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Grüne Woche 2014: Global Forum for Food and Agriculture: Nur eine widerstandsfähige Landwirtschaft kann die Welternährung sichern

Berlin (ots) - Mit drei Veranstaltungen der Spitzenklasse fand gestern das 6. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) seinen Höhepunkt. Nachdem am Vormittag rund 1.500 Gäste die Diskussion auf dem GFFA-Podium verfolgt hatten, traf sich am Nachmittag die Lebensmittel- und Ernährungsindustrie auf dem Internationalen Wirtschaftspodium. Zeitgleich hielten Agrarministerinnen und -minister aus fast 70 Ländern mit hochrangigen Vertretern der Weltbank, der EU-Kommission, der Welternährungsorganisation FAO und des UN-Umweltprogramms UNEP den Berliner Agrarministergipfel ab.

Die größte globale Aufgabe ist es, den Hunger in der Welt zu beseitigen und das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen. Dies betonten 69 Ministerinnen und Minister zum Abschluss des 6. Berliner Agrarministergipfels, zu dem Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich eingeladen hatte. Der Gastgeber hob die zentrale Rolle hervor, die der Landwirtschaft bei der Beseitigung des Hungers zukommt -vor allem mit Blick auf eine wachsende Weltbevölkerung, knapper werdende Ressourcen und die Auswirkungen des Klimawandels. Um diese Herausforderungen zu meistern, müsse der Agrarsektor leistungs-, anpassungs- und widerstandsfähiger gemacht werden. Hierfür seien drei Faktoren entscheidend: Vielfalt, Nachhaltigkeit und Produktivität.

In ihrem Abschlusskommuniqué erklärten die Regierungsvertreter, sich für den Erhalt der Vielfalt von genetischen Ressourcen, Produktionsmethoden und Betriebsformen einzusetzen. Hierfür sollten unter anderem die Nutzpflanzenforschung und die Einrichtung von Genbanken gefördert werden. Zudem wollen die Regierungsvertreter die Landwirtschaft klimafreundlicher gestalten und sich für ein nachhaltiges Management der knappen natürlichen Ressourcen einsetzen, damit vor allem Wasser und Böden den Betrieben auch in Zukunft ausreichend zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse des Berliner Agrarministergipfels fließen in die aktuelle Diskussion der Vereinten Nationen zur Gestaltung der Post-2015-Agenda ein. Diese löst die Millenniums-Entwicklungsziele ab, die von der Staatengemeinschaft im Jahr 2000 in New York festgelegt wurden. Friedrich übergab das Kommuniqué im Anschluss an das Gipfeltreffen an die Vorsitzende des Welternährungsausschusses (CFS) bei der FAO, Gerda Verburg, und den Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs für Nahrungssicherung und Ernährung, David Nabarro.

Vor dem Agrarministergipfel hatte Friedrich bereits Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf dem internationalen GFFA-Podium begrüßt und dabei die gemeinsame Verantwortung aller Akteure für die globale Ernährungssicherung hervorgehoben. "Nur gemeinsam kann die Weltgemeinschaft im Kampf gegen Hunger erfolgreich sein", sagte der Minister und nannte als positives Signal zwei jüngste politische Entscheidungen auf EU-Ebene: die Abschaffung sämtlicher Exporterstattungen für Agrarprodukte und die Regulierung der Finanzmärkte, mit denen Spekulationen an den Agrarmärkten eingedämmt werden sollen.

Lösungen für die Stärkung des ländlichen Sektors gibt es bereits viele, meinte die Vorsitzende des Welternährungsausschusses, Gerda Verburg, in ihrem Eröffnungsstatement; häufig stehen sie den Betroffenen jedoch nicht zur Verfügung. "Wir müssen sicherstellen, dass die Landwirte ausreichend Investitionsmöglichkeiten haben, damit sie ihr Einkommen sichern können", so Verburg. Zudem bräuchten sie Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen und neuesten Technologien. Kleinbauern und speziell Frauen blieben hier oft außen vor.

