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Neue Westfälische (Bielefeld): Start der Weltmeisterschaft in Russland Politik verdirbt Spaß am Fußball Miriam Scharlibbe

Bielefeld (ots) - Diese WM ist anders. Das ist schon an Tag 1 zu spüren. Weltmeisterschaften sind immer politisch, mögen Kritiker noch so sehr flehen, man solle dem Spiel und der Freude am Fußball einfach seinen Lauf lassen. Aber selten hat die Weltpolitik den Gastgeber so geschlossen in den Blick genommen. Menschenrechtler, Staatschefs und die Opposition im eigenen Land warten mit Spannung, ob Wladimir Putin mehr zustande bringt, als die teuerste WM aller Zeiten. Es gibt genug Gründe, über den Spielfeldrand hinauszugucken. Die Krim-Annexion, der russische Einfluss auf die US-Wahl, die Kriege im Donbass und Syrien und der Giftanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Skripal. Man könnte auch über Oleh Senzow reden, den ukrainischen Regisseur, der von Russen auf der Krim festgenommen, zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde und seit Wochen im Hungerstreik ist. Die WM kann helfen, Menschen wie Senzow nicht zu vergessen. Aber die Diplomatie hat in den vergangenen Monaten nicht gerade ihre Sternstunde gehabt. Sanktionen, Diplomatenausweisungen, Drohgebärden - die Fronten zwischen Ost und West sind verhärtet, die Beziehung zwischen Russland und Deutschland von maximalem Misstrauen durchtränkt. Es ist schwer vorstellbar, dass Fußball das zerrüttete Verhältnis wieder aufbauen kann. Bisher ist unklar ob Bundeskanzlerin Angela Merkel überhaupt neben Putin auf der Ehrentribüne Platz nehmen wird. Dem Mann, der sich wichtiger nimmt als Recht und Gesetz. Was bleibt ist die Hoffnung auf vier Wochen Begegnung mit der russischen Seele. Russen sind grandiose Gastgeber. Das Land hat eine tolle Küche vorzuweisen, abwechslungsreiche Landschaften und eine beeindruckende Geschichte. Für Begegnungen dieser Art ist ein Mindestmaß an persönlicher Bewegungsfreiheit der Gäste Voraussetzung. Eine Sonderregelung des Innenministeriums verpflichtet aber alle Ausländer, sich innerhalb von drei Tagen bei der Polizei oder der Migrationsbehörde zu melden. Persönlich. Die vom Präsidenten so gelobten Visaerleichterungen während der WM sind eher ein schlechter Witz. Eingeschränkter Alkoholverkauf rund um die Stadien, präventive Hausbesuche der Polizei bei Hooligans, herausgeputzte Innenstädte: Die Fans und die Weltöffentlichkeit werden ein sauberes Russland zu sehen bekommen. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Doch während einer WM kann bekanntlich alles passieren und das Unmögliche wahr werden. In vier Wochen werden wir wissen, mit welchem Untertitel dieses Turnier in die Geschichte eingehen wird. Favorisierter Vorschlag: Die WM, bei der erstmals seit 56 Jahren ein Weltmeister seinen Titel verteidigte und zwei Völker wieder zueinander fanden.

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