viel über Gleichheit zwischen Männern und Frauen. Die klassische Vorstellung von Rollenverteilungen in Familien gilt eigentlich als überholt. Gleichzeitig sehen wir aber, dass sich im Alltag viele Ungleichheiten hartnäckig halten. Das ist eines der großen Rätsel der Geschlechterforschung.

Ein Problem ist dabei schon der Begriff der „Rolle“. Das klingt so, als würden Menschen bewusst bestimmte Rollen einnehmen. Tatsächlich haben sich die normativen Vorstellungen stark verändert. Wenn man Menschen direkt fragt, sagen fast alle: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das zieht sich durch nahezu alle sozialen Milieus.

In der Praxis sieht es aber oft anders aus?

Ja. Wenn man sich den Alltag von Paaren anschaut, sieht man nicht unbedingt mehr Gleichheit. Besonders deutlich wird das nach der Geburt des ersten Kindes. Dann nimmt die Ungleichheit häufig zu – und sie verschwindet auch nicht wieder vollständig. Man könnte ja erwarten, dass sich das irgendwann ausgleicht, wenn die Kinder älter werden. Das passiert teilweise, aber eben nicht komplett. Familiengründung hat nach wie vor einen traditionalisierenden Effekt.

Woran liegt das? Früher wurde oft argumentiert, Männer seien in Partnerschaften häufig etwas älter, dadurch schon länger im Berufsleben und verdienten entsprechend mehr Geld. Deshalb würden viele Frauen zu Hause bleiben oder in Teilzeit arbeiten. Weil es sich schlicht rechnet.

Das spielt sicherlich teilweise eine Rolle, aber weniger stark als früher. Familien werden heute deutlich später gegründet. Beide Partner sind meist schon beruflich etabliert, wenn sie heiraten und Kinder bekommen. Deshalb erklärt das die Entwicklung nicht vollständig.

Interessant ist eher etwas anderes: die symbolische Rückkehr traditioneller Geschlechterbilder.

Was meinen Sie damit?

Man sieht es etwa bei Hochzeiten. Viele heterosexuelle Paare heiraten heute traditioneller als ihre Eltern. Oft wird dabei US-amerikanischen Vorbildern gefolgt: Da gibt es den Heiratsantrag auf den Knien, die romantische Inszenierung, die Braut wird vom Vater zum Altar geführt.

Das ist bemerkenswert, weil diese Praktiken eigentlich aus einer Zeit stammen, deren Geschlechterbilder man offiziell längst hinter sich gelassen hat.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Noch keine abschließende. Aber ich glaube, dass die starke Durchsetzung der Gleichheitsidee einen paradoxen Effekt hat: Man nimmt Ungleichheiten im Alltag weniger wahr. Die normative Vorstellung lautet heute: Natürlich sind Männer und Frauen gleich. Dadurch fehlt oft das Sensorium für tatsächliche Ungleichheiten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben Interviews mit Jugendlichen geführt. Darin schilderten junge Frauen durchaus Situationen von Ungleichbehandlung oder sexistischen Bemerkungen durch Lehrkräfte. Aber sie selbst ordneten das gar nicht als problematisch ein.

Eine Schülerin erzählte etwa von einem Lehrer, der sagte, dass die Risse in ihrer Jeans „ihn ganz durcheinanderbringen“ würden. Früher hätte man das sofort als übergriffig eingeordnet. Heute wird das oft eher als harmlos wahrgenommen – weil viele gar nicht mehr glauben, dass solche Geschlechterbilder noch existieren.

Gleichzeitig gibt es im Internet neue Formen von Männlichkeitskulturen: die Manosphere.

Ja, es gibt eine neue Machokultur. Wir sehen das auch am allgemeinen Erscheinungsbild, beispielsweise an der Vielzahl der Barbershops, dem feingestutzten Vollbart – aber ich glaube nicht, dass wir einfach zu alten Verhältnissen zurückkehren.

Ich würde eher sagen: Geschlecht wird heute situativ hervorgeholt. In vielen Alltagssituationen spielt Geschlecht kaum eine Rolle. Aber in bestimmten Kontexten wird es plötzlich sehr stark betont – etwa, wenn nach dem Fußballspiel der Webergrill rausgeholt wird. Die Bedeutung des Grillens als männliche Tätigkeit ist ja fast schon absurd stereotyp und albern. Aber genau deshalb ist es interessant.

Auf der anderen Seite gibt es das Phänomen der Tradwives…

…bei denen man sich fragen muss, inwiefern es sich nicht nur um einen Social-Media-Trend handelt. Im Grunde ist es doch ein performativer Widerspruch: Hier wird ein konservativer Lebensstil propagiert und gleichzeitig ein sehr zeitgenössisches Geschäftsmodell gelebt.