In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Frage, welchen Beitrag Produktionssteigerungen und hier vor allem die Pflanzenzüchtung zur Ernährungssicherung leisten können und welche Rolle bäuerliche Familienbetriebe dabei spielen. "Zuallererst ist wichtig, dass unsere Bauern sich ernähren können. Doch müssen sie auch ein Einkommen erzielen können, und dafür ist es nötig, die Produktivität zu steigern", betonte Robert Sichinga, Landwirtschaftsminister der Republik Sambia. Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von unter 500 US-Dollar müsse der Staat die Bauern unterstützen, damit sie ihr Einkommen auf dem Land erwirtschaften und so die Ernährung der Bevölkerung sichern können. Subventionen für Düngemittel, Saatgut und Agrarberatung machen - gemeinsam mit Beihilfen für die Konsumenten - die Hälfte des sambischen Agrarbudgets aus, so Sichinga.

Wie Sambia setzt auch Griechenland auf bäuerliche Familienbetriebe. Für Agrarminister Athanasios Tsaftaris sind sie der Garant für Vielfalt. "Wir wollen den Landwirten dabei helfen, multifunktionale Bewirtschaftungssysteme zu entwickeln", sagte Tsaftaris. Um die Schlagkraft und Verhandlungsmacht der Betriebe zu stärken, sollten Bauernzusammenschlüsse gefördert werden. Das Dilemma, auf der einen Seite mehr produzieren zu müssen, auf der anderen Seite aber mit knapper werdenden natürlichen Ressourcen und steigenden Betriebsmittelpreisen agieren zu müssen, lasse sich nur durch Innovationen lösen. "Hieran hat verbessertes Saatgut einen entscheidenden Anteil", so Tsafaris. Allerdings sollten sich die großen Pflanzenzuchtunternehmen nicht nur auf Hauptkulturen wie Getreide oder Mais konzentrieren.

Die Rolle der Gentechnik wurde erwartungsgemäß kontrovers diskutiert. Philip von dem Bussche, Vorstandssprecher der KWS Saat AG, betonte, dass Gentechnik einen Beitrag zur Lösung des Hungerproblems leisten könne, allerdings nicht den einzigen und auch nicht den wichtigsten. Von Seiten der Industrie sei der Fehler begangen worden, zu hohe Erwartungen zu wecken - entsprechende Fortschritte, etwa bei der Züchtung trockentoleranter Sorten, seien oft erst nach 20 bis 30 Jahren zu erwarten. "Für uns ist entscheidend, dass Verbraucher und Landwirte die Wahlfreiheit haben", stellte von dem Bussche klar.

Hans Herren, Gründer der Biovision Foundation, gab zu bedenken, dass auf schlechten Böden auch gentechnisch veränderte Sorten keine guten Erträge bringen werden. In Afrika habe sich gezeigt, dass die Maiserträge mit lokalen Sorten um das Zehnfache gesteigert werden können, da diese beispielsweise gut mit Krankheiten und Schädlingen umgehen können. Zudem bräuchten Hochertragssorten häufig mehr Wasser und Düngemittel, die in diesen Ländern oft nicht zur Verfügung stehen. "Es kommt darauf an, das gesamte Produktionssystem zu verstehen, die Erfahrungen der Bauern einzubeziehen und integrierte Lösungen zu finden", so der Träger des Alternativen Nobelpreises 2013.

Auf dem Internationalen Wirtschaftspodium standen der Klimawandel und die Herausforderungen, die er für die Branche mit sich bringt, im Vordergrund. Hermann Lotze-Campen, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, gab zu bedenken, dass die Auswirkungen klimatischer Veränderungen alle Regionen der Welt betreffen. Verschieben sich beispielsweise die Monsunregenfälle und schmelzen zudem die Gletscher ab, sind mehr als zwei Milliarden Menschen direkt betroffen. Zudem seien Klimasysteme sehr komplex, vor allem kurzfristig ließen sich kaum Vorhersagen treffen. "Wir müssen zugeben, dass wir hier an der Grenze dessen sind, was wir wissen", so Lotze-Campen. Für die Landwirtschaft könnten Faktoren wie ausbleibende Regenfälle die Folge haben, dass Spezialisierungen aufgegeben werden und die Produktion insgesamt diversifiziert wird. Emissionen aus der Landwirtschaft müssten mit Abgaben belegt werden, so dass die Betriebe einen Anreiz hätten, in neue Technologien zu investieren.

