Pauschalreisen, Macht und das Spiel mit der Wartezeit im Mittelalter
Seit April 2024 hat Prof. Dr. Christoph Mauntel die Professur für Geschichte des Mittelalters inne und forscht unter anderem zu Mobilität, Reisen und Verzögerungen. Ein Gespräch über pauschal reisende Pilger und vormodernes Warten als Bestandteil von Mobilität im Mittelalter.
Pauschalreisen, Macht und das Spiel mit der Wartezeit im Mittelalter
Seit April 2024 hat Prof. Dr. Christoph Mauntel die Professur für Geschichte des Mittelalters inne und forscht unter anderem zu Mobilität, Reisen und Verzögerungen. Ein Gespräch über pauschal reisende Pilger und vormodernes Warten als Bestandteil von Mobilität im Mittelalter.
Prof. Mauntel, wohin sind Sie das letzte Mal gereist?
Ich pendle regelmäßig mit der Bahn nach Osnabrück. Kurz vor Weihnachten bin ich mit der Bahn für einen Vortrag nach Paris gefahren.
Wie hätte diese Reise im Mittelalter ausgesehen?
Boten oder Gesandte waren mitunter zu Pferd unterwegs. Das war aber teuer, ebenso wie Kutschen, daher ist man hauptsächlich zu Fuß gegangen. Dadurch hätte meine Reise nach Paris deutlich länger gedauert!
Sie haben Boten und Gesandte erwähnt. Wer ist im Mittelalter noch gereist?
Die Gesellschaft zwischen 500 – 1500 war mobiler, als wir oft denken. Wichtig ist die Unterscheidung: „Was ist Reisen und was ist Mobilität?“. Mobil waren beinahe alle, wenn auch teils nur auf rudimentäre Weise. So mussten Bauern regelmäßig Abgaben an den Herrenhof bringen. Könige hingegen reisten im Früh- und Hochmittelalter mit ihrem Hof umher, da es zu dieser Zeit noch keine Hauptstädte gab – dann waren in manchen Fällen bis zu 1000 Menschen zusammen auf Reisen. So kann man fast durch alle Schichten gehen: Kaufleute zogen für den Handel von Stadt zu Stadt, ebenso diejenigen, die Krieg führten.
Hat sich das Phänomen „Reisen“ im Mittelalter verändert?
Was mich besonders interessiert, ist, dass vor allem längere Reisen über die Zeit planbarer wurden. Pilgerreisen wurden beispielsweise zunehmend professionalisiert: In Venedig konnten Pilger gewissermaßen eine Pauschalreise nach Jerusalem buchen, inklusive einer Führung vor Ort, einer Überfahrt über das Mittelmeer und Einreisedokumenten in das Heilige Land. Gleichzeitig sehen wir eine Intensivierung des Botensystems und im Spätmittelalter entstand ein professionelles Postsystem, wodurch auch Diplomatie effektiver koordiniert werden konnte. Dafür war es wichtig zu wissen, wo sich die Herrscher zu welcher Zeit aufhielten. Im Frühmittelalter wusste selbst der König womöglich nicht, wo er in vier Wochen sein würde. Eine genauere Planung kam erst später.
Meinen Sie, dass durch diese Planbarkeit erst ein Bewusstsein für Verzögerungen und Wartezeiten entstanden ist?
Mein Eindruck ist, dass die Menschen schon zu früheren Zeiten sensibel für ihre Pläne und deren Umsetzung waren. Ich frage mich eher, wie hoch die Toleranz für Verzögerungen und Wartezeiten war. Ich glaube, es gibt Gesellschaften – und da gehört das Mittelalter vermutlich dazu – in denen die Menschen ganz gut mit Verzögerungen leben und lebten. Es war bekannt, dass sich beispielsweise Seefahrten aufgrund des Wetters nicht genau planen ließen. Gleichzeitig hängt die Wahrnehmung des Wartens auch von dem Verfasser eines Reiseberichts ab. Aus einigen Berichten spricht deutlich die Ungeduld.
Heute nutzen wir meist Smartphones, um uns vom Warten abzulenken. Wie haben die Menschen im Mittelalter Wartezeiten überbrückt?