Warum greifen Menschen überhaupt auf alte Rollenbilder zurück?

Meine Vermutung ist: Diese Symbole geben Orientierung. Moderne Lebensführung ist komplex geworden. Die klassischen Rollenmodelle sind verschwunden, gleichzeitig müssen Menschen ihr Leben heute sehr eigenständig gestalten. Das ist ein Gewinn an Freiheit – aber eben auch anstrengend.

Viele suchen deshalb nach festen Mustern. Heiraten wird dann beispielsweise zu einem nächsten logischen Schritt, weil man eine Struktur braucht: Das macht man eben so.

Sie forschen ja auch zu Familien - sehen Sie hier ähnliche Entwicklungen?

Ja, auch in modernen Familien wird vieles ausgehandelt. Kinder werden stark einbezogen, Eltern wollen möglichst auf Augenhöhe agieren. Das Problem ist nur: Die grundlegende Asymmetrie zwischen Eltern und Kindern verschwindet dadurch natürlich nicht.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer „a-pädagogischen Haltung“.

Genau. Viele Eltern verstehen sich heute gar nicht mehr als erziehende Instanz. Kinder gelten gewissermaßen als vollständige Persönlichkeit, deren Wünsche möglichst nicht infrage gestellt werden sollen.

Ein Beispiel: Wenn die Tochter unbedingt im Prinzessinnenkostüm in den Kindergarten möchte, wird das nicht mehr als etwas gesehen, das man pädagogisch begleiten müsste, sondern als Ausdruck ihrer Persönlichkeit.

Welche Folgen hat das?

Ich glaube, dass dadurch Reibung fehlt – und Reibung ist wichtig für Entwicklung. Interessanterweise sind die Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen heute deutlich harmonischer als früher. Konflikte nehmen ab. Das klingt zunächst positiv. Aber gleichzeitig fehlt jungen Menschen manchmal die Erfahrung, sich wirklich an etwas abzuarbeiten oder sich gegen Erwartungen zu positionieren.

Beobachten Sie das auch bei Studierenden?

Ich habe den Eindruck, dass Studierende früher reifer waren und jetzt bei manchen die eigentliche Adoleszenz erst im Masterstudium beginnt – nämlich dann, wenn plötzlich echte Entscheidungen getroffen werden müssen und keine klaren Strukturen mehr vorgegeben sind. Der Übergang von der Schule ins Bachelorstudium scheint für viele hingegen fließend.

Wie sollen wir diese Tendenzen einordnen? Stehen wir kurz vor dem großen „Backlash“, stehen alle Errungenschaften bezüglich Diversität und Feminismus auf dem Spiel?

Ich bin da nicht so pessimistisch. Ich glaube nicht, dass wir einfach zu alten Geschlechterrollen zurückkehren werden. Dafür sind die gesellschaftlichen Veränderungen zu tiefgreifend. Aber wir sehen offenbar, dass Freiheit und Autonomie auch überfordern können. Und dann greifen Menschen auf symbolische Muster zurück – auf Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit oder romantischen Ritualen –, um ihrem Leben Orientierung zu geben. Das ist, glaube ich, eine zentrale Entwicklung unserer Gegenwart.

Zur Person: Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald hat seit 2010 die Professur für Mikrosoziologie und qualitative Methoden an der Universität Osnabrück inne. Seit 2020 ist er Ko-Sprecher der Forschungsstelle Geschlechterforschung an der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Geschlechtersoziologie, Paar- und Familienforschung, Mikrosoziologie und qualitativer Sozialforschung.

Zur Reihe: In der Interviewreihe „UOS fragt nach“ berichten Expertinnen und Experten der Uni Osnabrück im Gespräch mit der Pressestelle über ihre Forschung und beziehen Stellung zu aktuellen und alltäglichen Themen. Von Politik bis Pädagogik, von Kunst bis KI – UOS fragt nach.

Weitere Informationen für die Medien:

Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald, Universität Osnabrück

Institut für Sozialwissenschaften

kai-olaf.maiwald@uni-osnabrueck.de

Cornelia Achenbach, Universität Osnabrück
Kommunikation und Marketing / Redakteurin
Neuer Graben 29/Schloss, 49074 Osnabrück

E-Mail: cornelia.achenbach@uni-osnabrueck.de

Weiteres Material zum Download

Dokument:  05_UOS_fragt_nach_Ma~ald_Juni 2026_.docx
Weitere Storys: Universität Osnabrück
Weitere Storys: Universität Osnabrück