Mit dem neu erwachten Interesse der Staatengemeinschaft für die ländlichen Räume seit der Nahrungsmittelpreiskrise im Jahr 2008 sind auch die Investitionen in die Landwirtschaft wieder gestiegen. Allerdings, so Rachel Kyte, Sonderbeauftragte für Klimawandel der Weltbank-Gruppe, beschäftige sich ein Großteil der Agrarforschung mit den drei Hauptkulturen Reis, Mais und Getreide. Diese seien aber allesamt anfällig für klimatische Veränderungen. "Wir müssen mehr in Grundnahrungsmittel investieren, die mit dem Klimawandel besser umgehen können", forderte Kyte.

Für Lambert Muhr, Abteilungsleiter Special and Financials Risks - Agro beim Rückversicherer Munich Re, sind unter fragilen Bedingungen neue Wege im Versicherungswesen vonnöten. Statt herkömmlicher Verfahren mit individueller Schadensfeststellung sollten indexbasierte Versicherungen zum Einsatz kommen. Muhr verwies auf die erfolgreiche Einführung von Mikroversicherungen in Indien und China, 15 Millionen Kleinbauern seien dort bereits entsprechend versichert. Für ein besseres Risikomanagement biete es sich an, mit Produzentenorganisationen zu arbeiten, deren Mitglieder unter ähnlichen sozio-ökonomischen Bedingungen wirtschaften.

Achim Steiner, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms, gab zu bedenken, dass dem Klimawandel möglicherweise leichter zu begegnen sei als dem Welthunger. Einerseits werden immer mehr Nahrungsmittel benötigt, andererseits geht immer mehr wertvolles Ackerland verloren. Im Jahr 2020, so Steiner, werden zudem zwei Drittel der Menschen in Gebieten mit Wasserknappheit leben. Auch erinnerte er daran, dass ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel die Verbraucher nie erreichen. "Wir müssen uns darauf einstellen, unsere Lebensmittelerzeugung in Zukunft umzustellen", so Steiner. "Wir dürfen Landwirte nicht nur als Produktionsmaschinen sehen, sie müssen auch Hüter der natürlichen Ressourcen sein." Der UNEP-Vertreter sprach sich dafür aus, Zahlungen für Umweltdienstleistungen fest in das Produktionssystem zu integrieren.

Martin Richenhagen, Vorstandsvorsitzender der AGCO Corporation, ist überzeugt, dass es gelingen kann, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. In den vergangenen Jahrzehnten habe es enorme Fortschritte durch verbesserte Technologien gegeben. "Unsere Branche investiert Milliarden, um sicherzustellen, dass die Technik den Bedürfnissen der Landwirte entspricht, dass sie umweltfreundlicher wird." Richenhagen sieht vor allem in Afrika großes Potenzial, dort lägen 60 Prozent der weltweiten Ackerreserven, zudem sei das Lohnniveau niedriger als in China. Allerdings brauche der Privatsektor geeignete Rahmenbedingungen - und vor allem keine Einschränkungen durch gesetzliche Regulierungen.

Das Global Forum for Food and Agriculture wird seit 2009 im Rahmen der Internationalen Grünen Woche veranstaltet. Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt treffen sich in Berlin, um über zentrale Zukunftsfragen der globalen Landwirtschaft und Ernährung zu diskutieren. In diesem Jahr stand das GFFA unter dem Motto "Landwirtschaft stärken: Krisen meistern - Ernährung sichern".

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