Ein spannendes Beispiel sind Gesandte, die an die Höfe fremder Herrscher geschickt wurden. Sie waren gewissermaßen Profis im Warten und haben die Zeit genutzt, um sich vor Ort zu vernetzen und das Anliegen ihrer Auftraggeber umzusetzen. Sie wussten aber auch, wie lange ein Herrscher sie auf eine Audienz warten lassen durfte. Der Gesandte des römischen Kaisers Otto I., Liutprand von Cremona, beschrieb zum Beispiel im Jahr 968 in seinem Bericht die schlechte Behandlung am Hof Konstantinopels. Man ließ ihn nicht nur lange warten, sondern auch buchstäblich im Regen stehen. Das zeigt, dass es ein Bewusstsein dafür gab, wie lange eine Wartezeit bemessen am gesellschaftlichen Rang des Auftraggebers eigentlich dauern darf. Wenn dieser Zeitraum überschritten wurde, wurden die Gesandten nervös oder protestierten.
Das klingt, als wäre das Warten strategisch eingesetzt worden…
Ja, das gibt es auch heute noch unter Regierungsvertretern. Die Person, die bestimmt, wann das Treffen stattfindet, hat Macht. Und das sehen wir im Mittelalter sogar über unterschiedliche Kulturen hinweg. Warten und warten lassen scheint von allen auf ähnliche Weise verstanden worden zu sein.
Umfassende Reisen waren im Mittelalter, ebenso wie heute, mit einem hohen Kostenaufwand verbunden. War es bereits im Mittelalter ein Luxusgut?
Reisen, das geht aus den Quellen hervor, war im Mittelalter erst einmal nichts Positives, weil es mit Arbeit und Gefahr verbunden war. Reisende erreichten die Zielorte meist zu Fuß und waren dabei dem Wetter, Krankheiten und Räubern ausgesetzt. Das ist kein Luxus, sondern ein Risiko, das man vermeiden wollte. Das änderte sich erst im 15. und 16. Jahrhundert, als der Adel anfing, zu Repräsentationszwecken zu reisen. Im Mittelalter war es jedoch eher Pflicht oder Wagnis, mobil zu sein und weniger Ausdruck von Freiheit.
Sehen Sie darin den großen Unterschied zur Mobilität und zum Reisen heute?
Nicht unbedingt. Unter finanziell gut gestellten Menschen aus sicheren Herkunftsländern sicherlich. Aber auch heute sind Millionen Menschen aus Gründen wie Krieg oder Armut mobil bzw. auf der Flucht. Auch hier kommt wieder der Aspekt des Wartens hinzu. Geflüchtete warten in Deutschland zumeist Monate oder Jahre auf ihren Asylbescheid und müssen die Zeit – da oft keine Zukunftsperspektive geboten wird – überbrücken. Mit diesem Aspekt beschäftigen sich vor allem Forschende der Soziologie und Ethnologie – ebenso die Kolleginnen und Kollegen des Osnabrücker Sonderforschungsbereichs 1604 „Produktion von Migration“.
Und dann gibt es natürlich noch die Berufsmobilität, das Pendeln zur Arbeit eingeschlossen. Auch das ist Pflicht und macht nicht immer Spaß.
Zur Person: Seit dem 1. April 2024 hat Prof. Dr. Christoph Mauntel die Professur für Geschichte des Mittelalters an der Universität Osnabrück inne. Seine Forschung fokussiert sich unter anderem auf Kartographie und geographische Vorstellungen, Mobilität und Reisen sowie Gewalt im Mittelalter.
Zur Reihe: In der Interviewreihe „UOS fragt nach“ berichten Expertinnen und Experten der Uni Osnabrück im Gespräch mit der Pressestelle über ihre Forschung und beziehen Stellung zu aktuellen und alltäglichen Themen. Von Politik bis Pädagogik, von Kunst bis KI – UOS fragt nach.
Weitere Informationen für die Medien:
Prof. Dr. Christoph Mauntel
Historisches Seminar, Universität Osnabrück
cmauntel@uni-osnabrueck
Vivienne Vent, Universität Osnabrück Kommunikation und Marketing / Volontärin Wissenschaftskommunikation Neuer Graben 29/Schloss, 49074 Osnabrück
E-Mail: vivienne.vent@uni-osnabrueck.de
Weiteres Material zum Download Dokument: 03_UOS_fragt_nach_Ma~el_Januar 2026.docx